Jungle – „Loving In Stereo“


Künstler Jungle

Jungle Loving In Stereo Review Kritk

Jungle veröffentlichen „Loving In Stereo“ auf ihrem eigenen Label.

Album Loving In Stereo
Label Caiola
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Der griechische Geschichtsschreiber Strabon hat sich in seinem Werk vor rund 2000 Jahren vor allem mit Geographie beschäftigt, aber auch mit etwas, das wir heute wohl schlicht „Party“ nennen würden. Er kam zur Erkenntnis, dass Feiern ein Gebot der Natur sei und dass die Götter den Menschen diese Gelegenheit gegeben hätten, um sich zu erholen. „Man sagt, die Menschen seien den Göttern am nächsten, wenn sie Gutes tun; aber näher sind sie ihnen, wenn sie glücklich sind, sich freuen, feiern, philosophieren und musizieren“, hat er folglich formuliert.

Das ist eine These, die ohne Zweifel auch Jungle teilen. Das britische Produzentenduo, bestehend aus Josh Lloyd (genannt J) und Tom McFarland (genannt T), unterstreicht diesen Verdacht mit seinem dritten Album Loving In Stereo, das heute erscheint. Sie zelebrieren die Freude an der Musik mit einer mitreißenden, positiven Kraft, die sich schon 2014 auf ihrem Debütalbum, 2018 auf dem Vorgänger For Ever und vor allem auch in den Videos der Band immer wieder offenbart hat, in denen es ein Motiv praktisch immer zu sehen gibt: ausgelassene, toll choreographierte Tänze. „Tanzen ist die instinktivste Art, wie Menschen auf Musik reagieren können“, sagt T. „Ich kann mir diese Videos immer und immer wieder anschauen. Du erfährst etwas Neues über deine eigene Musik, wenn du siehst, wie sich eine andere Person dazu ausdrückt.“

Die einstudierten Schritte und Clips gehören bei Jungle zum Gesamtkunstwerk, eine wichtige Rolle für ihre Ästhetik spielt auch ihr Studio namens The Church, in das sie immer wieder neue Künstler einladen. So gibt es auf Loving In Stereo erstmals zwei Feature-Gäste: Bas haben sie beim Greatest Day Ever Festival kennengelernt, jetzt steuert er einen Rap zu Romeo bei, das Reggae-Leichtigkeit mit großer Abenteuerlust kombiniert. Auch Priya Ragu schaute in der Jungle-Kirche vorbei, nun bereichert sie das elegant-entspannte Goodbye My Love. Dieser Spirit von Kollaboration und Zusammenhalt ist ebenfalls ein wichtiges Element für das Duo. „Wenn wir Musik machen, entsteht daraus Hoffnung“, sagt J. „Vielleicht werden wir heute noch etwas erschaffen, das Menschen beeinflusst und die Art und Weise verändert, wie sie sich fühlen. Wenn man etwas beitragen kann, das Menschen aufheitert, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.“

Entsprechend programmatisch ist die Single Keep Moving gemeint, die unter anderem durch Disco-Streicher und einen Chor sehr ausgelassen und enorm wirkungsvoll wird. Auch Talk About It, eine weitere Single, ist ein Highlight auf Loving In Stereo: Der Beat ist so zappelig, unermüdlich und ansteckend, dass man fast vergessen könnte, die Schönheit dieser Melodien zu erwähnen. Bonnie Hill lassen Jungle wie eine relaxte Sommer-Rundfahrt samt Flötensolo klingen, manchmal haben die Tracks auch beinahe Instrumental-Charakter wie Fire mit seinem tollen Bass, oder Just Fly, Don’t Worry, das die Gorillaz im Philly-Sound-Modus inszenieren zu wollen scheint. Auch in No Rules, das ein bisschen verspielt und soundverliebt wird, kann man eine Geistesverwandtschaft zum Damon-Albarn-Projekt erkennen.

All Of The Time unterstreicht, wie wenig dieses Duo nach einem Studiotüftler-Projekt klingt, sondern vielmehr nach einer echten Gemeinschaft, beispielsweise mit dem Chor, der direkt von der Tanzfläche aus zu singen scheint, wo es zudem ein bisschen Space-Funk zu entdecken gibt. „Der Song klingt wie Garage, aber von Musikern gespielt, die schon die Rhythmen der Zukunft kennen“, sagt J sehr treffend, auch der Text ist durchaus ambitioniert, erst recht im Vergleich zu üblichen Tanzmusik-Standards: „Es geht um Verlust, Spiritualität, Vergänglichkeit und Entfremdung von jemandem, der dir nahe steht. Diese Themen werden mit der euphorischen Natur des Tracks kontrastiert, der dich klanglich dazu auffordert, Positivität in Körper und Geist zu akzeptieren und zu wachsen.“ Zum Drive von Truth tragen auch ein paar New-Wave-Elemente bei, unverkennbar hat allerdings auch hier der Gesang keinerlei Lust, sich davon in den Schatten stellen zu lassen. Der Album-Abschluss Can’t Stop The Stars ist noch einmal typisch: Der Song kostet seine Seventies-Seligkeit aus, hat aber vor allem eine Heiterkeit und Energie wie eine strahlende Sonne.

Ihre Unabhängigkeit steigern Jungle, indem sie Loving In Stereo als erste Platte auf ihrem eigenen Label veröffentlichen. Auch sonst agieren sie hier zwar mit einem vertrauten (und funktionierenden) Rezept, aber innerhalb dieser Formel durchaus mutig wie im gechillten Lifting You oder What D’You Know About Me?, das in seiner tropisch angehauchten Zappeligkeit an Friends denken lässt. „Mit diesem Album haben wir gelernt, unseren Instinkten zu vertrauen und auch mal eine Bauchentscheidung zu treffen. Es sollte offener, roher, spaßiger und unterhaltsamer sein. Denn darum geht es letztlich in der Musik“, sagt J. Ein gewisser Strabon hätte da sicher nicht widersprochen.

Eine tolle Choreo bietet auch das Video zu Keep Moving.

Website von Jungle.

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