Jeden Abend bei Susi


„Das ist aber das Letzte. Dann machen wir Feierabend“, sagt Susi, als sie mir das widerwillig gezapfte Bier in die Hand drückt. „Ist ja kaum noch was los. Und du kannst ja nicht jeden Abend hier versumpfen“, fügt sie an.

Sie meint das liebevoll, aber es klingt wie ein Vorwurf. Susi hat gut reden. Was soll ich denn sonst machen, jeden Abend? Früher gab es da noch was. Einen festen Anlaufpunkt, eine Routine, eine Institution. Da wurden alle, die einem tagsüber wieder zum Kopfschütteln und Haareraufen gebracht hatten, zünftig abgestraft. Das tat gut, danach konnte man beruhigt schlafen. Doch das ist lange her.

Nun verbringe ich die Abende meistens hier bei Susi an der Theke. Heute ist wirklich nicht viel los. Nur ein einziger Gast ist außer mir noch da. Ein ziemlich großer Mann, die Haare schlecht blondiert, das Sakko sehr, sehr abgewetzt. Vorhin hat er noch Gesellschaft gehabt. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit wirrer Frisur scharwenzelte die ganze Zeit um den großen Mann herum und führte sich dabei auf wie ein Lakai. Als er dann endlich seine Jeansjacke nahm und sich verabschiedete, schien der große Mann unendlich erleichtert. Er nahm einen sehr, sehr großen Schluck von seinem Bier und hob das Glas dabei, als hätte diese Geste irgendeine tiefere Bedeutung.

Als ich mich zu ihm an den Tisch setze, schaut er kurz auf. Er sieht schlimm aus. In den weißen Bartstoppeln über der Lippe hat sich Bierschaum verfangen, das Brillenglas ist gesprungen, die Augen sind rot unterlaufen. Seine riesigen Hände klammern sich um das Bierglas, das ihm der einzige Halt in dieser Welt zu sein scheint. Er nimmt noch einen kräftigen Schluck und erzählt mir dann seine Geschichte.

Einst habe er einen tollen Job gehabt. Gutes Geld, Bewunderung, einige Auszeichnungen. Doch dann sei das Ende gekommen. Gleich zu Weihnachten gab es wieder einmal Streit über das Heiraten, dann war die Frau weg. Die Freunde verabschiedeten sich fast ebenso schnell. Dabei habe er das doch alles der Freundschaft wegen durchgezogen. Nur dieser Kriecher, den er noch nie leiden konnte, rede ihm noch regelmäßig ins Gewissen. „Und dann haut er ab und zahlt noch nicht mal sein Bier“, sagt der große Mann – jetzt schon sehr laut. Schnell fügt er hinzu, dass er sich nicht so aufregen soll, der Blutdruck und so.

In ihm brodelt offensichtlich eine ganze Menge, und es scheint ihm ein Ventil zu fehlen, das alles rauszulassen. Als er dann auch noch die Titelstory über den „Late-Night-König“ Thomas Koschwitz in der Zeitung entdeckt, droht er die Fassung zu verlieren und klammert sich noch fester an das Bierglas. Ich bekomme ein wenig Angst. Um mich abzulenken, wühle ich auch ein bisschen in dem Zeitungsstapel und entdecke eine Ausgabe des Stern vom November 2001. „Ohne die Show würde ich saufen“, lautet die Schlagzeile eines Harald-Schmidt-Porträts. Und da erkenne ich plötzlich den großen Mann.

„Feierabend“, ruft Susi.

Legendär: Eine ganze Harald-Schmidt-Show auf Französisch:

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