Interview mit K. Flay


K-Flay Kristine Flaherty live

Ein perfekter Popsong kann nicht hirnlos sein, sagt, K-Flay. Foto: verstaerker.com/Wilson Lee

English version available here.

Ich treffe K. Flay vor ihrer Show im Täubchenthal in Leipzig. In der Ecke der Garderobe steht eine Pflanze als hilfloser Versuch, den Raum wohnlich zu machen. Auf dem Tisch steht eine Flasche Jim Bean, die sie passenderweise auch im Song Wishing It Was You besingt. Und auf dem Sofa krümelt sich K. Flay zusammen. Es gibt eine Menge, worüber man sich mit ihr unterhalten könnte: ihr großartiges Debütalbum Life As A Dog, ihre Tour mit Snoop Dogg oder die Idee, sich bei ihren aktuellen Konzerten nur von einem Schlagzeug und einem Notebook begleiten zu lassen, was sich später am Abend als ziemlich umwerfendes Konzept erweist. Zum Glück hat sie aber auch Lust darauf, über das Thema zu sprechen, das ich für unser Interview vorschlage: Intelligenz. Schließlich hat die 30-Jährige zwei Abschlüsse der Elite-Uni Stanford. Ihren eigenen IQ kennt sie zwar nicht, gesteht sie. Trotzdem wird es ein sehr anregendes Gespräch über Kinderbücher, Crowdfunding und Outkast. Und über die Tatsache, warum sich die erste eigene Tour wie die erste große Liebe anfühlt.

Man sollte meinen, Intelligenz sei hilfreich, um das Dasein zu meistern. Aber schlau zu sein, macht das Leben nicht unbedingt leichter, oder?

K. Flay: Ich bin mir da nicht sicher. Es gibt ein Kinderbuch namens Flowers For Algernon. Es handelt von einer Labormaus, die mit einem speziellen Medikament behandelt wird und danach superschlau ist. Die Wissenschaftler probieren das Mittel dann an einem Typen namens Charlie aus, ein netter Kerl, der aber etwas dümmlich ist. Auch er erlebt plötzlich geistige Höhenflüge. Im Gegenzug wird die Maus aber immer dümmer, stellen die Wissenschaftler fest. Und am Ende bemerkt Charlie, dass er zwar ein Super-Gehirn hat, aber trotzdem innerhalb dessen Grenzen gefangen ist. Und dass er, seit er intelligent ist, außerdem eine Menge Probleme hat, mit denen er sich vorher nie auseinandersetzen musste. Das ist eine schöne Parabel für die Botschaft: Manchmal ist es einfacher, wenn man sich einfach keinen Kopf macht. Wahrscheinlich mögen es die Leute deshalb ja auch so gerne, sich zu betrinken oder Drogen zu nehmen.

Ich frage auch deshalb, weil das Tourleben in intellektueller Hinsicht ja wenig zu bieten hat, sondern größtenteils aus Routine besteht. Es ist die perfekte Methode, um völlig zu verblöden.

K. Flay: Ja, eine Tour kann wirklich sehr monoton sein. Meistens kommst du an, packst deinen Kram aus, machst ein Bier auf, machst den Soundcheck. Wie du gesagt hast: Das ist immer derselbe Ablauf, bis zum Erbrechen. Aber dafür ist man jeden Tag in einer neuen Stadt, man sieht die ganze Welt. Und das ist schon ziemlich anregend. Und man kann seine Freizeit nutzen um etwas zu lesen oder einen Film anzuschauen. Man muss sich eben ein bisschen anstrengen, um inmitten dieser Blase trotzdem seinen Horizont zu erweitern.

Machst du das selbst so?

K. Flay: Ja, ich versuche es. Und ich gebe mir Mühe, die Welt da draußen im Blick zu behalten. Wenn man auf Tour ist, kann man auf die Idee kommen, dieses Leben in einer Blase sei die ganze Welt: deine Crew, deine Fans, die ganzen Gefühle, die du auf der Bühne hast. Aber natürlich stimmt das nicht. Es gibt auch noch eine Welt da draußen, die sich ständig neu zusammensetzt und wieder einstürzt.

Ich finde deine Songs extrem schlau, und genau das mag ich auch an ihnen. Wir alle lieben aber auch Lieder, die völlig dumm sind und trotzdem funktionieren, als ein Ausbruch von Gefühlen, ohne irgendeinen Zwischenstopp zwischen Gehirn und Mund. Denkst du, dass du beide Arten von Songs machen kannst?

