Interview mit Rüfüs


Verliebt in Berlin: Rüfüs. Foto: Benameur Promotion

Verliebt in Berlin: Rüfüs. Foto: Benameur Promotion

English version here.

Ich gebe gerne zu: Ich habe schon etliche Interviews geführt, auf die ich nicht gut vorbereitet war. Aber dieses ist sicher ein Extremfall. Es könnte das schlechteste Interview aller Zeiten werden. Denn als ich die Australier in Berlin zum Interview treffe, weiß ich so gut wie nichts über Rüfüs. Ich habe kein einziges Lied von ihnen gehört. Keine gute Voraussetzung, um schlaue Fragen zu stellen.

Und das kommt so: Ich habe es mir eine Weile am Ostseestrand gut gehen lassen, auf dem Rückweg sollte das Berlin Festival einen Zwischenstopp bilden. Gerade dort angekommen, bekam ich die Anfrage, ob ich nicht ein Interview mit Rüfüs machen wollte. Weil Bombay Bicycle Club gerade abgesagt hatten, sagte ich gerne zu. Ohne jemals von Rüfüs gehört zu haben. Die Plattenfirma schickte mir freundlicherweise noch ein paar schriftliche und akustische Infos. Da das W-Lan im Hotel sich aber standhaft weigerte, sein eigenes Passwort zu akzeptieren, kam ich da nicht dran. So beginnt das Gespräch also mit rudimentären Kenntnissen: Ich kenne die Nummer vom Tourmanager (der sehr nett ist), ich kenne den Inhalt einer E-Mail (der sehr begrenzt ist) und ich halte Rüfüs für eine Gitarrenband (was sich als falsch herausstellt). Here we go.

Zu Beginn muss ich euch kurz warnen: Dies könnte das schlechteste Interview werden, das ich je geführt habe. Denn das Gespräch kam sehr spontan zustande und ich weiß so gut wie nichts über Rüfüs. Ich hoffe, ihr seid nachsichtig.

Jon George: Kein Problem.

Dann will ich kurz die wenigen Fakten checken, die ich kenne: Ihr kommt aus Australien. Ihr habt dort vier EPs rausgebracht, die ziemlich viel Eindruck gemacht haben. Ihr seid seit ein paar Tagen in Berlin, um euer zweites Album aufzunehmen. Und euer erstes Album, das in Australien schon längst erschienen ist, kommt demnächst auch hier raus. So weit korrekt?

George: Alles richtig, ja.

Okay, dann können wir ja mit dem Rüfüs-Nachhilfe-Kurs beginnen. Eigentlich hatte ich mir geschworen, niemals einer Band diese Frage zu stellen, aber in dieser Situation drängt es sich einfach auf: Wie seid ihr auf den Namen „Rüfüs“ gekommen?

Tyrone Lindqvist: Rufus ist eine Insel vor der Küste Australiens. Sie war zumindest vor 200 Jahren noch da, mittlerweile ist sie versunken. Nach der haben wir uns benannt.

Die Punkte über dem U habt ihr aber selbst ergänzt, oder?

Lindqvist: Ja, das war unsere Idee.

Ich vermute, das war nicht als Referenz an Mötley Crüe oder Motörhead gemeint?

George (lacht): Nein. Wir wollten nur, dass der Name ein bisschen exotischer aussieht.

James Hunt: Rüfüs könnte aber immer noch der Name einer Insel sein.

Lindqvist: Durch die Punkte kann nicht mehr erkennen, wo das Wort herkommt, und genau das haben wir angestrebt. Wir werden andauernd gefragt, wo wir herkommen. Dabei wäre es uns viel lieber, wenn mehr über die Musik geredet würde als über die Geografie.

Andererseits wird die Musik, die man macht, natürlich von dem Ort beeinflusst, an dem man sie macht. Wenn ich richtig informiert bin, habt ihr euer Album in einem leeren Wassertank aufgenommen. Wieso habt ihr euch dazu entschieden? Braucht ihr eine so außergewöhnliche Umgebung als Inspiration?

Hunt: Es ging uns nicht unbedingt um eine möglichst exotische Umgebung. Als wir angefangen haben, die Songs für das Album zu schreiben, waren wir in einer sehr sonnigen Gegend im Osten Australiens. Wir haben ungefähr einen Monat lang auf einem Grundstück dort gelebt, und das hat eindeutig den Sound der Songs beeinflusst, ja.

George: Das war während des Sommers in Australien, das Grundstück lag am Strand und es war ziemlich schwierig, nicht in diese sonnengetränkte Stimmung zu kommen. Der Wassertank war dann eher eine Möglichkeit, sich ein bisschen von der Außenwelt abzuschotten.

Also wie ein U-Boot?

