Interview mit Mine


Mine Jasmin Stocker Interview Leipzig

„Ich bin schnell gelangweilt“, sagt Mine über sich. Foto: Katrin Brauer PR/Simon Hegenberg

Erstaunlich gut gelaunt ist Mine beim Interview vor ihrer Show im Conne Island. Nachdem sie mit ihrer vierköpfigen Band am Vorabend in Kiel gespielt hatte, stand die Crew auf dem Weg nach Leipzig stundenlang im Stau, während draußen schönster Sonnenschein herrschte. Der Soundcheck ging zu spät über die Bühne, gegessen hat die Sängerin auch noch nichts. Aber Mine liebt Leipzig, wie das später folgende Konzert (inklusive Heiratsantrag und dem brandneuen Song Schwer bekömmlich, den sie gemeinsam mit Martin Haller, der auch das Vorprogramm bestreitet, geschrieben hat) glaubhaft beweist. Im Interview babbeln wir (wie man in ihrer Wahlheimat Mainz wohl sagt) über das neue Album Das Ziel ist im Weg, über die Verteufelung von Technologie, das angebliche Stigma des Popakademie-Absolventen und darüber, dass Denken fast immer hilfreich ist.

Hallo Mine! Ich habe mir mal angeschaut, wen wir nachher laut Facebook-Event zu deiner Show erwarten dürfen. Es gibt rund 100 Zusagen, das Alter ist eher Ü25 als U25 und handgezählte 68 Prozent sind Frauen. Ist das ein typisches Publikum für ein Konzert von Mine?

Mine: Das hängt von der Stadt ab. Wir haben auch schon Konzerte gespielt, bei denen mehr Jungs als Mädels waren. Am Anfang des Projekts hatte ich auch gedacht, dass die Musik vielleicht eher ein weibliches Publikum erreicht. Aber durch das ganze HipHop-Ding, das wir dann immer mehr integriert haben, ist es eindeutig ausgeglichener geworden. Letztlich ist mir das Geschlecht auch egal. Hauptsache, die Leute sind nicht dumm!

Empfindest du so etwas wie eine Vorbildfunktion oder ein Sendungsbewusstsein, wenn du auf der Bühne stehst? Das ist ja verlockend: Ein Saal voller junger Menschen, denen deine Meinung wichtig ist, und denen man vielleicht etwas mit auf den Weg geben könnte.

Mine: Ich nutze die Konzerte nicht als Portal, um Menschen zu bekehren. Die Bühne ist für mich kein Lehrerpult, von dem aus ich die Leute erziehen kann. Ich denke, jeder Mensch muss selber wissen, was er mit seinem Leben anfängt. Aber ich sage schon deutlich meine Meinung zu gewissen Sachen.

Wenn es so etwas wie eine Botschaft gibt, die du auch mit deinen Songs rüberbringen willst, dann ist das vielleicht der Aufruf zur Individualität. Würdest du da zustimmen?

Mine: Total. Allerdings ist erzwungene Individualität natürlich wieder nicht individuell. Man muss aufpassen, dass man die Leute nicht dazu animiert, dass sie unbedingt anders als alle anderen sein sollen. Das will ich nicht. Ich wünsche mir eher, dass jeder darüber nachdenkt, was er tut. Jeder soll sich moralisch darüber im Klaren sein, was sein Handeln für Folgen hat. Jeder sollte sich bewusst sein, dass alles, was man tut, Auswirkungen auf irgendetwas anderes hat. Dass man in dieser Weise reflektiert ist, das finde ich wichtig. Insofern will ich die Leute nicht animieren, anders zu denken, sondern überhaupt zu denken. Wenn man dann zu einem Entschluss gekommen ist, wie man sein will, sollte man natürlich auch den Mut haben, dazu zu stehen.

Wie geht es dir selbst als Fan bei Konzerten? Springst du in der ersten Reihe rum oder stehst du hinten und genießt ganz ruhig?

Mine: Ich gehe total oft auf Konzerte, zuletzt war ich drei Tage vor unserer Tour bei Me And My Drummer in Stuttgart. Am liebsten stehe ich in der Mitte, weil da der Sound am besten ist. Ich bin ein extremer Sound-Fetischist. Und ich bin ein sehr fleißiger Zuhörer. Ich rede nicht viel, sondern konzentriere mich wirklich auf die Musik. Ich bin aber auch sehr anspruchsvoll und schnell gelangweilt. Es ist schwierig, mich wirklich über die gesamte Dauer eines Konzerts zu fesseln und es kommt ziemlich oft vor, dass ich nach einer Stunde einfach mal raus an die frische Luft gehe, selbst wenn das Konzert richtig gut ist. Da reicht meine Aufmerksamkeitsspanne einfach nicht länger.

Fällt es dir leicht, bei solchen Shows wieder nur Fan zu sein und nicht Musiker, der Kollegen oder sogar Konkurrenten auf der Bühne zuschaut?

