Jamie Lenman – „Shuffle“


Künstler Jamie Lenman

Jamie Lenman Shuffle Review Kritik

Mit „Shuffle“ erüllt sich Jamie Lenman einen Lebenstraum.

Album Shuffle
Label Big Scary Monsters
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Jamie Lenman war weder als Mitglied von Reuben noch als Solokünstler als Strahlemann bekannt. Beim Gedanken daran, jetzt ein Album mit Coverversionen – denn genau das ist Shuffle – veröffentlichen zu können, kriegt er sich allerdings kaum ein vor Freude.

„Ich wollte schon immer so eine Platte machen. An manchen dieser Coverversionen arbeite ich schon seit Jahren. Es ist eines der Dinge, die ich in meiner Karriere unbedingt erreichen wollte. Ich verstehe auch nicht, warum Covers-Alben ein wenig in Verruf geraten sind. Einige meiner Lieblingsplatten sind solche Covers-Alben, etwa Medusa von Annie Lennox oder die American-Recordings-Reihe von Johnny Cash. Sogar die ersten Alben der Beatles und der Specials enthielten größtenteils Coverversionen, trotzdem repräsentieren sie eindeutig ihren eigenen Sound“, erklärt er seine Begeisterung für dieses Format.

Passenderweise hat er zwei der in diesem Zitat erwähnten Künstler auf der heute erscheinenden Platte auch gleich selbst gecovert. Tomorrow Never Knows, eine der Großtaten der Beatles, eröffnet die Platte. Synthesizer, mächtige Drums und angriffslustige Gitarren prägen darin den Sound, erst mit dem Gesang erkennt man das Original und staunt dann umso mehr, dass sich aus George Harrisons Sitar-Meditation tatsächlich so ein Brett machen lässt. Die Fab Four sind später noch einmal vertreten. Hey Jude lässt das Geplänkel weg und steigt gleich mit dem „Nanana“-Teil ein, der von Jamie Lenman umgehend mit einer heavy Gitarre und einem Neandertaler-Schlagzeug bereichert wird.

Love Song For A Vampire hat einst Annie Lennox geschrieben. Auf Shuffle wird es zu einem der seltenen Fälle, in denen ein Stimmeffekt zu einer intensiveren emotionalen Wirkung beiträgt. Auch die anderen Covers von bekannteren Tracks sind spektakulär: Adamskis Killer verliert auch als Rocksong nichts von seinem Geheimnis, She Bop klingt hier, als stamme es nicht von Cyndi Lauper, sondern von Billy Idol.

Man merkt diesen Songs tatsächlich an, mit wie viel Begeisterung sich Jamie Lenman hier auf die Werke anderer Künstler gestürzt hat. Ursprünglich wollte er diese Platte schon direkt nach Muscle Memory machen, verrät er. Dann entschied er sich jedoch zunächst für ein weiteres Album mit eigenem Material (daraus wurde dann Devolver), „to fully establish my sound as a solo artist”, wie er es nennt. Nachdem das nun geschafft ist, kann er sich mit viel Verve dem lang gehegten Traum vom Covers-Album widmen, das er von Space (Idles, Black Futures) produzieren ließ.

Besonders ist dabei, dass Shuffle weit mehr ist als eine Sammlung neu interpretierter Lieder. In Adamantium Rage hat Jamie Lenman die Musik des gleichnamigen Computerspiels aus der Wolverine-Reihe neu erdacht, und zwar durchaus monumental. The Pequod Meets The Delight erweist sich als eine gesprochene Passage aus Moby Dick, hat also Hörbuch-Charakter. Song Of Seikilos bleibt eine akustische Skizze, die Titelmelodie von Popeye klingt hier so brutal, als hätte der wackere Matrose diesmal Spinat gegessen, der nicht nur sehr sauer, sondern radioaktiv gewesen ist. Mit You’re The Boss gibt es einen Dialog aus dem Kurzfilm, in dem Jamie Lenman unlängst an der Seite von Paul McGann (Doctor Who, Withnail And I) mitgewirkt hat.

„Ich will das Konzept eines Covers-Albums neu definieren. Es soll nicht einfach uninspirierte Neuauflagen von Klassikern aus den Achtzigern geben oder ironische Metal-Versionen von Pophits. Bei so etwas fehlen mir die Leidenschaft oder der Wille zur Innovation“, sagt Jamie Lenman. In der Tat erweitert er hier nicht nur die Grenzen dessen, was man als Coverversion interpretieren kann, sondern reizt auch das Shuffle-Prinzip sehr gekonnt aus, das dieser Platte den Namen gab (und in den ersten Sekunden des Albums noch einmal plakativ exerziert wird, als es ein paar Lieder gibt, die jeweils nur ganz kurz angespielt werden). Shuffle bietet in der Tat alles, was dieses Konzept reizvoll macht: Vielfalt, Brüche, ungewöhnliche Fundstücke, Abenteuer, Unberechenbarkeit und auch mal einen Ausfall.

Die Bandbreite reicht vom entspannten Instrumental Taxi Driver über A Handsome Stranger Called Death, das im Original von Foe stammt und klingt, als habe sich Rufus Wainwright in einen Bänkelsänger verwandelt, bis hin zu Coda, das sich von einem sphärischen Beginn bis hin zu Postrock-Härte entwickelt, oder The Remembrance, das die Platte abschließt, mit einem Arrangement (nur Gesang und Klavier) und einem Gefühl (Nostalgie), das auch gut zu Ben Folds passen würde.

„Für mich erfüllt sich mit Shuffle ein Traum“, darf Jamie Lenman zum Abschluss dieser Rezension noch einmal schwärmen. „Ich hatte totalen kreativen Freiraum und konnte mich in komplett neuen Sounds ausprobieren. Es gibt viele Elemente auf dieser Platte, bei denen ich mich immer noch wundere, wie wir das hinbekommen haben. Ich kann es kaum erwarten, dass alle das zu hören bekommen.“

Killer von Adamski als Rocksong, das funktioniert also auch, zeigt Jamie Lenman auch im Video.

Homepage von Jamie Lenman.

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