Interview mit The 1975


Mit dem Debütalbum will Matthew Healy seine Band auf eine neue Ebene bringen.

Mit dem Debütalbum will Matthew Healy seine Band auf eine neue Ebene bringen.

Matthew Healy war einmal Schlagzeuger in einer Schülerband in Manchester. Er war dann Sänger in ein paar anderen Formationen, die schon durch ihre dämlichen Namen zum Scheitern verurteilt waren: Wer würde bitte zu einer Show von Bigsleep gehen oder eine Platte von The Slowdown kaufen?

Seit ziemlich genau einem Jahr ist Matthew Healy nun Rockstar. Mit ein paar EPs hat seine Band The 1975 im UK für begeisterte Radio-DJs, ansehnliche Verkäufe und das eine oder andere feuchte Höschen gesorgt. Im September soll das Debütalbum erscheinen, und morgen erscheint mit Sex eine neue Single (allerdings bloß die Neuaufnahme eines bereits bekannten Tracks).

Die Rolle als Rockstar hat Healy verdammt schnell gelernt. Ich treffe ihn zum Interview beim Melt!-Festival. Er trägt schwarz, er ist so sagenhaft überzeugt von seinen Songs, dass er mühelos Baudelaire zitiert, und die Sonnenbrille nimmt er erst ab, als ich ihn nach Mitternacht während der Show von The Knife wieder treffe und er überlegt, ob es jetzt noch lohnt, schlafen zu gehen, oder er lieber durchfeiern soll, bis um 7 Uhr der Flieger zu ein paar US-Dates von The 1975 startet. Und wie es sich für einen Rockstar gebührt, hält er auch in unserem Gespräch nicht allzu viel von Zurückhaltung. Zum Glück.

Hi Matthew. Können wir über Sex reden?

Matthew Healy (grinst und schweigt)

Ich meine natürlich eure neue Single, die eigentlich eine alte ist. Warum bringt ihr den Song demnächst noch einmal neu heraus? Ist das nicht ein bisschen arg faul?

Healy: Sex war eigentlich keine Single im klassischen Sinne, sondern der Titeltrack einer EP. Und unsere EPs waren auch eigentlich keine EPs, sondern eher einzelne Songs, zu denen wir noch ein paar andere Lieder dazu gepackt und das Ganze dann so schnell wie möglich veröffentlicht haben. Es ging darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Aber erst das Album wird das sein, was wir wirklich als Statement herausbringen wollen. Wir hatten eigentlich schon immer das Album im Kopf, und Sex ist der perfekte Song als Lead-Single dafür. Deshalb haben wir eine neue Version davon aufgenommen.

Was muss ein perfektes Debütalbum haben?

Healy: Es ist wie bei einer Beziehung, wie wenn man sich verliebt: Bei den Singles, den ersten Liedern, geht es darum, sich kennen zu lernen, Aufmerksamkeit zu erregen und die gegenseitige Anziehung aufrecht zu erhalten. Während dieser Phase ist jede zusätzliche Information ein neuer Pluspunkt, spannend, aufregend, erregend. Aber man kennt natürlich trotzdem nur kleine Teile voneinander, die eine eigene Geschichte erzählen, aber nicht das ganze Bild enthalten. Das Album wird alles auf den Punkt bringen, es wird uns voll und ganz zeigen. Ich träume davon, dass es ein Erlebnis werden wird wie ein John-Hughes-Film. Ich will, dass es ein Album wird, das richtig groß und mächtig klingt und zugleich völlig eigenständig. Ein Statement, so wie Face Value von Phil Collins oder Graceland von Paul Simon. Es sind 16 Tracks, die perfekt zeigen, wer wir sind, Und es gibt dann noch die Deluxe-Version, auf der auch all die Lieder von den EPs drauf sind.

Wenn die EPs der Flirt waren, ist das Album also so etwas wie die erste gemeinsame Nacht?

Healy: Das kann man so sehen. Wir wollen damit eine ganz neue Ebene erreichen.

Die Platte entsteht gemeinsam mit Mike Crossey, der für seine Arbeit mit Foals, Jake Bugg oder den Arctic Monkeys eine Menge Lorbeeren bekommen hat. Dabei hattet ihr immer gesagt, ihr würdet das Album – wie zuvor die EPs – selbst produzieren. Warum seid ihr davon abgerückt?

Healy: Stimmt, wir haben das gesagt. Aber die Begegnung mit Mike war einfach ein perfekter Zufall: Er kam auf uns zu und hat gesagt, dass er gerne mit uns arbeiten will. Das war keine Sache à la „Unser Management hat mit seinem Management gesprochen.“ Er hat einfach unsere Songs gehört, uns dann kontaktiert und tatsächlich gesagt: „Mit euch Jungs kann ich eine Platte machen, die der Höhepunkt meiner Karriere sein kann.“ Wenn jemand von diesem Kaliber das sagt, ist das natürlich sehr schmeichelhaft. Wir haben es dann mit ihm ausprobiert und gemerkt: Er versteht genau, wer wir sind und was wir wollen. Wir müssen uns nicht verstellen, wenn wir mit ihm zusammen arbeiten. Aber gleichzeitig kann er, was den Sound angeht, ein paar Dinge anstellen, zu denen wir selbst einfach nicht in der Lage wären.

Wir müssen noch einmal über Sex reden, diesmal nicht über die Single, sondern über Rock’N’Roll-Geschlechtsverkehr: Wer hat das aktivste Sexleben bei The 1975?