K. Flay: Es gibt da wahrscheinlich eine goldene Mitte. Es gibt Sachen mit dieser unmittelbaren emotionalen Wucht, die du erwähnst, als Ausdruck von Freude, Wut, Verzweiflung oder irgendetwas. Ich mag es aber, diese Elemente mit etwas zu brechen, das sehr genau konzipiert ist. Wenn du die besten Popsongs als Vorbild nimmst, die wirklich allerbesten, dann sitzen sie genau in dieser goldenen Mitte: Auf emotionaler Ebene sind sie unglaublich wahr. Aber sie schaffen es auch, ihre Botschaft mit einem ganz präzise gewählten Wort oder einer auf bestimmte Weise arrangierten Strophe rüberzubringen.

Man merkt, dass diese Songs nicht einfach so rausgeflutscht sind, sondern dass der Künstler sich intensiv darüber Gedanken gemacht hat?

K. Flay: Genau! Wenn etwas einfach so rausgeflutscht ist, wird es wahrscheinlich keine ganz so lange Haltbarkeit haben. Wir haben vorhin auf dem Weg hierher gerade Adele angehört, und sie ist ein wunderbares Beispiel dafür. Ihre Lieder sind nicht mega-ausgetüftelt, es sind in erster Linie einfach Lieder über Liebe und Beziehungen. Aber wenn du ein Lied wie Someone Like You anhörst, dann merkst du: Jeder kann zu diesem Lied und zu dem Gefühl des Liebeskummers, auf dem es beruht, eine Verbindung finden. Aber das ist künstlerisch enorm clever umgesetzt. So gut, dass es für 85-Jährige funktioniert, die dabei an ihre erste große Liebe denken, aber auch 10-Jährige sich irgendwie angesprochen fühlen können.

Wünscht du dir manchmal, du könntest dein Gehirn abschalten und dir nicht so viele Gedanken machen über die Welt und über deine Musik?

K. Flay: Es mit dem Nachdenken zu übertreiben, ist meistens kontraproduktiv. Bei vielen von meinen besten Sachen und den Songs, die den Leuten am besten gefallen, habe ich nicht allzu intensiv darüber nachgedacht. Das meint nicht, dass sie mir scheißegal waren, aber ich habe weniger gefiltert, weniger überarbeitet. Grundsätzlich denke ich aber, dass es wichtig ist, streng auf die eigene Arbeit zu schauen und einen Mindeststandard zu entwickeln für das, was man als Künstler erschaffen möchte. Ab und zu das Gehirn abschalten zu können, ist natürlich trotzdem ein reizvoller Gedanke.

K-Flay Täubchenthal Leipzig Konzert

Auf Tour kann man nicht nur Langeweile finden, sagt K-Flay. Foto: verstaerker.com/Wilson Lee

Machst du das, wenn du auf die Bühne gehst? Das wäre ja der perfekte Ort dafür.

K. Flay: Ja, meistens grüble ich auf der Bühne nicht viel rum, und das ist wohltuend. Manchmal gehen mir aber auch ganz viele Ideen im Kopf rum, ich singe dann irgendetwas und bin gedanklich eigentlich ganz woanders, das ist niemals eine gute Konstellation. Am besten kann ich mich im Moment verlieren, wenn ich versuche, die Erfahrung noch einmal zu durchleben, von der meine Texte handeln.

Dass du jetzt mit deinem Debütalbum auf Tour bist, wirkt fast ein bisschen seltsam. Schließlich hast du so viele EPs und Kollaborationen gemacht, dass du beim besten Willen kein Newcomer mehr bist. Wie fühlt sich das an?

K. Flay: Weißt du, es ist ein bisschen so, als habe man mal hier und da mit jemandem rumgemacht, aber noch nie eine echte Beziehung gehabt. So fühlt sich das an. Man hat seine Erfahrungen gesammelt, aber man hatte noch nie eine Beziehung, die einem wirklich etwas bedeutet hat. Seit mein Album im Sommer 2014 in den Staaten erschienen ist, kommt es mir vor, als ob all diese Auftritte und Veröffentlichungen früher nur solche oberflächlichen Erfahrungen waren, aber keine echte Liebe. Du weißt schon: Du hast ein bisschen was auf dem Kerbholz, aber da war nie etwas Ernstes.

Du hast in Chicago, Stanford, New York und Los Angeles gelebt: Haben diese vielen Umzüge geholfen, um jetzt auf Tour besser klarzukommen? Und haben die verschiedenen Städte dich musikalisch inspiriert?

