Kaum Halbwertszeit 1


Tschernobyl ist 1000 Kilometer weit weg und 20 Jahre her. Aber aktueller hätte der Jahrestag des Super-Gaus kaum sein können: Der steigende Ölpreis sorgt für hohe Energiekosten und Angst, von den Lieferanten abhängig zu werden. Die Diskussion um CO2-Emissionen lässt Atomstrom als verhältnismäßig umweltfreundlich erscheinen. Zuletzt kam eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zu dem Ergebnis, dass der Reaktorunfall bisher gerade einmal 50 Todesopfer gefordert habe. Atomenergie scheint rehabilitiert zu sein. Viele wollen einen Schlussstrich ziehen.

Die Halbwertszeit des menschlichen Gedächtnisses ist offensichtlich nicht so groß wie die des strahlenden Materials. Makabre Hochrechungen von Opferzahlen, mit denen auf Kosten der Betroffenen Politik betrieben werden soll, nutzen dies aus. Dabei sind die Folgen von Tschernobyl nach wie vor präsent. Eine Fläche, die doppelt so groß ist wie der Landkreis Fulda, wird auf Jahrhunderte hinaus für Menschen unbewohnbar sein. 200.000 Quadratkilometer – das entspricht der Ausdehnung Bayerns, Niedersachsens, Baden-Württembergs, Nordrhein-Westfalens und Schleswig-Holsteins zusammen – sind weiterhin mit radioaktivem Material vergiftet.

Noch heute sterben und erkranken Menschen an den Folgen der Strahlung. Nicht zuletzt: Elf Reaktoren vom selben Typ wie der Block, der in Tschernobyl explodierte, sind nach wie vor in Betrieb.

Allzu präsent ist auch noch die Erinnerung an die Tage nach der Katastrophe: Während die offiziellen Stellen hinter dem Eisernen Vorhang gezielt verschleierten, waren die Behörden im Westen völlig überfordert mit der Situation, übertrafen sich gegenseitig mit schockierenden Schreckensmeldungen und verantwortungslosen Verharmlosungen. Das Ergebnis waren „Sofortmaßnahmen“, die sechs Tage nach der Explosion ergriffen wurden, sinnlose und widersprüchliche Schutz-Empfehlungen und eine völlig verunsicherte Bevölkerung, die sich der unsichtbaren Gefahr nahezu hilflos ausgeliefert sah.

Tschernobyl hat uns allen bewusst gemacht, wie ohnmächtig die Menschen im Falle eines Unfalls der enormen atomaren Zerstörungskraft ausgeliefert sind. Die Katastrophe hat sowohl zeitlich als auch räumlich die Dimensionen verdeutlicht, die ein Unglück annehmen kann.

Tschernobyl hat auch andere Probleme in den Blickpunkt gerückt, die mit der Atomenergie verbunden sind. Die Frage nach Zwischen- und Endlagerstätten ist nach wie vor nicht gelöst. In Zeiten von Terroranschlägen mit Passagierflugzeugen kommt neben menschlichem und technischem Versagen zudem ein weiterer Risikofaktor hinzu. Die Antwort kann nur ein vernünftig geplanter Ausstieg aus der Atomenergie sein. Alles andere würde bedeuten, auf Kosten kommender Generationen mit dem Feuer zu spielen.


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