Mine: Das ist für mich kein Problem. Natürlich analysiere ich den Sound und höre Sachen, die andere nicht hören. Aber ich kann mich da schon extrem gehen lassen. Ich will diese unmittelbare Wirkung ja auch von Musik! Es wäre schlimm, wenn das nicht mehr da wäre.

Die Songs auf dem neuen Album Das Ziel ist im Weg sind etwas elektronischer und auch das Live-Instrumentarium hat sich leicht geändert. Musstet ihr vor der Tour erst ausprobieren, wie diese Zusammensetzung für ein Konzert auch visuell funktioniert? Also: Wer steht wo? Was sieht gut aus? Wie kann man sich bewegen?

Mine: Wir haben zwei, drei Sachen dazu genommen, das Vibraphon ist das einzige Instrument, das wir weggelassen haben, weil es einfach zu sperrig ist und auch nur noch bei drei Songs zum Einsatz käme. Das war also eigentlich gar nicht so schwierig. Wir kommen ja alle von den Instrumenten, die wir auch auf der Bühne spielen, und wissen, wie wir uns bewegen müssen. Der Gitarrist spielt halt nebenher manchmal ein Tom und der Geiger ab und zu ein Sample Pad. So ein großer Unterschied ist das nicht, es fühlt sich auch nicht so anders an. Trotzdem war es mir wichtig, dass wir neue Sachen dabei haben. Wir haben komplett neues Licht und auch ein paar andere Instrumente. Das hat auch wieder etwas mit Langeweile zu tun: Ich bin einfach schnell gelangweilt, selbst von meinen eigenen Sachen.

Du hast kürzlich gesagt, dass dir das Bandgefühl im Touralltag und auch auf der Bühne sehr wichtig ist. Ist das auch ein Gegengewicht zum einsamen Tüfteln an den Songs im Studio oder zuhause?

Mine: Ich finde grundsätzlich, dass Abwechslung wichtig ist, insofern kann man das vielleicht als Gegengewicht betrachten. Ich stecke aber nicht die ganze Zeit allein in meinem Kellerloch. Die meisten Ideen entstehen bei mir zuhause, wo ich alleine arbeite. Aber auch das hat viel mit Menschen zu tun. Und im Studio arbeiten wir dann zu dritt. Das Tourleben ist trotzdem etwas ganz anderes: Man kann sich da zusammen drauf freuen, zusammen abfeiern, und alles, was man zusammen machen und teilen kann, macht ja sowieso immer mehr Spaß. Ich finde einfach unser Team total geil, das sind ja alles Freunde von mir. Ich hänge mit denen gern rum, wir haben eine gute Dynamik auch in der Zeit, wenn wir nicht auf der Bühne sind. Und ich liebe es, mit ihnen Musik zu machen.

Kurz noch einmal eine Frage zum Arbeiten im Studio und dem Umgang mit Technologie: Die Möglichkeiten, die man da hat, können natürlich neue kreative Freiräume eröffnen. Sie können aber auch zu Bequemlichkeit führen. Hast du das schon einmal erlebt? Musstest du dich schon einmal ermahnen: Nein, ich wähle jetzt nicht den einfachen Weg, sondern versuche noch, da etwas ganz Besonderes reinzubringen?

Mine: Ich versuche prinzipiell nie, etwas Besonderes in irgendetwas reinzubringen. Darum geht es nicht. Ich versuche stattdessen, die Dinge zu finden, die mir gefallen, die mir eine Gänsehaut verschaffen. Und wenn das ein vorproduzierter Loop ist, der schon fertig ist und sich einfach immer nur wiederholt, dann ist das für mich genauso legitim wie irgendetwas anderes. Es gibt ja auch Musiker, die behaupten, das sei anrüchig, man würde einfach bloß ein paar Schichten übereinander stapeln und fertig ist der Song. Aber ich finde es gar nicht unbedingt leichter, auf solche fertigen Zutaten zu setzen. Ich habe zum Beispiel ein paar Plugins, die ich immer wieder mal benutze, aber irgendwann langweilen sie mich, sie sind dann leer und aufgebraucht. Und dann muss man den nächsten Schritt gehen. Sonst fühlt man irgendwann nichts mehr.

Es geht also um das Ergebnis, nicht um die Methode?

Mine: Genau. Wenn jemand wie Skrillex zuhause alles alleine macht mit seinen Laptop-Boxen und es erreicht dann so viele Menschen, dann ist das erlaubt. Es ist einfach geiler Scheiß. Und es ist genauso zu respektieren wie ein Singer-Songwriter mit einer Akustikgitarre.

Nervt es manchmal, dass du dich für das technische Know-how rechtfertigen musst, dass du durch dein Gesangsstudium und die Ausbildung an der Popakademie hast?

Mine: Ich glaube, das hängt davon ab, wie man selbst damit umgeht. Wenn mir das selbst peinlich wäre, dann wäre ich sicher genervt von diesen Fragen. Aber ich habe gar kein Problem damit. Die Popakademie ist eine super Schule, ich habe sehr viel dort gelernt, ganz viel mitgenommen und viele interessante Leute kennengelernt, mit denen ich ja jetzt auch zusammenarbeite. Mir hat das ganz viel gebracht – warum sollte ich mich dafür schämen? Ich fühle mich nicht weniger künstlerisch, nur weil ich einen akademischen Werdegang gewählt habe.