K. Flay: Auf jeden Fall. Verschiedene Städte bringen eine unterschiedliche Art von Kreativität hervor. Neulich erst habe ich über L.A. gelästert. Es ist da einfach immer schön, man hat auch ein bisschen Platz für sich, nicht so wie im völlig überfüllten New York. Und mir ist aufgefallen, dass ich da tatsächlich ein paar fröhliche Lieder geschrieben habe. Das muss am Sonnenschein gelegen haben (lacht). In New York schreibe ich eher düstere Sachen. Und ich denke, dieser Einfluss hat mit Verletzlichkeit zu tun. Sobald du aus deiner gewohnten Umgebung rauskommst, wirst du verletzlich. Wenn du neue Leute kennenlernst und merkst, dass sie dir wirklich viel bedeuten, dann wirst du verletzlich – und sie werden es auch. Und in den Zeiten, in denen du als Künstler etwas besonders Bedeutendes erschaffen willst, bist du ebenfalls verletzlich. Das öffnet etwas in dir für bestimmte Emotionen und Erfahrungen, und darin kann eine große Kraft liegen. Ich merke das auch, weil ich gerade nirgendwo wohne. Ich bin in Chicago aufgewachsen, meine letzte Wohnung hatte ich in New York und dann bin ich eine Weile irgendwie in Los Angeles untergekommen. Jetzt bin ich die ganze Zeit auf Tour. Und das bedeutet quasi einen permanenten Zustand der Verletzlichkeit. Es ist, als wärest du völlig ungeschützt in der Welt. Psychologisch ist das nicht immer leicht zu verkraften, aber aus kreativer Sicht finde ich das natürlich gut.

Dann können wir fürs nächste Album also noch bessere Songs erwarten?

K. Flay: Das hoffe ich.

Schreibst du neue Lieder, während du auf Tour bist?

K. Flay: Es fällt mir sehr schwer. Normalerweise muss ich meine Ruhe haben, allein in einem Zimmer, um schreiben zu können. Das kommt auf Tour nicht allzu oft vor. Ich sehe das eher so: Die Tourneen sind die Zeit, in der man das Rohmaterial sammelt. Und wenn man dann wieder zuhause ist, sichtet man dieses Material und macht etwas daraus.

Du schreibst also ein Tagebuch?

K. Flay: Ich mache mir Notizen. Ich habe einen ganzen Berg davon in meinem Smartphone, und ich habe so ein Word-Dokument, in dem ich Textzeilen, Songideen und solchen Kram sammle.

In meiner Rezension zu Life As A Dog habe ich dem Album etwas wie den Geist eines Silicon-Valley-Start-Ups attestiert: Es ist offen für neue Technologie, es weiß genau, dass es ein Alleinstellungsmerkmal braucht, und es hätte auch nichts dagegen, richtig erfolgreich zu werden. Findest du dich darin wieder?

K. Flay: Ja, total. Ich mag diesen Vergleich. Ich habe ja schon vorher ein paar Sachen veröffentlicht, aber Life As A Dog fühlt sich für mich trotzdem wie ein Neubeginn an, im Hinblick auf das Ethos, den Sound und die Texte der Platte. Seit das Album draußen ist, kann ich auch die Sachen ein bisschen besser leiden, die ich früher gemacht habe. Ich merke, dass ich nun weiß, was ich ausdrücken möchte und wie ich das ausdrücken kann. Es gibt da eine lustige Parallele: Eine meiner ersten musikalischen Gehversuche überhaupt war ein Mixtape namens I Stopped Caring In 96. In diesem Jahr, ich war damals noch ein Kind, habe ich wirklich aufgehört, mir über die Vorurteile oder Fehleinschätzungen der Leute Gedanken zu machen. Kurz bevor ich das Album machte, hatte ich wieder so einen Moment. Ich habe mir einfach keinen Kopf mehr gemacht. Ich hatte diese ganze Achterbahnfahrt hinter mir, ich hatte einen Vertrag mit einem Major-Label und dachte, das wäre wichtig, aber das war es nicht. Ich dachte, eine Menge anderer Sachen wären wichtig, aber das waren sie nicht. Also habe ich beschlossen, einfach die Musik zu machen, die ich gerne machen will. Wenn sie den Leuten dann gefällt – gut. Wenn nicht – auch gut. Das hat eine sehr produktive Phase für mich eingeläutet. Um an das anzuknüpfen, was du vorhin erwähnt hast: Der ganze Kram davor war ein bisschen zu sehr durchdacht. Soll das jetzt Rap sein? Oder etwas anderes? Was ist cool daran? Was ist nicht cool? Darüber habe ich mir früher den Kopf zerbrochen. Aber diesmal sagte ich: Scheiß drauf.

