Interview mit Wir sind Helden 4


Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Jean Michel Tourette von Wir sind Helden erweist sich als sehr angenehmer Gesprächspartner.

Wir sind Helden dürften gerade ziemlich gespannt sein. Unter anderem wegen der Geburt mehrerer Babys waren sie drei Jahre lang von der Bildfläche verschwunden. Heute kommt nun die neue Single Alles raus, am Abend präsentieren sich die Helden auf der Bühne beim Highfield-Festival, und in einer Woche folgt dann das neue Album Bring mich nach Hause.

Vor der Show beim Highfield habe ich mich mit Jean Michel Tourette, dem musikalischen Mastermind der Helden, unterhalten. Ein sehr angenehmes Gespräch, in dem es um Erwartungshaltung, Duschgel und einen Stop-Knopf ging.

Das neue Album Bring mich nach Hause ist nach langer Pause fertig, aber bisher kennen die Fans die neuen Lieder noch nicht. Ist das die spannendste Phase im Leben einer Band?

Tourette: Gute Frage. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Phase nun die spannendste ist. Natürlich ist es auch sehr aufregend, wenn man ganz am Beginn dieses Zyklus‘ steht und nur ein weißes Blatt Papier vor sich hat. Aber auch jetzt sind wir sehr gespannt, was passiert, wie die Leute das Album aufnehmen. Wir haben bisher ja nur Feedback von ein paar ausgewählten Journalisten bekommen.

Gibt es dabei große Überraschungen? Finden die Musikjournalisten Lieder ganz toll, die ihr nicht so gelungen findet? Oder verstehen sie die Texte ganz anders, als sie gemeint sind?

Tourette: Das kommt vor. Am meisten wundert mich dabei, zu welchen Ergebnissen die Journalisten kommen, wenn sie versuchen, das Album unter eine bestimmte Überschrift zu stellen. Man selber denkt während der Aufnahmen ja immer, die Platte sei hoch komplex und sehr vielschichtig. Und dann hören das ein paar Leute von der Presse und sind sich einig: Völlig klar, eine Folk-Platte. Diese Elemente gibt es natürlich auf Bring mich nach Hause, aber in meinen Augen ist das eben nur ein Aspekt. Solche Beurteilungen sind dann manchmal sehr überraschend, aber auch erhellend. Da sind tolle Komplimente dabei, aber auch Kritiken, die uns sehr hart treffen.

Wenn die Fans dann auch ihren Senf dazu geben dürfen: Achtet ihr auf dieses Feedback? Beispielsweise wenn ihr entscheidet, was die nächsten Singles sein werden?

Tourette: Das spielt eine Rolle. Ein Konzert ist schließlich das direkteste Feedback, das man bekommen kann. Natürlich haben wir Stücke, die wir selber am meisten mögen. Aber wenn wir zum Beispiel jetzt bei den Festivals die ersten neuen Stücke ausprobieren und dann ein Song sehr unmittelbar funktioniert, dann ist das schon ein Indiz.

Der Duschgel-Moment.

Der Duschgel-Moment.

Das Gespräch wird kurz unterbrochen: Helden-Bassist Mark Tavassol kommt vorbei und stellt eine Flasche Duschgel auf den Tisch. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: Auf Tour teilen sich die beiden das Gel. Wie solidarisch!

Das neue Album klingt, als ob ihr diesmal auf Erwartungshaltungen überhaupt keine Rücksicht mehr genommen habt und einfach das macht, was ihr wollt.

Tourette: Eigentlich haben wir schon immer das gemacht, was wir wollen. Aber es stimmt. Beispielsweise bei Soundso haben wir mit ein paar Texten und musikalischen Kapriolen unbewusst vielleicht versucht, ein paar Leute abzuschütteln. Wir haben ganz viel im Studio gefrickelt und uns sehr genau mit allen Details beschäftigt. Bei Bring mich nach Hause steht wieder mehr die Spielfreude im Mittelpunkt, neue Instrumente und ein musikalischer Forschergeist.

Das könnte auch als ein Versuch verstanden werden, endlich abzuschließen mit der Vereinnahmung von Wir sind Helden als Sprachrohr einer Generation.

Tourette: Auf jeden Fall. Wir wollen nicht mehr so sehr als Phänomen wahrgenommen werden. Wir sehen uns eigentlich als ganz normale Band – und haben uns immer als normale Band gesehen. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das funktionieren könnte. Platten machen, auf Tour gehen, interessant bleiben. Die ganze Sache mit dem Sprachrohr hing uns zum Hals raus. Alles, was um uns herum passiert ist, wer nach uns kommt und zu welcher Welle wir gerade gerechnet werden, war uns immer völlig egal.

Wenn es einen Stop-Knopf gäbe, den du an irgendeiner Stelle der Karriere von Wir sind Helden hättest drücken können und der eure Popularität genau auf diesem Level eingefroren hätte – in welchem Moment hättest du gedrückt?

Tourette: Das ist schwer. Am Anfang ging alles so schwer, dass ich zuerst jede neue Stufe cool fand. Wenn man bei einem großen Festival plötzlich als Headliner gebucht wird, dann denkt man: Wow! Aber wenn man dann plötzlich in eine Liga mit den Toten Hosen oder den Fantastischen Vier gehört, dann komme ich mir da ein bisschen vor wie ein Blender. Stop gedrückt hätte ich vielleicht deshalb wahrscheinlich nach der zweiten Tour zur Reklamation. Da haben wir in Hallen vor 2000 bis 3000 Leuten gespielt. Das ist die Ebene, die mir am besten gefällt.

Trotzdem erwarten viele Fans von Wir sind Helden noch die Antworten auf die wichtigen Fragen der Zeit. Habt ihr kurz überlegt, für das neue Album das große Lied zur Krise zu schreiben?

Tourette (lacht): Judith hat tatsächlich einige Texte angefangen, die in diese Richtung gingen. Aber wir haben das trotzdem nicht als Pflicht-Thema gesehen. Immerhin haben wir uns ja schon früher zu diesem Thema geäußert, mit Guten Tag, Müssen Nur Wollen oder Die Konkurrenz. Deshalb hat Judith dann auch gesagt: «Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt.» Die Themen, die zwingender waren, waren dann letztlich die persönlichen Themen. Das war für uns viel wichtiger, das musste raus. Wir hatten für das Album 15 Lieder aufgenommen und dann drei rausgekickt: Die Wespe, Lonely Planet Germany und Dumm Didi Dumm. Das waren tatsächlich die Lieder, die etwas Politisches hatten. Sicher werden die demnächst auf unseren B-Seiten landen.

Besonders gut gefällt mir auf dem neuen Album die Ballade von Wolfgang und Brigitte. Das sind Namen, die man nicht allzu oft in Popsongs hört. Woher kam die Idee für das Lied?

Tourette: Die Idee von Judith war, einen ernsten, aufrichtigen, romantischen Song über den Versuch von freier Liebe und großer Kommune zu schreiben, auch über ihre Kindheit. Judith ist ja in einer großen WG aufgewachsen, und das sind eben Namen aus der späten 68er-Generation. Sie besteht allerdings darauf, dass Wolfgang und Brigitte nicht ihre Eltern sind.

Wir sind Helden spielen Müssen nur wollen live beim Highfield 2010:

Dieses Interview gibt es auch bei news.de.


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