Lygo – „Lygophobie“


Künstler*in Lygo

Lygo Lygophobie Review Kritik

Lygo kehren mit „Lygophobie“ aus der Pause zurück.

Album Lygophobie
Label Kidnap Music
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Es ist ein schöner Zufall, dass Lygophobie ein tatsächlich existierendes Wort ist. Schlagzeuger Daniel Roesberg, Sänger Simon Meier und Bassist Jan Heidebrecht hatten das sicher nicht unbedingt auf dem Schirm, als sie 2009 ihre Band gründeten. Aber nun hat das Punk-Trio aus Bonn den perfekten Titel für sein drittes Album gefunden. Denn Lygophobie steht (genau wie das synonym gebrauchte Achluophobie) für die übersteigerte Angst vor der Dunkelheit, nach dem griechischem Wort für Zwielicht.

Das passt bestens, denn schließlich ist Angst ein durchaus prägendes Element in der Musik von Lygo. Die Perspektive lautet meist „Ich (maximal: wir) gegen den Rest der Welt“, Mental Health (man könnte dafür eigentlich auch den etwas altertümlichen deutschen Begriff „seelische Leiden“ gebrauchen) gehört zu den wichtigsten Themen ihrer Texte, auch auf dieser Platte. Nicht zuletzt hatten sie zuletzt durchaus so etwas wie Existenzangst. Nach der Tour zum 2018 veröffentlichten Vorgänger Schwerkraft hatten sie eine Pause auf unbestimmte Zeit beschlossen, dazu kamen nach deren Ende all die Probleme, die Corona für Bands mit sich gebracht hat.

Die Rückkehr ist beeindruckend: Die Songs von Lygo sind weiterhin immer im roten Bereich, zugleich ist ihre Musik so, wie man das von einer guten Punkband erwarten darf: energisch, glaubwürdig und abwechslungsreich. Manchmal wird es besonders druckvoll und feurig wie in Fight Club, an anderen Stellen gibt es fast zärtliche Passagen wie zum Beginn von 13 Stunden Schlaf (mit der Botschaft: Wer so viel Action hat und für so vieles brennt, muss sich auch einmal Ruhe gönnen) oder den stimmungsvollen Grunge-Gitarren im Intro des Album-Auftakts Schockstarre (mit der Botschaft: Bewegung ist vielleicht kein Allheilmittel, aber immerhin trotzdem die beste Möglichkeit, das Leben erträglich zu machen).

Kommentarspalte ist vielleicht das beste Beispiel für die originellen Themen und Ansätze, die Lygo auf Lygophobie immer wieder finden. „In der Kommentarspalte brennt noch Licht“, lautet die zentrale Zeile rund um die Erkenntnis, dass das Stöbern in YouTube-Kommentaren auch Trost in einsamen Stunden spenden kann, nicht nur für Schlafgestörte. Uwe, Erdgeschoss links erzählt von einem guten Nachbarn, bei dem eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde – mit dem Schock über diese Nachricht und der Bewunderung dafür, wie stoisch und rational er damit umgeht und alles regelt. Feuerzeug nimmt Polizeigewalt ins Visier und erzeugt eine entsprechend bedrohliche Stimmung, am Ende wird dieses Thema dann auch explizit benannt.

Dass dies eine Ausnahme auf diesem Album ist, gehört zu den Stärken von Lygo. Selbst, wenn man weiß, worum es geht, wie um die in Ufer besungene Trennung oder um Beziehungen, die (in der Liebe ebenso wie innerhalb einer Band) konstruktiv ebenso wie toxisch sein können, wie es in Auf deine Bitte gezeigt wird, sind die Texte nie zu offensichtlich. Zusammen im Bett unterstreicht das. Es geht hier angesichts von Zeilen wie „Auf die Isolation folgte Isolation“ und einer benannten Dauer der im Titel steckenden Bettruhe von 28 Wochen eindeutig nicht um ein Kuschel-Idyll und auch nicht um einen Sex-Marathon, sondern wohl eher um Depression oder auch Long-Covid. Warmes Bier & Kalter Kaffee handelt womöglich vom sehr beglückenden Gefühl, endlich wieder Konzerte spielen und auf Tour gehen zu können, aber auch das bleibt letztlich unklar.

Die größte Stärke von Lygo bleibt auch auf ihrem dritten Album die Kombination aus maximaler Wucht in der Musik, ohne dass die deshalb eindimensional wäre, und größter Sensibilität in den Texten, ohne dass die deshalb weinerlich wären. So blicken sie in Altersheim sehr gekonnt auf die unvermeidliche Vergänglichkeit, sowohl persönlich („Wenn es gar keine Zukunft gibt / dann bringt mich wenigstens die Zukunftsangst nicht um“) als auch für den ganzen Planeten. Und in Kein Fahrtwind ermuntern sie dazu, zu den eigenen Tränen zu stehen, auch wenn sie eben nicht vom Fahrtwind ausgelöst sind und auch nicht von geschnittenen Zwiebeln. Das ist ihre ebenso eigenständige wie zeitgemäße Message: Man darf Traurigkeit zulassen, Empfindsamkeit, Verletzlichkeit, auch als Mann.

Wenn Lygo altern, werden sie zu Kochlöffeln, zeigt das Video zu Altersheim.

Website von Lygo.

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