Lightning Dust – „Spectre“


Künstler Lightning Dust

Lightning Dust Spectre Review Kritik

Lightning Dust sind auf „Spectre“ kein Nebenprojekt mehr.

Album Spectre
Label Western Vinyl
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Es ist nicht sehr verwunderlich, wenn eine Band vor ihrem vierten Album betont, wie wichtig ihr das gemeinsame Schaffen ist und wie begeistert sie von den jüngsten Ergebnissen ihrer Arbeit ist. Es ist sogar hochgradig unoriginell. Amber Webber und Josh Wells, die zusammen Lightning Dust bilden, haben anlässlich des morgen erscheinenden Spectre aber mindestens drei gute Argumente, um diese Beteuerung deutlich glaubhafter klingen zu lassen als das normalerweise im Musikgeschäft anzunehmen ist.

Erstens haben sie für dieses Duo, das sie einst als Nebenprojekt begannen, mittlerweile endgültig ihre einstige Band Black Mountain verlassen. Der Fokus soll voll und ganz auf Lightning Dust liegen. Zweitens hat Amber Webber, die für den Gesang zuständig ist, während Josh Wells die Musik beiträgt, in der Zeit dieser Neuorientierung auch etliche andere Dinge (beispielsweise ein neues Studium) ausprobiert, nur um festzustellen, dass es doch die kreative Arbeit ist, die ihr am meisten gibt. „Kunst und Musik sind mein Licht“, sagt sie heute. Drittens ist die Platte tatsächlich eine hörbare Weiterentwicklung, insbesondere deutlich muskulöser (man könnte gar sagen: rockiger) als der seinerseits bereits gefeierte Vorgänger Fantasy aus dem Jahr 2013.

Schon im Auftakt Devoted To wird das deutlich: Gitarrenfeedback, Streicher, unruhige Trommeln und elektronische Effekte bilden einen Sumpf, der voller Leben und zugleich voller Unheil zu stecken scheint, und über den sich die Stimme von Amber Webber dann erhebt. Ihr Gesang, über den The Believer einmal geschrieben hat, er schwebe „irgendwo zwischen Leben und Tod. Es ist keine Vorhölle, es ist ein Land, das man erkunden muss“, ist auch auf Spectre das spektakulärste Element. Er kann innerhalb von Sekunden von reduziert zu glorios wechseln wie in When It Rains, das vom endgültigen Ausstieg bei Black Mountain handelt, etwas Sixties/Seventies-Feeling à la Melanie oder Jefferson Airplane erzeugen wie im vergleichsweise trägen Led Astray oder fast vollständig dominieren wie in Inglorious Flu, wo er sich das Rampenlicht fast nur mit einem Piano teilen muss.

In Run Away verbreitet das Duo aus Vancouver viel Nervosität und Aufbruchstimmung. Auch durch den tollen Groove klingt das wie eine Verheißung, zugleich lässt der Song auch eine Spur von Angst durchschimmern und erweist sich letztlich als ungeahnte Schnittmenge aus Bleached und Fleetwood Mac. In Joanna sorgt das Schlagzeug für Drama, die Stimme für Gänsehaut. Immer wieder entwickeln Lightning Dust hier solche klasse Dramaturgien, die in diesem Fall sogar in einer orchestralen Passage mündet.

Gemeinsam mit Stephen Malkmus an der Gitarre erschaffen sie in A Pretty Picture eine mysteriöse Variante von Countryrock, sodass die Zeile „Lean on me and I will lean on you“ darin wie eine verdammt reizvolle Einladung klingt. Bei Competitive Depression steuert Dan Bejar (Destroyer) eine zweite Stimme bei, das Resultat wird wie viele Stücke auf Spectre komplex und zugleich ursprünglich. More kombiniert ein Klavier mit flehendem Gesang und gelegentlich ein paar Streichern, die für noch mehr Intensität sorgen. Der mehr als sieben Minuten lange Album-Abschluss 3am / 100 Degrees hätte mit seiner brodelnden Atmosphäre (und der Orgel) tatsächlich sehr gut zu den Doors gepasst.

In Summe bieten Lightning Dust tatsächlich ein so inspiriertes Album, dass man ihnen die Begeisterung für das eigene Schaffen mühelos abnimmt. Amber Webber unterstreicht das noch einmal: „Spectre ist meine Reise. Es ist für all die Kriegerinnen, die ihr ganzes Leben lang gekämpft haben und nach einem Ort suchen, an dem sie sich ausdrücken können, der sich inklusiv und inspirierend anfühlt. Es geht darum, sich selbst zu finden, wenn niemand darauf achtet, und eine neue Art des Erschaffens zu erfinden, die sich ehrlich und aufrichtig anfühlt. Ich habe wirklich das Gefühl, dass Frauen, besonders wenn sie älter werden, unterrepräsentiert sind. Das war die treibende Kraft bei der Entstehung dieses Albums.“

Unglaubwürdige Schmetterlinge und Gespenster zieren das Video zu Led Astray.

Lightning Dust bei Bandcamp.

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