Bereust du trotzdem manchmal, den Deal mit einem Major-Label gelöst zu haben. Irgendwann gab es doch bestimmt mal den Gedanken: Das war eine einmalige Chance, und ich habe es verkackt.

K. Flay: Ich stand knapp drei Jahre lang bei RCA unter Vertrag, und es hat einfach nicht funktioniert. Ich habe bestimmt 60 Songs aufgenommen, die als Material für mein Album gedacht waren, das dann schließlich nie zustande kam. Ich konnte eine Menge mit Sounds experimentieren und wichtige Sachen lernen, ohne dass sich jetzt irgendjemand den ganzen Scheiß anhören muss, den ich damals produziert habe. Das war also durchaus ein Segen. Aber ich fühlte mich völlig machtlos in dieser Zeit. Mir ging es scheiße und ich hatte den Glauben daran verloren, gute Musik machen zu können. Manchmal höre ich mir die Songs aus dieser Zeit noch an und dann merke ich, dass nichts mehr von der Seele und dem Geist drinsteckt, den ich eigentlich mit meiner Musik rüberbringen möchte und den ich ganz am Anfang hatte. Deshalb habe ich es nie bereut, aus diesem Vertrag ausgestiegen zu sein. Wenn ich etwas bereue, dann eher, ihn überhaupt unterschrieben zu haben.

Letztlich hast du Life As A Dog dann per Crowdfunding finanziert. Wenn du selber nicht genau erklären kannst, ob K-Flay nun Rap, Pop, Indie oder irgendetwas anderes ist – war es dann besonders schwierig, das Produkt K-Flay den potenziellen Geldgebern schmackhaft zu machen?

K. Flay: Ich habe durch die Idee mit dem Crowdfunding eher eine andere Erkenntnis gewonnen: Durch meine jahrelangen Tourneen quer durch die Staaten habe ich mir eine wirklich treue Fan-Basis aufgebaut. Nicht bloß Leute, die ein Lied mal bei Spotify hören, während sie nebenher das Abendessen vorbereiten. Sondern Leute, die 15 Dollar für eine Konzertkarte ausgeben und denen meine Musik richtig am Herzen liegt. Ich habe festgestellt, dass ich mich auf sie verlassen kann. Und diesen Fans geht es nicht so sehr darum, welchem Genre oder welcher Szene man mich nun gerade zuordnet. Sie mögen an meiner Musik die Sichtweise, das Narrativ.

Gibt es andere Künstler, die du bewunderst, weil sie einen ähnlich Ansatz verfolgen: Genres zu vermischen, ohne deshalb austauschbar zu werden?

K. Flay: Momentan verschwimmen die Genre-Grenzen ja ohnehin immer stärker. Schau dir nur Taylor Swift an – die war mal eine lupenreine Countrysängerin, und jetzt ist sie ein weltweiter Popstar. Aber ich vermische die Genres ja nicht als Selbstzweck. Dass sich in meiner Musik so viele verschiedene Sounds finden, liegt wahrscheinlich eher daran, dass ich selbst ganz unterschiedliche Stile mag. Es geht also nicht ums Vermischen an sich, sondern um Vielfalt. Genau deshalb bewundere ich zum Beispiel Outkast schon seit so langer Zeit. Führ dir mal all den Kram vor Augen, den sie gemacht haben! Speakerboxxx/The Love Below, war eine Pop-Platte, Stankonia in gewisser Hinsicht auch, Atliens war Rap, aber auf schräge Weise. Ich denke, das lieben die Leute an ihnen. Diese Herangehensweise.

Um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Denkst du, Big Boi und Andre sind schlau?

K. Flay: Auf jeden Fall. Wenn man Musik macht, die über eine so lange Zeit die Menschen anspricht, muss auf gleichzeitig intuitiv und clever agieren. Es ist eine Sache, einen Hit zu haben – und mit „Hit“ meine ich da nicht unbedingt ein Lied, das kommerziell erfolgreich ist, sondern ein Lied, das einer gewissen Anzahl von Menschen eine Menge bedeutet. Aber wenn man das kontinuierlich schaffen will, muss man ein Gehirn haben, in dem ein paar ziemlich spannende Sachen vor sich gehen.

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