Lindqvist: Genau. Außerdem hatten wir auch nicht allzu viel Geld für die Produktion. Wir haben alles selbst gemacht. Aufgenommen, produziert, komponiert. Der Tank war einfach ein Raum, der verfügbar war. So ein Ding ist eigentlich nicht gerade eine perfekte Umgebung, um ein Album zu machen.

Ich vermute, man kann da auch kaum ein ganzes Orchester einladen?

Hunt (lacht): Nein, es war auch so schon ein ziemlich kuscheliger Tank.

Lindqvist: Wenn wir zu fünft da drin waren, wurde es schon viel zu heiß und eng.

Ihr werdet mitunter als Teil einer neuen Welle australischer Bands vermarktet. Könnt ihr damit etwas anfangen? Gibt es eine Verbindung mit anderen Künstlern aus eurer Heimat?

George: Ich denke, dass es in der Musik nicht so viele Gemeinsamkeiten gibt. Aber es gibt definitiv eine bestimmte Attitüde, wenn man aus Australien kommt. Und die vereint uns sicher mit den anderen Künstlern.

Lindqvist: Die Musikszene zuhause ist gerade wirklich spannend. Viele Künstler können einfach das machen, was sie lieben. Der Radiosender Triple J spielt dabei eine wichtige Rolle: Die spielen alle möglichen Genres, und so bekommen die Hörer einen ziemlich großen musikalischen Horizont. Als Musiker kann man all diese Einflüsse in seine eigenen Songs integrieren – und sie werden dann dort gespielt. Außerdem ist Australien wirklich ein sehr kleiner Markt. Egal, wo man spielt – man trifft fast immer auf dieselben Bands, und wir verstehen uns mit fast allen davon wirklich gut. Wenn es jemand schafft, mit Musik in Australien seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, klopfen ihm alle anderen auf die Schulter.

Kann man den typisch australischen Sound definieren?

George: Wahrscheinlich ist es diese Sommerstimmung. Der Optimismus. Ich denke, dass unser Album – als Beispiel – eine Wärme ausstrahlt, die man hören kann.

Allerdings ist das Album hier noch nicht erschienen. Wie fühlt es sich an, vor einem Publikum zu spielen, das die Songs noch nicht kennt?

George: Ehrlich gesagt ist das ziemlich cool. Auf diese Weise fühlen die Leute wirklich, was wir tun.

Hunt: Stimmt. So kriegt man die ehrlichste Reaktion. Niemand hat eine Erwartungshaltung, alle hören einfach bloß die Musik, so wie sie ihnen begegnet.

Aber es macht mehr Spaß, wenn alle mitsingen, oder?

Lindqvist: Nicht unbedingt. Manchmal macht das großen Spaß. Manchmal ist es aber auch schön, wenn man sich auf der Bühne richtig abmühen muss. Wir wissen nicht wirklich, worauf die Leute hier stehen. Aber auf der Bühne zu stehen, zu lächeln, mit seinen besten Kumpels Musik zu machen, zu versuchen, dieses Gefühl rüberzubringen und zu erleben, wie das Publikum ganz authentisch reagiert – das ist wirklich cool. Manchmal ist das die spannendere Variante, denn sie erinnert uns daran, warum wir diese Musik überhaupt geschrieben haben und wie wir uns gefühlt haben, als wir sie das erste Mal gehört haben.

Den Rest des Jahres werdet ihr jetzt in Berlin verbringen. Was denkt ihr, wie die Stadt euren Sound beeinflussen wird?

George: Ich denke, der Aufenthalt wird ein guter Test, um herauszufinden, ob die Dinge, mit denen wir in Australien erfolgreich waren, auch weltweit funktionieren. Das wird unseren Blickwinkel erweitern, und vielleicht finden wir heraus, welche Elemente unserer Musik wirklich universell funktionieren.

Hunt: Wir hoffen, dass Berlin genau die Stadt ist, die uns den Sound verpasst, den wir für das zweite Album haben wollen. Wir waren im letzten Jahr schon einmal für eine Woche hier, und seitdem haben wir Berlin echt ins Herz geschlossen.

War das Übersiedeln nach Berlin auch ein Versuch, all die Versuchungen hinter euch zu lassen, die euch zuhause vielleicht ablenken könnten?

George: Solche Ablenkungen gibt es auf jeden Fall immer. Deshalb war der Wassertank so ein guter Ort für das erste Album, weil wir da abgeschottet waren. Vielleicht kann Berlin auch diesen Zweck erfüllen.

Allerdings gibt es in Berlin auch ein paar Versuchungen…

Lindqvist (lacht): Oh ja! Aber der Unterschied ist, dass wir letztes Mal den australischen Sommer eingefangen haben und diesmal etwas anderes haben wollten. Berlin erschien dafür genau richtig. Viele der Leute, die uns beeinflusst haben, kommen von hier. Wir würden gerne die Clubszene entdecken und uns dort inspirieren lassen. Nicht zuletzt wird uns der Winter wahrscheinlich zwingen, ein bisschen mehr Zeit drinnen zu verbringen.

