Joachim Gauck ist kein Mainstream 1


Was erwarten Sie vom Bundespräsidenten? Noch vor drei Jahren wäre diese Frage leicht zu beantworten gewesen: nicht viel. Das Staatsoberhaupt darf vielleicht mal eine Ruck-Rede halten, die Unterschrift unter ein Gesetz verweigern oder uns zu Weihnachten ins Gewissen reden. Aber ansonsten soll der Bundespräsident das tun, was die Verfassung für ihn vorgesehen hat: nicht groß auffallen.

Diesmal ist alles anders. Nach dem übereilten Rücktritt von Horst Köhler und dem untereilten Abgang von Christian Wulff übernimmt Joachim Gauck ein Amt, das schwer beschädigt ist. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler muss nicht nur das Vertrauen in dieses Amt wieder herstellen. Er muss auch seine Daseinsberechtigung beweisen.

Mehr noch: Hört man all die Lobeshymnen, die gestern vor, während und nach der Wahl für Joachim Gauck gesungen wurden, dann muss man den Eindruck haben: Der Pastor soll all das wieder gutmachen, was die Politik (und das meint bei weitem nicht nur Christian Wulff) in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit verspielt hat.

Das ist eine gewaltige Fallhöhe, und es ist eine gefährliche Ausgangssituation für einen Bundespräsidenten, der sich selber gerne reden hört, der überzeugt eintritt für seine Ansichten und der mehr sein will als ohnmächtiger Mahner. Dass Gauck gestern vor der Bundesversammlung keine Sieges- und keine Kampfes-, sondern eine Dankesrede gehalten hat, ist deshalb ein gutes Zeichen. Er begegnet dem Amt mit Demut und Bescheidenheit. Der 72-Jährige spürt, wie groß die Erwartungen sind. Und er weiß, wie schwer sie zu erfüllen sein werden.

Was also darf man erwarten vom neuen Bundespräsidenten? Integrität? Ja. Mut? Definitiv. Beeindruckende Reden? Auf jeden Fall. Aber Volksnähe, Mainstream, einen Finger am Puls der Zeit? Eher nicht. Gauck hat eine sehr besondere Biographie, die zu sehr besonderen Ansichten geführt hat. Seine «Ecken und Kanten» betonte er gestern beinahe so gebetsmühlenartig wie sein Credo von «Freiheit und Verantwortung». Auch das darf als Fingerzeig verstanden werden: Gauck will und wird ein Querdenker bleiben.

Umso erstaunlicher ist, trotz der teils überzogenen Kritik an Gaucks zweiter Kandidatur und der unerwartet zahlreichen Enthaltungen bei der Wahl, die breite Rückendeckung für Gauck. Bis auf die Linken und die Piraten scheint keiner ein Problem mit ihm zu haben. Aber all jene, die sich von dem Rostocker vor allem erhoffen, dass er das Amt des Bundespräsidenten in ruhigeres Fahrwasser führen möge, werden sich womöglich schon sehr bald wundern müssen. Gauck wird, soweit sich das absehen lässt, ein anständiger Bundespräsident sein. Aber kein Duckmäuser.

Das ist erfreulich. Denn damit würde Gauck vielleicht nicht die Hoffnungen der Fraktionen erfüllen, die ihn unterstützt haben. Aber die Hoffnungen, die die Deutschen jetzt in ihn setzen: Gauck soll ein mutiger, ehrlicher Präsident sein – und ein Korrektiv zum Geschacher der Parteien.

Diesen Kommentar gibt es mit einer Sammlung amüsanter Tweets zu Joachim Gauck auch bei news.de.


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