Kunst statt Kanonen 1


Maler Wladimir Kovac hat ein höchst ungewöhnliches Atelier.

Maler Wladimir Kovac hat ein höchst ungewöhnliches Atelier.

Wladimir setzt sich wieder. Er nimmt einen Lappen und macht den Pinsel sauber. „Natürlich ist es etwas eng hier. Und eigentlich ist es für ein Atelier auch ein bisschen zu dunkel. Aber wir haben uns daran gewöhnt“, sagt er über seinen Arbeitsplatz. Der ist in der Tat reichlich ungewöhnlich. Gemeinsam mit zwei Kollegen teilt sich Wladimir Kovac seit zwölf Jahren ein Atelier direkt am Ufer der Donau. Genauer gesagt: in der Festung Petrovaradin, hoch über Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens.

Die Bastion Österreich-Ungarns gegen den Ansturm der Türken wurde ab 1692 nach Plänen des französischen Architekten Sébastien Vauban gebaut. Heute hat die 112 Hektar große Anlage, in der einst 30.000 Soldaten ihren Dienst taten, keine militärische Funktion mehr. Kunst und Kultur haben Krieg und Kanonen auf der k.u.k.-Festung verdrängt. Jeden Sommer findet hier das Musikfestival Exit statt, im ehemaligen Waffenlager ist das Stadtmuseum eingezogen, und durch die 12.000 Schießscharten kann man höchstens noch einen lohnenswerten Blick auf die Donau und die Silhouette von Novi Sad am anderen Ufer des Flusses werfen. Die Räume entlang der Festungsmauer stehen kostenlos als Ateliers und Wohnungen für Künstler zur Verfügung.

Das Panorama, das er direkt vor seiner Tür findet, inspiriert Wladimir Kovac nur selten. „Ich male eigentlich keine Landschaften“, sagt er. Trotzdem weiß er die Lage seines Ateliers mit einer schief in den Angeln hängenden Holztür und dem strengen Geruch von Lösungsmitteln zu schätzen: „Das Beste daran ist, dass man viele andere Künstler in der Nachbarschaft hat.“

In der Tat hat sich hier eine illustre Gesellschaft eingenistet. Insgesamt 88 durchnummerierte Ateliers gibt es. Der Komponist Sascha lebt und arbeitet hier, der nebenbei auch Professor an der Musikhochschule in Novi Sad ist. Die Frauen von Atelier 61 weben bis zu sechs Monate lang an einem ihrer kunstvollen Teppiche. Und der Maler Živojin Miškov hat nach Stationen in Belgrad, Paris und Südamerika seine neue künstlerische Heimat in der ehemaligen Festung gefunden.

Ob er nun dort malt, wo früher vielleicht Gefangene gefoltert oder Verwundete gepflegt wurden? „Nein, nein. Das hier war damals die Bäckerei von Petrovaradin“, erklärt der 80-Jährige schmunzelnd. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er seit 14 Jahren in dem kleinen Raum, ein Zwischenboden unterteilt Wohn- und Arbeitsfläche. Herd und Radio sind der einzige Luxus im oberen Stock. Unten stapeln sich die Bilder. Neben Motiven aus aller Welt ist auch eine Stadtansicht von Novi Sad dabei. Aber auch Živojin Miškov geht nicht mit der Staffelei vor die Tür. „Dafür brauche ich nicht raus. Ich kenne die Stadt gut genug.“

Novi Sad entstand vor gut 300 Jahren am Fuß der Festung und entwickelte sich schnell zu einem kulturellen Zentrum im Norden Serbiens. 1826 wurde hier die erste Bibliothek des Landes gegründet, die älteste noch existierende Literaturzeitschrift Europas (Letopis) wird in Novi Sad herausgegeben. Zwei Galerien zeigen Gemälde und Grafiken, in der Innenstadt lockt das serbische Nationaltheater die Besucher. „Serbisches Athen“ wird die Stadt deshalb auch genannt, die heute 300.000 Einwohner hat.

Viele davon sind Studenten, die Novi Sad einen quirligen, lebendigen und jungen Charakter geben. Es wird viel geschweißt, gehämmert und gebaut. Fast jeder, mit dem man spricht, hat eine Geschäftsidee, will sich verwirklichen: Aufbruchstimmung. Es gibt viele hübsche Restaurants, eine sehenswerte Marienkirche im neugotischen Stil und eine imposante Synagoge.

Der ehemalige Marktplatz mit der Marienkirche ist nun das Zentrum von Novi Sad.

Der ehemalige Marktplatz mit der Marienkirche ist nun das Zentrum von Novi Sad.

Gleich neben dem schicken Rathaus liegt das „Hotel Vojvodina“; hier hat einst Albert Einstein mit seiner Frau Mileva Maric gegessen, die aus Novi Sad stammt. Schon bei ihrem Besuch standen die Spezialitäten auf der Speisekarte, die man in der Region noch heute serviert.

Am besten probiert man sie im urgemütlichen Restaurant „Sokace“. Die Holzwände sind dekoriert mit historischen Uniformen und Urkunden. Jemand vom Personal oder einer der Stammgäste greift sicher zum Akkordeon. Noch vor dem Essen sollte man unbedingt den hausgemachten Quittenschnaps (Dunjovaca) probieren. Alternativ gibt es natürlich auch Sliwowitz, frischen Fisch aus der Donau, Paprika, köstliche Weine und viel Fleisch. In der Vojvodina isst man zünftig – und reichlich. Wer das „Sokace“ verlässt, kann sich sicher sein: Er ist (Novi) satt.

Wer sich danach ins muntere Nachtleben stürzt und sich darüber wundert, dass selbst mitten in der Woche die Straßen noch bis weit nach Mitternacht bevölkert sind, dem liefert Vinko Stojic die Erklärung. „Heute ist heute“, sagt er. So laute das Motto vieler Serben. Jahrhundertelang beherrschten Türken, Österreicher oder Sowjets dieses Land. Nun feiern die Serben ihre Unabhängigkeit und Freiheit um so ausgiebiger. „Živeli – auf Ihr Wohl“, sagt Vinko.

Wenn die Serben trinken – und sie trinken gerne -, dann feiern sie den Moment, aber sie spülen damit auch immer eine schlimme Vergangenheit weg. Fast alle hier haben den blutigen Bürgerkrieg noch erlebt. Die Ermordung von Ministerpräsident Zoran Djindjic ist gerade zweieinhalb Jahre her. Doch nach Spuren des Krieges muss man in Novi Sad schon intensiv suchen. Zwei der vier Donaubrücken, die bei Nato-Luftangriffen 1999 zerstört wurden, sind noch nicht wieder aufgebaut. Dass sie fehlen, erkennt man allerdings erst beim genauen Blick auf den Stadtplan. Oder auf den alten Bildern der Maler in der Festung über der Stadt.


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