George: Die Woche, die wir gerade hier verbracht haben, war echt erstaunlich – in vielfacher Hinsicht. Man kann hier eine Atmosphäre von Freiheit und Unabhängigkeit spüren. Es ist eine unmittelbare, gastfreundliche, kreative Stadt.

Lindqvist: Man spürt hier eine verrückte Energie. Als wir hier in Friedrichshain durch ein paar Läden gegangen sind, haben wir nur Ladenbesitzer getroffen, die jedes einzelne Produkt in ihren Regalen genau kennen. Es war klar: Sie betreiben diesen Laden, weil sie das lieben, nicht wegen des Geldes. Und das haben wir überall festgestellt, wo wir hingekommen sind. Die Leute hier wissen das Leben wirklich zu schätzen. Es fühlt sich ein bisschen an, als hätte man eine Goldmine gefunden, die noch niemand sonst entdeckt hat. Natürlich wissen wir, dass alle gerade von Berlin schwärmen, aber für mich fühlt es sich trotzdem noch unberührt an.

Wer hatte denn die Idee, hierher zu kommen?

Hunt: Unser Manager. Er hat mitbekommen, dass wir nach unserem letzten Besuch alle ganz begeistert waren, und er dachte sich, das könnte ein inspirierender Ort für Rüfüs sein.

Lindqvist: Wir werden die Platte allerdings nicht hier vollenden, sondern in Australien. Im Dezember fliegen wir zurück. Wir können uns die Sachen, die wir hier aufgenommen haben, dann mit ein bisschen Abstand anhören und werden das Album dann im Januar und Februar fertig stellen.

Wenn ihr so sehr von den kreativen Menschen in Berlin begeistert seid, wäre es logisch, auch ein paar davon als Gäste an den Aufnahmen zu beteiligen. Plant ihr so etwas?

George: Wir werden nicht so sehr mit anderen Künstlern zusammenarbeiten, sondern eher versuchen, ein paar geistesverwandte Leute zu treffen. Ein paar von unseren Idolen leben hier, es wäre fantastisch, wenn wir sie kennen lernen könnten. Trentemøller zum Beispiel, oder David August.

Lindqvist: Ich würde gerne sehen, wie diese Leute arbeiten. Einfach nur im Studio sitzen und sie beobachten. Ich denke, davon könnten wir eine Menge lernen. Aber unsere Musik schreiben, mixen und produzieren wir alleine. Das ist die beste Methode für uns.

Hunt: Wir brauchen wirklich niemandem von außerhalb. Unsere Arbeitsweise, die Möglichkeit, alles zu dritt hinzubekommen, ist genauso wichtig für den Sound von Rüfüs wie die Musik selbst.

Lindqvist: Wenn uns irgendwann die Ideen ausgehen, würden wir vielleicht jemanden von außen dazuholen, der uns neue Inspiration verschafft. Aber derzeit sind wir von dieser Situation weit entfernt. Wir haben eher das Problem, dass wir nicht genug Zeit haben, um all die Songs aufzunehmen, die aus uns heraussprudeln.

Aus der Idee, ein Album im Ausland zu machen, könnte ja auch eine Tradition bei Rüfüs werden. Ihr könnten Nr. 3 in Chicago aufnehmen, Nr. 4 in London, Nr. 5 in Nairobi. Was haltet ihr davon?

George: Das stelle ich mir auf jeden Fall reizvoll vor. Vor allem, weil wir viel auf Tour sind und viele Orte kennen lernen, an denen wir noch nie zuvor waren. Wir bekommen mit, was diese Orte in kreativer Hinsicht alles zu bieten haben, und es wäre toll, wenn man sich da andocken könnte.

Was wären denn eure bevorzugten Orte? Wo soll irgendwann das 13. Album in der Karriere von Rüfüs entstehen?

Hunt: Island!

George: Ich mag London sehr gerne. New York könnte ich mir auch vorstellen. Und auch in Los Angeles hat es mir gut gefallen.

Lindqvist: Ich würde mir irgendeinen Ort in Südostasien wünschen. Einfach wegen des Wetters.

Spaß beiseite: Könnt ihr euch wirklich vorstellen, dass es von Rüfüs irgendwann einmal 13 Alben geben wird? Oder macht euch dieser Gedanke eher Angst?

Lindqvist: Nicht wirklich. Wir sind einfach erst einmal viel zu gespannt auf das nächste Album, um so weit in die Zukunft zu blicken.

George: Aber man kann auf jeden Fall sagen, dass wir uns dieser Band wirklich voll und ganz verschrieben haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeiner von uns die Musik demnächst an den Nagel hängt.

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