Knietief im Sumpf


Als vor drei Jahren bei Siemens ein Nachfolger für Vorstandschef Heinrich von Pierer gesucht wurde, gab es vier potenzielle Nachfolger: Die Zentralvorstände Johannes Feldmayer, Thomas Ganswindt, Heinz-Joachim Neubürger und Klaus Kleinfeld wurden als Kronprinzen gehandelt. Inzwischen gilt Neubürger als eine Schlüsselfigur der Korruptionsaffäre in der Com-Sparte. Ganswindt saß wegen des Skandals im Dezember bereits im Gefängnis. Gestern wurde auch noch Feldmayer verhaftet. Kleinfeld, der schließlich das Rennen machte und inzwischen der einzige der einstigen Hoffnungsträger ist, der (noch) eine weiße Weste hat, dürfte das unmissverständlich klar machen: Mit einer schärferen Revision und beflissentlich neu formulierten Unternehmensgrundsätzen ist es nicht getan. Denn Siemens steckt knietief im Sumpf. Der Image-Verlust für das einstige deutsche Vorzeige-Unternehmen ist unermesslich.

Man muss sich immer wieder wundern, wenn man in diesen Tagen von den Geschäftspraktiken der Münchner erfährt. Mehr als 14 Millionen Euro – getarnt als Honorare – erhält ein Gewerkschafts-Chef angeblich, um im Betriebsrat die Interessen der Arbeitgeber statt die Belange seiner eigenen Mitglieder zu vertreten. Mehr als 400 Millionen Euro sind nach Siemens-Schätzungen in der Com-Sparte unterschlagen worden, um damit Schmiergelder zu bezahlen. Und 6 Millionen Euro haben Manager auf den Tisch gelegt, um an Aufträge in Italien zu kommen.

Dafür haben die Verantwortlichen auch noch eine außerordentliche Abfindung bekommen, wie gestern im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht ans Licht kam. Zugleich versucht das Unternehmen dort, den Gewinn herunterzurechnen, den der illegale Deal gebracht haben soll, um die fällige Millionenstrafe an die Staatskasse möglichst gering zu halten.

An eine Weltfirma lassen solche Machenschaften nicht denken, eher an Kleinkriminelle. Die Verantwortlichen bei Siemens mögen harten Konkurrenzkampf oder persönliche Karriere-Ambitionen als Gründe für ihr Handeln nennen. Sie mögen sich auch auf VW berufen, wo sich Manager und Betriebsräte gar auf Firmenkosten amüsierten und gleichzeitig der Belegschaft Bescheidenheit predigten. Oder auf Energieversorger, die Entscheidungsträger in den Kommunen angeblich mit Luxus-Reisen umschmeicheln, und gleichzeitig nicht einmal die eigenen Strom-Netze in Schuss halten. Doch der Verweis auf allgemein übliches Vorgehen ist beim besten Willen keine Entschuldigung.

Im Gegenteil: All diese Fälle zeigen, dass überall dort, wo sich die Führung einer Firma nur an Profitmaximierung orientiert, kein Platz für Moral ist. Mit derlei Praktiken verlieren die Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit – und auf lange Sicht womöglich auch ihre Kunden.

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