Laurent Binet – „HHhH“


Autor*in Laurent Binet

Laurent Binet HHhH Review Kritik

Laurent Binet zeigt in „HHhH“, das historische Wahrheit schnell verschwimmen kann.

Titel HHhH
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung

An der Ecke ist eine Kneipe namens „Krčma u Parašutistů“ (zu Deutsch: „Taverne der Fallschirmjäger“) neben einem Souvenirshop. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befinden sich Gebäude der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, ein Stückchen die Straße runter in Richtung Karlsplatz findet man eine Kampfsportschule. Und dazwischen die „St. Cyrill und Method“-Kirche in Prag, an der sich eine Gedenktafel befindet. Es war diese Tafel, die Laurent Binet zu HHhH inspiriert hat. Der 1972 in Paris geborene Autor hat Geschichte in Prag studiert und mit diesem Debütroman gleich mehrere Preise in seiner Heimat eingeheimst. Kein Wunder: Das Buch hebelt ebenso intelligent wie unterhaltsam das gesamte Genre des historischen Romans aus.

Die Inschrift der Tafel lautet übersetzt: „In diesem orthodoxen Tempel der Heiligen Kyrill und Methodius fielen 1942 nationale Kämpfer aus den Reihen der ausländischen Armee für unsere Freiheit. Bischof Gorazd, Dr. Petrek, Präsident der Kirchengemeinde Sonnevend, und andere Patrioten, die sie versteckten, wurden hingerichtet. Wir werden ihnen ewig gedenken.“ Dazwischen sind die Namen von sieben Männern genannt, zwei davon werden zu den Helden in diesem Roman: Jozef Gabcik und Jan Kubis.

Die beiden Fallschirmjäger (deshalb der Name der Kneipe) waren die zentralen Akteure beim Attentat auf Reinhard Heydrich am 2. Juni 1942. Nach der Flucht vor den Nazis erhielten sie im Ausland ihre Ausbildung, wurden von der tschechischen Exilregierung in London ausgestattet, instruiert und zurück in die Heimat geschleust und führten schließlich den Anschlag auf den Mann aus, der als SS-Obergruppenführer den Holocaust maßgeblich mit organisiert hat und als Stellvertretender Reichsprotektor die Menschen in Böhmen und Mähren terrorisierte. Heydrich erlag zwei Tage nach dem Attentat den Folgen seiner Verletzungen, zwei weitere Wochen später umstellte die SS die Attentäter, die sich in der Krypta der Kirche versteckt hatten, und sich nach mehrtägigem Widerstand schließlich selbst töteten.

Wer halbwegs mit der Geschichte des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs vertraut ist, kennt diesen Ablauf der Ereignisse. Doch das ist für die Lektüre von HHhH (der Titel steht als Akronym für den damals geläufigen Spruch „Himmlers Hirn heißt Heydrich“) kein Hindernis. Denn Laurent Bient kreiert seine Fallhöhe auf ganz andere Weise: Er beschreibt seine Recherche für dieses Buch, sogar die Dinge, die er bewusst nicht recherchiert hat und (vorgeblich) nicht erzählt. Das wirkt zunächst wie ein Prolog, in dem die Spannung der Ereignisse durch die Spannung der Frage verdoppelt wird, wann er endlich zum Punkt kommen wird.

„Und wenn man die Spur des Wissens erst einmal aufgenommen hat, folgt man ihr von ganz allein“, heißt eine Passage zum Beginn, die das illustriert. „Das schiere Ausmaß meines angehäuften Wissens schüchtert mich schließlich ein. Ich schreibe zwei Seiten, während ich Tausende lese. Bei diesem Rhythmus werde ich sterben, bevor ich auch nur die Vorbereitungen des Attentats zu Papier gebracht habe. Mir ist sehr wohl bewusst, dass mein von Grund auf gesunder Wissensdurst allmählich pathologische Züge annimmt: Letztlich dient er als Vorwand, um das Schreiben aufzuschieben.“ Auf Seite 80, also wohlgemerkt gut 350 Seiten vor dem tatsächlichen Ende des Buchs, erfolgt bereits seine Selbstermahnung: „Wenn ich der Verkettung von historischen Ereignissen in jede Verästelung folge, zögere ich den Moment, der Sache wirklich ins Gesicht zu blicken, und damit das Paradestück des Romans, die entscheidende Szene, endlos hinaus.“

