Interview mit Blockflöte des Todes


Matthias Schrei versteckt in seinen Songs auch Tiefgang - doch das wird oft nicht erkannt.

Matthias Schrei versteckt in seinen Songs auch Tiefgang – doch das wird oft nicht erkannt.

Wenn Stefan Raab zum Bundesvision Song Contest ruft, dann werden selbst ausgemachte Föderalismus-Gegner zu Lokalpatrioten.  Mit Ich+Ich, Selig oder Unheilig gibt es in diesem Jahr viele etablierte Künstler, die sicher zu den Favoriten zählen. Doch der Sangeswettstreit wird morgen Abend auch wieder Abseitiges bieten. Sachsen beispielsweise, im vergangenen Jahr dank Polarkreis 18 noch auf Platz 2, zieht mit einem reichlich skurrilen Außenseiter ins Rennen.

Blockflöte des Todes sind definitiv der schrägste Vertreter beim Bundesvision Song Contest und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Da ist nicht nur der seltsame Bandname. Da ist auch das Lied, das sie singen werden. Es heißt Alles wird teurer – und es geht darin um Kokain aus fairem Handel. Da ist die nicht unbedeutende Tatsache, dass die Musiker in Berlin wohnen, aber für Sachsen antreten. Und da ist Sänger Matthias Schrei, der amüsante, hintergründige Texte unter anderem darüber singt, dass er nur ein Bein hat. Ich habe ihn (zur Beruhigung für alle Lokalpatrioten: er ist zumindest in Chemnitz geboren) nach dem Konzert von Blockflöte des Todes als Vorband von Katze in der Leipziger Moritzbastei zum Interview getroffen.

Von einem Auftritt beim Bundesvision Song Contest träumen sicherlich viele Nachwuchsbands. Siehst Du die Show eher unter dem Motto „interessante Erfahrung“ oder als echtes Sprungbrett, an dem viele Hoffnungen hängen?

Schrei: Da hängen keine Hoffnungen dran. Das war eher ein Witz, dass wir uns da beworben haben. Als wir dann genommen wurden, war es für mich lange Zeit so, dass ich mich darüber gefreut habe, aber nicht darauf. Aber es war dann sehr lustig, als Vegetarier auf den Metzger Stefan Raab zu treffen. Zum Glück habe ich dann aber doch nicht mein „Metzger sind Mörder“-T-Shirt angezogen, denn Stefan Raab war wirklich sehr nett. Und auch das Catering war sehr lecker.

Der Song Alles wird teurer ist eine Art Stammtisch-Blues-Lamento aus Sicht eines Drogensüchtigen. Welche Chancen hat der Song?

Schrei: Ehrlich gesagt rechne ich damit, ausgebuht zu werden. Selbst in Sachsen sind ja manche Leute sauer, dass wir antreten. Weil sie befürchten, dass Sachsen dann nicht so gut abschneiden wird wie im vergangenen Jahr. Und weil sie sich aufregen, dass ich eigentlich aus Berlin komme. Unser Lied wird von vielen nicht verstanden. Auftrieb für unsere Karriere gibt es trotzdem schon jetzt. Wir bemerken das zum Beispiel bei den Downloads. Nach den ersten Fernsehauftritten waren beispielsweise bei iTunes und Amazon unter den Top 100.

So etwas kann aber auch zur Gefahr für die Credibility werden. Fürchtest Du, dass sich die Fans der ersten Stunde über einen Auftritt bei Stefan Raab aufregen könnten?

Schrei: Kredibilität und Blockflöte des Todes sind Sachen, die sowieso nicht zusammenpassen. Ich habe jahrelang versucht, vernünftige Musik zu machen, aber daraus ist nichts geworden. Dann habe ich mich eines Tages hingesetzt und gesagt: Jetzt probiere ich es eben mal mit Schwachsinn und schaue, wie weit mich das bringt. Und dann passieren plötzlich solche Dinge wie der Bundesvision Song Contest oder die Tatsache, dass ich mit den Produzenten von Silbermond zusammenarbeite. Das ist natürlich eine Menge Arbeit mit sich, und auch Entbehrungen. Aber ich habe gerade sehr, sehr viel Spaß in meinem Leben.

