Jimi Goodwin – „Odludek“


Künstler*in Jimi Goodwin

Jimi Goodwin Odludek Review Kritik

„Odludek“ ist das bisher einzige Soloalbum von Doves-Sänger Jimi Goodwin.

Album Odludek
Label Heavenly
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Neunstellig ist die Zahl der auf der Welt lebenden Tauben. Mehr als 300 Arten sind bekannt, sie sind auf allen Kontinenten außer der Antarktis zu finden. Immer mal wieder kann man indes von rätselhaftem Taubensterben an verschiedenen Orten lesen.

Bis vor Kurzem musste man befürchten, dass auch in Manchester die Population um drei reduziert werden könnte. Denn dort sind Doves beheimatet, und die nach dem Album Kingdom Of Rust (2009) angekündigte Pause auf unbestimmte Zeit fühlte sich dann doch gewaltig nach einem endgültigen Split an. Diesen Verdacht verstärkte Sänger und Bassist Jimi Goodwin, als er 2014 sein erstes Soloalbum Odludek vorlegte.

Unlängst haben Doves allerdings Konzerte und ein neues Album angekündigt, die Sorge um ein Taubensterben war also unbegründet. Odludek blieb bisher auch der einzige Ausflug von Goodwin in Solo-Gefilde. Es war also kein Lippenbekenntnis, als der Sänger zur Veröffentlichung dieser Platte betonte: „Wir haben nie gesagt, dass wir uns trennen würden, aber wir brauchten alle etwas Zeit, um für eine Weile unser eigenes Ding zu machen. Ich würde auch nie ausschließen, dass wir wieder zusammenkommen. Sag niemals nie. Aber [die Sololaufbahn] ist es, worauf ich mich im Moment konzentriere… und ich genieße es. Es fühlt sich an, als hätte ich Winterschlaf gemacht und wagte mich nun wieder ins Tageslicht, und das fühlt sich großartig an.“

Diese Begeisterung hört man der Platte an, an der er anderthalb Jahre gearbeitet hat – wobei er mit Unterstützung von Co-Produzent Dan Austin fast alles selbst gemacht hat. „Ursprünglich wollte ich viele Gäste dabei haben. Vielleicht habe ich meinen eigenen Instinkten nicht getraut, weil ich so lange in einer Band mitgewirkt hatte. Aber diese Idee war schnell vom Tisch. Ich beschloss sehr schnell, dass ich meinen Prince-Kopf aufsetzen und alles selbst spielen wollte. Ich wollte niemanden da ran lassen und auch ausschließen, dass mich jemand steuert. Ich habe es selbst gemacht und selbst bezahlt, und das war sehr frei und befreiend.“

Zu dieser Arbeitsweise passt auch der Albumtitel: Odludek ist Polnisch und bedeutet so viel wie „Einzelgänger“ oder „Pilger“. Und auch das ästhetische Grundprinzip, das Jimi Goodwin angestrebt hat, hört man der Platte sofort an. „Ich wollte, dass es wie so ein verrücktes Mixtape klingt, das man seinem Kumpel macht und wo man alles draufpackt, von Duke Ellington bis zu einem irren Hip-Hop-Track, den man gerade gehört hat, und wieder zurück“, sagt er. „So höre ich selbst Musik, und ich wollte ein Album machen, das das widerspiegelt. Das Letzte, was ich wollte, war, dass es wie ein Kauz klingt, der früher mal in einer Band war. Ich mag es nicht, in eine Schublade gesteckt zu werden.“

Dem lässt er von der ersten Sekunde an Taten folgen, denn schon der Opener Terracotta Warrior klingt wie eine Wundertüte: Nach dem plakativen und abstrakten Auftakt weist der Bass den Weg, die nächsten Stationen lauten: Bläser-Sektion, Morrissey-Drama, James-Bond-Theme, Rock-Finale. Ganz ähnlich funktioniert später der kaputte Ska von Man vs Dingo. Auch hier scheint der Wahnsinn (oder zumindest kreativer Übermut) zu regieren, lediglich der erneut sehr gute Bass sorgt für ein bisschen Struktur und klingt dabei zugleich, als sei er im Krieg mit den Bläsern. Lonely At The Drop ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Goodwin hier mit originellen, subtilen Rhythmen viel Drive erzeugen kann und dabei immer wieder Überraschungen parat hat. In diesem Fall scheint der Song für ein paar Sekunden asiatisch zu werden, auch ein Abzweig in Richtung Country wird ganz kurz angedeutet.

Live Like A River fasst der Künstler als “Queens Of The Stone Age treffen auf Rave“ zusammen (was stimmt, auch wenn diese beiden Komponenten nicht ganz harmonisch verschmolzen werden) und ergänzt: „Das hätte aus meiner Sicht auch die Lead-Single sein können, weil es die Platte gut zusammenfasst.“ Diese Rolle kam dann aber Oh! Whiskey zu, das auf spektakuläre Weise unspektakulär ist. Vor allem die schöne Dramaturgie trägt dazu bei, dass es so erwachsen und klasse klingt. Das akustisch geprägte Hope lässt mit seiner freigeistigen Gitarre und einem fast Gospel-artigen Gesang daran denken, wie Mumford & Sons ohne ihr Kalkül klingen könnten. Das manchmal fast jazzig wirkende Keep My Soul In Song rückt in die Nähe von Radiohead, das elegante Ghost Of The Empties kann man sich wie eine opulente Version von Badly Drawn Boy vorstellen.

Didsbury Girl ist schon 2004 entstanden, also lange vor der Pause von Doves. „Es schwirrte mir immer im Kopf herum und hat mich einfach nicht in Ruhe gelassen“, sagt Goodwin. Das Lied hat erstaunlicherweise ein bisschen Gunge-Gefühl und könnte mit seiner Entwicklung von einem betrübten Sound zur Karthasis etwa zu Pearl Jam oder Soundgarden passen, allerdings wären die zwischendurch sicher nicht so funky geworden.

Den Abschluss von Odludek macht das wie ein akustischer Karneval wirkende Panic Tree. Mit diesem Song über eine Vater-Sohn-Beziehung hat sich Goodwin – ebenso wie mit der Soloplatte insgesamt – einen lang gehegten Traum erfüllt, nämlich die Zusammenarbeit mit Guy Garvey (Elbow). Beide hatten das schon lange geplant, als es endlich klappte, haben sie an einem Nachmittag gleich drei Songs gemeinsam geschrieben. „Ich habe Guy die Demos vorgespielt, die grobe Melodien und erste Textentwürfe – und innerhalb von zwei Stunden waren wir mehr oder weniger fertig. So schnell ging das. Wir sind einfach total simpatico miteinander. Wir verstehen uns wirklich gut, und er hat genau erkannt, wo ich hinwollte“, schwärmt Goodwin. Die anderen beiden Songs aus dieser Kollaboration haben bisher noch nicht das Licht der Welt erblickt. Vielleicht wird das ja etwas in der nächsten Pause der Doves.

Die Vögel im Video zu Oh! Whiskey scheinen keine Tauben zu sein.

Website von Jimi Goodwin.

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