Josie Paulus – „Loud & Bold“


Künstler Josie Paulus

Josie Paulus Loud & Bold Review Kritik

Unterwürfig? Die Pose auf dem EP-Cover täuscht gewaltig.

EP Loud & Bold
Label RecordJet
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Taylor Swift hat es ja vorgemacht: Country muss längst nicht das Ende der eigenen musikalischen Entwicklung sein. Auch wenn dieses Genre vergleichsweise konservativ ist, kann es zum Ausgangspunkt einer Metamorphose werden, an deren Abschluss eine ganz andere, moderne, vielschichtige, coole Künstlerin steht.

Als Josie Paulus auf ihrem Debütalbum Green (2018) noch Country (und Artverwandtes) gespielt hat, nannte sie Taylor Swift einmal als eines ihrer Vorbilder. Es ist also nicht ganz verwunderlich, dass die Hamburgerin drei Jahre später mit einer ganz anderen Ästhetik wieder auftaucht. Das heute erscheinende Loud & Bold ist so, wie es der Titel der EP ankündigt: Es gibt hier Hardrock im Stile beispielsweise von Aerosmith, als weibliche Entsprechungen kann man vielleicht The Donnas, Joan Jett oder Alannah Myles benennen.

Wer hier anmerkt, dass die benannten Künstler*innen ihre beste Zeit alle schon seit mindestens einem Vierteljahrhundert hinter sich haben, liegt natürlich völlig richtig. Ebenso angebracht ist die Frage (wenn man solche Kriterien an Musik anlegt), wo der Markt für diese neue Inkarnation von Josie Paulus sein soll. Schielt diese EP auf alt(ernd)e Männer, die das Wort „Rockröhre“ noch nicht aus ihrem Sprachschatz verbannt haben? Das ist nicht ganz auszuschließen, denn gelegentlich bietet Loud & Bold den guten, alten Schweinerock, wie ihn Herren mit Bierbauch und Lederweste gerne beim Stadtfest hören. Oder sollen hier allen Ernstes junge Mädchen dazu gebracht werden, ihr Smartphone zur Seite zu legen und dafür E-Gitarre und Drumsticks in die Hand zu nehmen? Das ist noch etwas wahrscheinlicher, denn damit sind wir beim Alleinstellungsmerkmal von Josie Paulus: Zu ihrer Interpretation von laut und kühn gehören ein spezifisch weibliches Selbstvertrauen und eine klar feministische Agenda, die indes niemals biestig wird.

Schon im Titelsong zum Start der EP verweist sie auf #metoo, die zentrale Zeile lautet dann: „I don’t need your advice.“ Dieses Bekenntnis von Eigenständigkeit und die Weigerung, sich unterzuordnen, sind auch in den weiteren fünf Stücken die Leitmotive. Dass neben Taylor Siwft auch Janis Joplin, Patti Smith und Courtney Love zu den Vorbildern von Josie Paulus zählen, glaubt man da sehr schnell, nicht nur wegen des Sounds, sondern auch wegen der Attitüde, die sie mit “I’m done playing nice” überschreibt.

„I don’t need your love / I can love me on my own“, heißt das dann in Good To You, das zu einer gelungenen Strophe und einem leider etwas plumpen Refrain respektvolle Beziehungen und ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe einfordert. The Worst Part wird noch eindeutiger und behandelt düster und reflektiert die Erfahrung von sexuellem Missbrauch. Das Ergebnis klingt wie ein vergessener Grunge-Song, vielleicht von No Doubt. Die Musik von All I Hear Is würde mit dem prominenten Bass und dem angedeuteten Discobeat zu Gossip passen, das Thema sind hier Mansplaining und andere Formen maskuliner Selbstüberschätzung.

23 Candles besingt eine Geburtstagsfeier und gönnt sich passend dazu neben einem guten Groove auch etwas Ausgelassenheit. Ebenso kann man hier aber auch das leicht wehmütige Gefühl von Vergänglichkeit erkennen und den Gedanken, dass man (zumindest in dieser Runde) vielleicht nie mehr so unbeschwert zusammenkommen wird, bis dann am Ende des Liedes der Chor für noch etwas mehr Überschwang und das Schlagzeug für noch etwas mehr Entschlossenheit sorgt. These Days schließt die EP mit dem besten Refrain dieser Platte ab, zugleich mit viel Selbstbewusstsein und erneut einem großen Vertrauen in den eigenen Weg, auch wenn er, wie es im Songtext heißt, vielleicht kein prall gefülltes Bankkonto mit sich bringen wird. Josie Paulus weiß natürlich, dass es nicht immer wie bei Taylor Swift laufen muss – und dass ihr das im Zweifel auch egal ist, macht ihre Position umso stärker.

Das Video zu Good To You setzt auf Leder und Eiscreme.

Website von Josie Paulus.

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