Mein Eindruck ist, dass deutsche Künstler besonders gerne auf Humor setzen, wenn sie Popmusik machen. Vielleicht, weil es noch die Unsicherheit gibt, ob das wirklich funktioniert, wenn man diesen doppelten Boden nicht hat?

Schrei: Das stimmt sicher. Es gibt aber mittlerweile auch viele Künstler, die nicht auf diese Strategie setzen und komplett ernsthafte Sachen machen. Silbermond zum Beispiel, oder Juli. Dann gibt es ein paar Bands, die das ein bisschen machen, wie Madsen oder Wir sind Helden, die ernsthaft sind, aber viel mit Wortspielen arbeiten. Es ist wirklich schwer, deutschsprachige Popmusik zu machen, ohne peinlich zu wirken. Auf Humor zu setzen, fällt da sicher leichter. Max Goldt hat das mal gesagt: Menschen zum Lachen zu bringen ist doch viel leichter als der ganze Rest. In meinen Texten versuche ich durchaus, nach und nach immer mehr Tiefgang einzubauen. Aber das wird nicht von allen erkannt. Das nächste Album wird deshalb sicher ein bisschen ernster. Es gibt noch Humor, aber die Albernheit ist dann weg.

Die Lustigkeit ist also nur eine Notlösung und Du würdest eigentlich lieber Musik ohne Augenzwinkern machen?

Schrei: Ich habe eine ganze Schublade voller solcher Songs. Aber ich habe gemerkt, dass das für mich als Mensch nicht so gut funktioniert. Deshalb spiele ich auch nicht mehr alleine, sondern mit einer Band. Ich will über Sachen singen, die ich erlebt habe oder die ich recherchieren kann. Ich will kritisieren, aber ich will nicht jammern wie so viele in der Singer-Songwriter-Szene. Ein stückweit ist das Komponieren für mich auch Verarbeitung, gerade beim ersten Album war das so. Vielleicht kamen manche Zeilen auch zustande, weil ich nach der Sache mit dem Beim noch auf heftigen, opiat-artigen Schmerzmitteln war (lacht).  Humor ist für mich aber auch wichtig, weil ich die Welt nicht mehr ernstnehmen kann. Ich fühle mich einfach ein bisschen machtlos. Es gibt so viele Probleme, mit denen man sich beschäftigen müsste, aber gleichzeitig habe ich schon Probleme, meinen Alltag auf die Reihe zu kriegen.

Welche Perspektive gibt es für Blockflöte des Todes? Willst Du damit eines Tages richtig viel Geld verdienen? Oder muss man sich solche Träume heutzutage ohnehin abschminken?

Schrei: Bei mir war es eher so, dass ich mir wegen des Unfalls mit dem Bein alles andere abschminken musste. Ich wollte mal Erzieher werden, aber das geht jetzt nicht mehr. Das soll nicht esoterisch klingen, aber alle anderen Pläne haben sich zerschlagen, als ob ich irgendwie gezwungen werden sollte, mich auf die Musik zu konzentrieren. Deshalb setze ich jetzt alles auf diese Karte, mit Blockflöte des Todes, aber auch als Songwriter für andere Künstler.

Es gibt keinen Plan B?

Schrei: Es gibt auch keinen Plan A. Ich fange einfach immer Sachen an und schaue dann, wie lange das gut geht. Wenn ich immer schon eine andere Strategie im Hinterkopf hätte, könnte ich mich wahrscheinlich nicht so hundertprozentig auf das fokussieren, womit ich gerade beschäftigt bin.

Blockflöte des Todes spielen Alles wird teurer live in der Moritzbastei Leipzig:

Blockflöte des Todes bei MySpace.

Ein Porträt von Blockflöte des Todes mit Auszügen aus diesem Interview gibt es auch auf news.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.