Is Tropical – „I’m Leaving“


Künstler Is Tropical

Is Tropical I’m Leaving Review Kritik

Eine deutlich erweiterten Horzont beweisen Is Tropical auf „I’m Leaving“.

Album I’m Leaving
Label Kitsuné
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Leave The Party heißt der fünfte Song auf dieser Platte. Nimmt man noch den Albumtitel I’m Leaving als Indiz hinzu, könnte man meinen: Is Tropical haben Angst bekommen vor dem beträchtlichen Rummel, den ihr Debüt Native To 2011 ausgelöst hatte, und deshalb ein zweites Album gemacht, das über die Abkehr von Jubel, Trubel, Heiterkeit berichtet.

In gewisser Weise wäre das eine Fehlinterpretation. Es gibt von diesem Trio aus London auch diesmal Lieder, die nichts anderes im Sinn zu haben scheinen, als den Sommer in den Club zu bringen. Cry hat einen übermutigen Rhythmus und strahlt viel Kraft und Leidenschaft aus, die der Gesang treffend widerspiegelt. Sun Sun hat eine Melodie wie aus einem Kinderlied, zu der sich der Harmoniegesang im Refrain an sich selbst zu berauschen scheint. Lover’s Cave ist sofort verführerisch und deutet eine Eruption an, die dann extrem geschickt herausgezögert wird. Toulouse ist ein Highlight und zeigt, wie perfekt Is Tropical ihr Metier beherrschen: Das Lied ist heiter, packend, originell und kompakt.

Trotzdem kann von business as usual auf I’m Leaving keine Rede sein – das eingangs erwähnte Leave The Party ist dafür ein gutes Beispiel. „Es handelt nicht davon, dass man einfach bloß eine Party verlässt, verstehst du?“, betont Simon Milner. Wem dieser Satz noch nicht eindeutig genug ist, der bekommt noch den Hinweis: „Der Tod spielt diesmal eine wichtige Rolle in den Liedern. Eine Weile haben wir sogar darüber nachgedacht, ein komplettes Album nur zu diesem Thema zu machen.“ Dass der entsprechende Track trotzdem einnehmend ist, erweist sich als bezeichnend für den neuen Ansatz von Is Tropical: Der Sound ist eigentlich schräg und unvollkommen, funktioniert aber blendend.

All Night ist der Moment auf dieser von Luke Smith (Foals, Depeche Mode) produzierten Platte, der man die Ambitionen dieser Band am deutlichsten anhört, auch hinsichtlich des Bemühens, einen eigenständigen Sound zu entwickeln. „Wir hatten früher oft mindestens acht Schichten in jedem Song. Das war so, als würdest du fünf Paar lange Unterhosen anziehen, dann noch ein paar Jogginghosen drüber und noch ein paar richtige Hosen dazu. Es war zu heiß und zu verwirrend“, sagt Simon Milner. „Letztlich war das eine Lernkurve. Als wir mit Musik angefangen haben, war die erste Erkenntns: Mach keine Musik, wenn du zu betrunken bist. Jetzt haben wir gelernt, uns auf den Kern eines Songs zu konzentrieren und die Dinge nicht überkompliziert zu machen.“

Yellow Teeth belegt diese Entwicklung, das Lied ist reduziert und sogar auf düstere Weise romantisch. „Wir wollten nicht festgelegt sein auf das Image einer Indie-Pop-Band, die tanzbare Lieder macht. Hymnen über einen Typen, der zum Werwolf wird, sind höchstwahrscheinlich etwas, das niemand von uns erwartet hätte“, erzählt Gary Barber schmunzelnd. Sein Bandkollege Dominic Apa ergänzt: „Genau das war so wichtig für uns. Das Lied zeigt, wie wir uns als Band entwickelt haben. Wir können auch mal etwas vom Gas gehen und einen größeren Horizont beweisen.“

Das zurückgenommene Video geht in eine ähnliche Richtung und könnte mit seinem vergleichsweise digitalen Sound ein Überbleibsel der zuvor veröffentlichten Elektro-EP Flags sein. Denkt man sich in Lilith die Stimme (und das geradezu grotesk heitere Keyboard) weg, wäre der Sound fast Lo-Fi, in jedem Fall zeigt dieses Lied, wie ausgeprägt die Indie-Sozialisation von Is Tropical ist. „Beim ersten Album dachte wir noch: Je lauter und härter ein Song ist, desto besser wird er den Leuten gefallen. Dann waren wir mit vielen anderen Bands auf Tour und haben bei deren Shows erkennt: Ihr größter Song war eine Ballade. So etwas hatten wir überhaupt noch nicht in Betracht gezogen“, sagt Simon Milner. „Das erste Album hatte viel Dynamik, aber diesmal wollten wir noch etwas hinzufügen. Vielleicht Gefühl?“

Dass das bestens funktioniert hat, kann man auf I’m Leaving immer wieder erleben. Das prominenteste Beispiel ist Dancing Anymore. Die Gitarre ist sehr roh, die Stimme süß, das Keyboard sogar niedlich. Gary Barber singt hier gemeinsam mit seiner Freundin. „Sie war immer sauer auf mich, weil ich nie tanze. Dann hat sie mich aber einmal tanzen gesehen und seitdem will sie, dass ich es lieber bleiben lasse. Das Lied handelt davon, wie ich mich daneben benehme“, sagt er. „Unsere Freunde sagen oft, dass wir wie aufgeregte Schulkinder sind, die ihre erste Klassenfahrt nach London machen“, fasst Simon Milner passend dazu die Attitüde bei Is Tropical zusammen, die auch auf I’m Leaving erhalten geblieben ist, wie Dominic Apa ergänzt: „Wir haben einfach Spaß. Und jetzt schreiben wir dabei eben ein paar Lieder über den Tod.“

Als Gesamtkunstwerk sind Is Tropical zu betrachten, zeigt auch das Video zu Yellow Teeth.

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