Jazzclub


Film Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm

Jazzclub Review Kritik

Teddy Schu (Helge Schneider) vernachlässigt seine Frau Jacqueline (Susanne Bredehöft).

Produktionsland Deutschland
Jahr 2004
Spielzeit 80 Minuten
Regie Helge Schneider
Hauptdarsteller*innen Helge Schneider, Jimmy Woode, Pete York, Susanne Bredehöft, Rocko Schamoni
Bewertung

Worum geht’s?

Freddy Schu ist Fischverkäufer, Zeitungsbote, Callboy und Verkäufer von Sexspielzeug. Vor allem aber ist er Jazzmusiker. Die regelmäßigen Auftritte mit seinen Freunden Steinberg und Howard bringen ihm zwar weder Publikum noch Einnahmen, trotzdem sind sie seine Highlights des Tages, und all die anderen Jobs macht er letztlich nur, um sich diesen Luxus leisten zu können. Für seine Frau Jaqueline hat er entsprechend wenig Zeit, weshalb es zuhause meistens Krach gibt und Teddy die Abende lieber mit einem Obdachlosen und dessen Basketball verbringt. Er träumt, mit seiner Band einmal gemeinsam mit dem berühmten Earl Mobileh musizieren zu dürfen – und ahnt gar nicht, wie nah er der Erfüllung dieses Wunsches schon ist.

Das sagt shitesite:

Über dem Lokal „Zum Alten Götzinger“, in dem Freddy Schu praktisch jeden Abend am Klavier sitzt, wohnt ein ziemlich schlecht gelaunter Nachbar, der regelmäßig seinem Ärger über die Klänge aus dem Jazzclub Luft macht. Er wirft dann gerne einen Blumentopf aus dem Fenster, verbunden mit dem Hinweis, diese seltsamen Töne aus dem Erdgeschoss seien alles, aber keine Musik. Man kann sich gut vorstellen, dass es ähnliche Stimmen von Menschen geben wird, die gerade Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm gesehen haben: Dies sei alles, nur keine Kinokomödie.

Man kann diesen Vorwurf nachvollziehen, vor allem wegen der beinahe vollständigen Abwesenheit eines Plots in diesem Streifen, der zwischendurch unerwartet zum Stummfilm und dann noch plötzlicher zu einem Weltraumabenteuer wird. Natürlich waren schon die vorangegangenen Filme ungewöhnlich bis abseitig, doch hier wird der sehr besondere Ansatz von Helge Schneider noch radikaler umgesetzt. Man könnte sagen, dass er Jazzclub tatsächlich wie eine musikalische Improvisation gestaltet. Vieles wirkt wie ein Stilleben, eine Collage aus Bildern, die nicht zwingend einen inneren Zusammenhang haben (im Audiokommentar sagt Schneider einmal treffend: „Solche Szenen sind wunderschön. Aber die Handlung!“). Es gibt keinen Text, schon gar keine Kino-tauglichen Dialoge, auch nur – erst recht im Vergleich zu seinen früheren Filmen – wenige Kulissen. So entstehen sowohl ein dokumentarischer Touch („Ich wollte mit dem Film auch das Leben einfangen“, sagt der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller) als auch eine melancholische Atmosphäre, die man von ihm bisher nicht kannte und die einigen Passagen einen erstaunlich ernsthaften Charakter verleiht.

Fans des Komikers aus Mühlheim, der hier auch seine Heimatstadt eine sehr prominente Rolle spielen lässt, finden indes auch einige vertraute Elemente: Rodriguez Faszanatas, der „Stundenverschönerer“, tauchte zwei Jahre später als Titelheld eines Romans von Helge Schneider wieder auf. Schauspieler wie Andreas Kunze oder Charly Weiss waren schon mehrfach gemeinsam mit ihm auf der Leinwand zu sehen, auch die Lebenssituation eines musikalisch Hochbegabten, der sich aber mit Aushilfsjobs über Wasser halten muss und von den meisten seiner Mitmenschen als Taugenichts angesehen wird, dürfte vielen bekannt erscheinen, die mit den frühen Karrierejahren der „singenden Herrentorte“ vertraut sind. Natürlich gibt es auch wieder reichlich skurrile Figuren wie den Pflasterverkäufer oder Professor Henry.

Zu den Konstanten gehört auch die prominente Rolle der Musik, die hier in der Tat meisterhaft ist. Die Freude, die man Helge Schneider beim Klavierspielen ansieht, ist das einzige in diesem Film, das nicht grotesk wirkt. Und die Botschaft von Jazzclub ist wohl eine, die man als autobiografisch geprägtes Credo dieses Künstlers begreifen kann: Leben als Mühsal, Musik als Lust. Das im Bonusmaterial der DVD enthaltene „Behind The Scenes“ ist ausnahmsweise erhellend und bestärkt diese Vermutung, weil hier klar wird, dass es bei Helge Schneider fast keinen Unterschied gibt zwischen der Persona vor und hinter der Kamera.

Zugleich kann man dem dort zu findenden Audiokommentar vielleicht auch die Ursache für das Scheitern von Jazzclub entnehmen: Helge Schneider zeigt sich hier, wie auch schon bei früheren Auftritten in diesem Format, sprunghaft und schnell abgelenkt. Er nennt seinen Film bei der Betrachtung im Rückblick „infantil“ und „furchtbar langweilig“, gähnt mehrfach und will an anderer Stelle lieber vorspulen. Von dieser Ungeduld lebt seine Kunst in anderen Medien, etwa die Unberechenbarkeit und Spontaneität seiner Konzerte. Aber sie ist während einer Filmproduktion, die Dramaturgie ebenso braucht wie Disziplin, natürlich nicht von Vorteil. Es ist insofern kein Wunder, dass er sich erneut unzufrieden mit den eigenen Ergebnissen zeigt. Schneider beklagt wieder die Einflussnahme anderer, etwa des Produzenten, die seine künstlerische Vision verwässert hätten und beteuert „Mein nächster Film wird besser.“ Fünfzehn Jahre später scheint es eher so zu sein, als hätte er dieses Metier endgültig für sich verworfen. Jazzclub ist als Film womöglich das, was schon 1991 der Titel einer Platte von Helge Schneider war: The Last Jazz.

Bestes Zitat:

„Ich trinke keinen Tee. Ich bin A-Tee-ist.“

Der Trailer zum Film.

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