Liars – „The Apple Drop“


Künstler Liars

Liars The Apple Drop Review Kritik

Jubiläum: „The Apple Drop“ ist das zehnte Liars-Album.

Album The Apple Drop
Label Mute
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Manchmal ist nach der ersten Zeile schon alles gesagt. „Astrally projected in a chemical way“, lautet sie im Fall von The Apple Drop, und so klingt tatsächlich das gesamte Album. Sie entstammt dem passend betitelten Song The Start, der schwer, träge und kreisend wie eine experimentelle Variante des Black Rebel Motorcycle Club daher kommt, und zeigt damit bereits, wie Liars auf ihrem zehnten Album besonders gerne agieren. Natürlich heißt das nicht, dass es nicht lohnt, die weiteren zehn Stücke auch noch anzuhören. Denn Angus Andrew, Mastermind hinter diesem Projekt aus New York, hat nicht nur viele weitere gute Ideen (und ein paar spektakuläre Abgründe) zu bieten, sondern auch seine Arbeitsweise recht stark verändert.

Anders als bei den Vorgängern TFCF (2017) und Titles With The Word Fountain (2018) hat er diesmal stärker auf die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen gesetzt, dazu gehören der Jazz-Schlagzeuger Laurence Pike, der Multi-Instrumentalist Cameron Deyell und die Texterin Mary Pearson. „Ich wollte etwas erschaffen, das meine eigenen Möglichkeiten übersteigt. Etwas, das größer ist als ich selbst. Deshalb habe ich mich erstmals schon in einem sehr frühen Stadium auf Kollaborationen eingelassen“, sagt Andrew.

Diesen Input hört man beispielsweise dem originellen Beat von From What The Never Was, zu dem sich ein zunächst beinahe geflüsterter Gesang gesellt und ein – wie häufig auf The Apple Drops – als sehr zentrale Komponente fungierender Bass. Das gilt auch für Leisure War, das chaotisch wirkt, aber eher in einer aufregenden statt unhörbaren Ausprägung. In den Texten zeigt sich indes immer wieder ein Blick aus der Isolation heraus auf die anderen, auf eine „In-Crowd“, zu der er eindeutig gar nicht gehören möchte, jedenfalls nicht nach deren Spielregeln.

Natürlich ist durch die Öffnung für neue Mitstreiter nicht plötzlich alles anders bei Liars. Vielmehr schafft es Angus Andrew hier, Kontinuität und Innovation zu vereinen, wie er auch selbst beobachtet hat: „Während der gesamten Geschichte von Liars habe ich immer wieder versucht, neue Methoden für das Musikmachen zu entwickeln. Bei jedem Projekt habe ich die bisher genutzten Methoden im Wesentlichen aufgegeben und stattdessen versucht, verschiedene Wege zum Schreiben und Produzieren von Songs zu erlernen. Während ich diese Reise früher als eine gerade Linie wahrgenommen habe, stelle ich zunehmend fest, dass mein Weg eher einer Spirale gleicht. Während neue Ideen entstehen, erhalten ältere eine neue Bedeutung und entwickeln sich weiter.“

Zu den Höhepunkten gehört Sekwar, das mit einer gesprochenen Passage zu einem Synthesizer, einer um sich selbst zirkulierenden Gitarrenfigur und einem zerhäckselten Beat beginnt, bevor sich später ein kleiner Chor hinzugesellt. Das Ergebnis klingt, als seien Get Well Soon von einem (Computer-)Virus befallen worden, und auch hier wird ein Gefühl von stolzer Nicht-Zugehörigkeit sehr deutlich, nicht nur in Zeilen wie „They can’t figure out what I’m trying to do here / except stand around and be a dick“: Da ist eine Wut, die durch Bloßstellung und Unterdrückung entstanden ist, gepaart mit einem Gefühl heimlicher Überlegenheit.

Diese Perspektive hängt bekanntermaßen auch mit den psychischen Problemen von Angus Andrew zusammen, wobei er ebenfalls von einer neuen Entwicklung zu berichten weiß: „Seit dem ersten Album von Liars habe ich selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren genommen, um mit meinen Ängsten fertig zu werden. Ich habe über die Jahre versucht, davon loszukommen, aber erst bei der Arbeit an The Apple Drop entdeckte ich die einzigartige Fähigkeit von Psilocybin, die normalen Kommunikationsnetzwerke im Gehirn zu stören. Das half mir, mich allmählich von der überwältigenden chemischen Abhängigkeit zu befreien, die ich ertragen hatte, seit ich anfing, Musik zu machen. Ich erkannte, dass ich ein musikalisches Dokument für die Neuordnung der neuronalen Muster in meinem Gehirn entwickelte. Es fühlte sich wie eine Reise an, und ich begann, The Apple Drop gleichzeitig als einen Ausgangspunkt und als einen Ankunftsort zu sehen.“

Das gelingt besonders gut im reduzierten King Of The Crooks, das sehr spooky wird, oder dem geistesverwandten Slow And Turn Inward: Das klingt erst wie ein Horror-Schlaflied à la The Cures Lullaby, dann wird es nach und nach kraftvoller, bleibt dabei aber ebenso gespenstisch. Star Search basiert auf einer in ihrer Einfachheit bedrohlichen Klavierfigur, der dazugehörige Gesang scheint direkt aus dem Irrenhaus zu kommen, egal ob lakonisch wie in den ersten Takten oder als theatralische Kopfstimme wie im pompösen Finale des Songs.

Big Appetite setzt hingegen auf ein vergleichsweise klassisches Rock-Arrangement, gepaart mit einem Hauch von Drone und einem erneut ziemlich wahnsinnigen Hintergrundgesang, der zu einem Finale hinführt, das erstaunlich heavy wird. In My Pulse To Ponder ist die Gitarre ebenso rabiat wie das Schlagzeug – so hat man sich in Science-Fiction-Filmen aus den 1970er Jahren die Musik für das dystopische 21. Jahrhundert vorgestellt. Acid Crop ist ein Sound aus der Unterwelt, wobei sich die Musiker nicht sicher sind, ob sie diese verlassen oder lieber da bleiben wollen. New Planets New Undoings beschließt das Album als mit einigen Experimenten angereichertes Geklimper.

„Die Entstehung dieser Songs fühlte sich an, als würde man sie durch ein Wurmloch ziehen. Ich dehnte und transformierte die Studiosounds im Computer, schob Muster und Melodien durch Filter und Sequenzer und experimentierte mit wahrscheinlichkeitsbasierten Algorithmen“, sagt Andrew zum Jubiläums-Album von Liars. „Obwohl ich überwiegend Live-Instrumente aufgenommen habe, ist der Computer immer noch das mächtigste und dominanteste Element meiner Arbeit, das es den Songs ermöglicht, sich von mir weg – hin zur KI – und wieder zurück zu bewegen. Momentum und Revolution waren Themen, die ich erforschen wollte, um dem Hörer dieses Gefühl der Transformation zu vermitteln und ihm das Gefühl zu geben, durch ein Wurmloch transportiert zu werden.“

Die Höhle im Video zu Sekwar soll der Kopf von Angus Andrew sein.

Website von Liars.

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