Ein bisschen nervt es also schon, dass du dich manchmal rechtfertigen musst?

Mine: Nein, mich nervt das nicht. Mich nervt eher, dass Leute denken, ich könnte davon genervt sein. (lacht)

Vielleicht ist es so ein großes Thema, weil Popmusik ja seit vielen Jahrzehnten auch von der romantischen Vorstellung geprägt ist, da sitze jemand im einsamen Dachstübchen und würde dann durch göttliche Eingebung und sein einmaliges Talent plötzlich und ganz intuitiv ein tolles Kunstwerk hervorbringen. Das ist ein Geniekult, dem die Vorstellung widerspricht, man könnte diese Kunst eben auch erlernen.

Mine: Das stimmt, in gewisser Weise ist das eine Entmystifizierung. Aber ich glaube, dass sich das gerade ändert. Bis vor kurzem gab es ja nicht so viele Leute von der Popakademie, die wirklich kommerziell erfolgreich waren. Da waren vielleicht Get Well Soon oder Mikroboy. Im letzten Jahr ist da ganz viel dazu gekommen. Joris oder L’Aupaire oder ganz viele andere. Die Hälfte des Musikbusiness scheint aus Leuten zu bestehen, die irgendwann mal an der Popakademie studiert haben. Und jedes Jahr kommen 80 neue Absolventen dazu. Deshalb glaube ich, dass das bald ganz normal sein wird und das Thema dann auch nicht mehr so groß diskutiert werden muss.

Wie sieht es bei deinen Texten aus? Versuchst du da auch, dir zusätzliche Expertise zu verschaffen? An welche Kriterien erkennst du, wann ein Text gut ist?

Mine: Gelungen ist er dann, wenn ich das Gefühl habe, dass er meinen eigenen Ansprüchen genügt. Aber auch die ändern sich ständig und ich probiere mich da ziemlich viel aus. Ich habe keinen Katalog, an den ich mich halte. Aber es gibt viele Leute, die ich bewundere und bei denen ich mir auch Inspiration hole. Wenn jemand gut mit Worten umgehen kann, so etwas beeindruckt mich sehr, sehr, sehr. Eigentlich ist es auch ganz ähnlich wie bei der Musik: Da gehe ich auch nie technisch an einen Song ran. Ich würde zum Beispiel nie denken: Wow, jetzt habe ich gerade gelernt, dieses Instrument, diese Melodie oder diese Akkordfolge zu spielen, jetzt muss ich daraus sofort einen Song machen! Die Technik sollte nie der Ausgangspunkt sein. Am Anfang muss immer ein Gefühl stehen.

Deine Texte scheinen eher einen Moment oder ein Gefühl in Worte zu fassen als dass sie Geschichten erzählen. Stimmt das?

Mine: Ja, auf jeden Fall. Das ist mir auch schon aufgefallen, das Narrative liegt mir einfach nicht so.

Hast du manchmal die Sorge, du könntest nach deiner sehr guten Ausbildung jetzt, wo du ein Publikum hast, nur noch wenig dazulernen?

Mine: Ha! Nein! (lacht) Da ist noch wahnsinnig viel Luft nach oben. Ich bin in allem, was ich mache, noch ganz am Anfang. Viele von den Instrumenten, die ich jetzt ausprobiere, habe ich sozusagen erst vor Publikum gelernt. Auch beim Singen, Komponieren, Produzieren und Arrangieren habe ich zwar hilfreiche Hinweise von der Schule bekommen, aber es ist ja das Umsetzen, bei dem man es eigentlich erst lernt.

Letzte Frage: Mine ist bisher sehr organisch gewachsen und ich habe den Eindruck, dieses Tempo gefällt dir auch gut. Wenn es jetzt unverhofft die Möglichkeit gäbe, über Nacht durch die Decke zu gehen, mit plötzlichem Mega-Erfolg – wäre das für dich eher reizvoll oder eher beängstigend?

Mine: Beides. Schön am Erfolg wäre, dass ich dann mehr Zeit für Musik hätte. Mehr Erfolg bedeutet mehr Kohle und mehr Leute, die das unterstützen. Ich könnte mich dann noch mehr auf die Musik konzentrieren und ein paar Sachen abgeben, die ich jetzt noch selbst mache. Was mir Angst macht, ist die zusätzliche Aufmerksamkeit für mich als Person. Das ist nicht das, was ich anstrebe. Auf der Bühne ist das in Ordnung, ich bin auch gerne nach einer Show am Merch-Stand und sage Hallo zu allen. Aber ansonsten möchte ich gerne mein eigenes Leben leben und meine Ruhe haben. Wenn da plötzlich ganz viel auf mich einprasseln würde, würde mich das wahrscheinlich eher einsam machen. Den roten Teppich können gerne die anderen haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.