Als dann nach und nach klar ist, dass diese Methode keineswegs nur die Hinführung zum eigentlichen Plot ist, sondern den Kern des Buchs bildet, erwachsen daraus sehr spannende Fragen zum Umgang mit historischer Wahrheit und zur unvermeidbaren Ambivalenz des Versuchs, diese in einem Roman zu formulieren. Binet tritt in den Dialog mit seinen Figuren („Diese Szene ist absolut glaubwürdig und vollständig erfunden, wie die vorherige auch. Was für eine Unverschämtheit, einen Mann, der seit langer Zeit verstorben ist und der sich nicht mehr wehren kann, wie eine Marionette zu behandeln!“), identifiziert sich unverkennbar mit den Guten und hat ein schlechtes Gewissen gegenüber all denen, die er nicht ausreichend würdigen kann, weil es der Stringenz der Erzählung schaden würde oder über ihre Heldentaten gar keine Quellen vorliegen. So entstehen in HHhH immer wieder auch sehr universelle Aussagen über Historie und unsere Versuche, mit ihr umzugehen: „Die Verstorbenen sind verstorben, und es ist ihnen ganz gleich, ob man ihre Verdienste würdigt. Doch uns Lebenden bedeutet es etwas. Das Gedenken nützt denjenigen, derer gedacht wird, nichts; es nützt demjenigen, der ihrer gedenkt.“

Die extrem ungewöhnliche Autor- und Erzählerposition (er sieht sich in der Gewalt seiner Figuren, der Fakten und der Recherche, nicht als deren Schöpfer) trägt erheblich zum Reiz des Romans bei – nicht zuletzt, weil sich diese beinahe eitle Inszenierung seiner Rolle und vor allem sein schelmischer Umgang mit dem Lektürevertrag auf groteske Weise mit der Brutalität der historischen Ereignisse reiben, vom grausamen Schicksal der tschechischen und slowakischen Widerstandskämpfer bis hin zum industriellen Massenmord. Dennoch schafft es Binet, sowohl Kontext als auch Biographisches zu erhellen, nicht zuletzt benennt er die Primär- und Sekundärquellen, die er nutzt, und bewertet bei Letzteren auch den Umgang der jeweiligen Autoren mit ihrem Sujet und den Grenzen der historischen Wahrheit.

Er muss sich in keinem Moment motivieren, weil er so begeistert ist von den Abläufen der historischen „Operation Anthropoid“, aber er muss sich strukturieren, trösten, bremsen. Er muss auswählen, kürzen, bewerten, entscheiden. Natürlich gilt das für alle Autoren, die sich in irgendeiner Weise an einem Tatsachenroman versuchen. Die Stärke von HHhH ist, wie transparent und zweifelnd dieser Prozess abläuft. So weiß Binet einerseits, wie wichtig Details sind, um sein Buch authentisch und lebendig zu machen. Aber gerade Details sind andererseits zweifelhaft hinsichtlich der Überprüfbarkeit ihrer Authentizität. Als er sich wieder einmal in einer Diskussion darüber zu verlieren scheint, bringt er dieses Dilemma ebenfalls zu Papier: „Ich schwafle gerade ziemlich kindisches Zeug, nicht wahr? Die Leute, denen ich davon erzähle, halten mich für besessen. Sie verstehen das Problem nicht.“

Die Emotionalität, die in diesem Ringen mit dem Stoff und seiner Bearbeitung steckt, ist ebenfalls ein großer Pluspunkt für diesen Roman. Der Historiker Binet lässt sich mitreißen, er schwärmt von seinen Helden wie ein heranwachsender Junge, der auf dem Spielplatz gerne Alexander der Große oder Sitting Bull wäre, was dem Roman eine große Wärme verleiht und zugleich den Anspruch auf Neutralität negiert, der bei diesem Stoff wohl ohnehin kaum einzulösen ist: „Die Geschichte ist das einzig wahre Verhängnis: Man kann sie immer wieder neu interpretieren, sie aber nicht neu schreiben.“

Bestes Zitat: „Nein, das ist nicht erfunden! Warum sollte man auch ausgerechnet beim Nationalsozialismus noch irgendetwas hinzudichten?“

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