Healy (überlegt eine Weile): Wahrscheinlich unser Merch-Guy. Vor allem auf der US-Tournee hat er so einiges erlebt. Und an zweiter Stelle steht Adam, unser Gitarrist.

Hat sich euer Sexleben insgesamt verbessert, seit ihr als Next Big Thing gehandelt werdet?

Healy: Auf jeden Fall. Ich bin mit einem Model zusammen! Jeder in der Band ist oder war mit einem Model zusammen! Wir wissen, dass wir eine attraktive Band sind. Wir gefallen jungen Mädchen. Wir sind keine 18-Jährigen mehr, die komplett von ihrem Hormonen gesteuert sind. Aber ich kann nicht bestreiten: Das ist eine gute Sache.

Redet ihr innerhalb der Band über so etwas?

Healy: Klar. Es gibt nicht allzu viele One Night Stands bei The 1975, aber natürlich ist Sex ein Thema. Ich bin jemand, der von Dingen oft nicht genug bekommen kann. Das kann Musik meinen, oder Sex, oder Drogen. Ich brauche da ständig neue Stimulation. Im Moment habe ich eine Freundin, da ist es auf Tour natürlich ein bisschen schwer.

Das Lied Sex handelt nicht eigentlich von der körperlichen Liebe. Könntest du dir vorstellen, tatsächlich ein Lied über den Akt an sich zu schreiben?

Healy: Ja, ich glaube das ist eine gute Idee. Wirklich. Ich glaube, ich sollte das echt machen! Du hast mich inspiriert – das passiert nicht oft in einem Interview!

Gern geschehen. Meinen Anteil an den Tantiemen trete ich hiermit freiwillig ab. Das könnte schließlich auch peinlich werden – es gibt kaum gute Lieder über Sex, oder?

Healy: Mir fallen jetzt gerade zumindest keine ein. Aber es gibt natürlich eine Menge Lieder, die voller sexueller Metaphern stecken.

Könntest du deine eigene Musik hören, während du Sex hast?

Healy: Oh Mann, ich hoffe, meine Freundin liest das nicht. Aber es gab da mal eine Situation, bevor wir zusammen waren. Ich war mit einem Mädchen im Bett und nebenher lief Musik, im Shuffle-Modus. Auf einmal kam einer unserer Songs – das war eine wirklich seltsame Situation. Aber wir haben es überstanden (lacht). Ich höre normalerweise eigentlich gar keine Musik, wenn ich Sex habe. Das lenkt nur ab.

Legst du denn sonst ab und zu The 1975 auf?

Healy: Ja, ich höre sehr oft unsere Musik. Ich finde es wichtig, dass man sich damit beschäftigt. Wir merken jetzt gerade, dass den Fans diese Lieder unglaublich viel bedeuten, und manchmal ist es echt überraschend, welche Facetten sie darin entdecken oder wie sie einzelne Sachen interpretieren. Ich höre mir die Songs deshalb oft an und versuche, mich in sie hineinzuversetzen und genau das auch zu tun – ihre Perspektive nachzuvollziehen.

Kann das nicht auch frustrierend sein? Vielleicht denkst du andauernd: Verdammt, dieses Solo ist nicht gut, da hätte das Schlagzeug lauter sein müssen und hier hätte noch ein Background-Chor hingemusst?

Healy: Das stimmt, so etwas passiert. Da kann man nicht viel machen, außer man versucht, solche Verbesserungen live einzubauen. Es gibt ein Lied auf dem Album, da ist so ein ähnlicher Fall eingetreten: Wir hatten das Stück schon im Kasten, und dann haben wir es live gespielt und es ist plötzlich immer besser geworden. Aber ich denke, das gehört dazu, wenn man sich als Künstler ernst nehmen will: Dass man ständig nach Verbesserungen sucht, auch wenn die Werke eigentlich schon abgeschlossen sind.

Ihr habt reichlich Festivals in diesem Sommer gespielt. Inwieweit könnt ihr da eurem künstlerischen Anspruch gerecht werden? Du hast mal gesagt, dass ihr sehr viel Wert auf die Details legt, in der Musik, aber auch in eurem Artwork oder den Bühnenshows. Das ist doch bei Festivals kaum möglich, wenn man nicht alles selbst unter Kontrolle hat.

Healy: Trotzdem kann das klappen. Festivals sind mir zum Beispiel lieber als Auftritte als Vorband. Bei Festivals erwarten die Fans keinen einmaligen Höhepunkt, sondern sie sind drei Tage lang in einer konstanten Aufregung. Ich kenne das ja, ich war früher als Fan sehr oft bei Festivals. Es ist viel leichter, da Leute zu begeistern als ein Publikum mitzureißen, das sich nur auf diesen Abend und nur auf einen ganz bestimmten Künstler gefreut hat.

Wie macht ihr das? Wie lautet das 1975-Rezept für einen unvergesslichen Festival-Auftritt?

Healy: Man darf sich nicht so viele Gedanken machen, dass man vielleicht nicht sein ganzes Bühnenbild benutzen kann, dass man nicht sein schönstes Outfit trägt oder dass nicht so viele Fans da sind. Man muss vollkommen kompromisslos sein. Das Wichtigste für uns ist, dass wir einen abgeschlossenen Rahmen haben, zum Beispiel in einem Festivalzelt. Wir wollen wie in einer Box spielen, in einer Blase. Da sind Wände, da sind die Fans und da ist die Band – und rundherum nichts. Wenn man alles gibt, wenn man nicht prätentiös ist, wenn man Lieder spielt, in denen Menschlichkeit steckt – dann werden die Fans das erkennen und dann wird es funktionieren.

Dieses Interview gibt es auch bei Noisey.

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