Lygo – „Schwerkraft“


Künstler Lygo

Lygo Schwerkraft Review Kritik

Der Umgang mit Zeit ist ein wichtiges Thema auf „Schwerkraft“.

Album Schwerkraft
Label Kidnap Music
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Lygo haben ein Problem, das wohl nicht nur bei Punkrockern aus Bonn verbreitet ist: Reizunterflutung. Sie werden natürlich, wie wir alle, zugeballert mit Nachrichten, Werbung, Eindrücken. Aber es sind nie die richtigen Stimuli, keine Reize im Sinne von „reizvoll“. In all dem Gewusel kann das Trio, das mit Schwerkraft sein zweites Album vorlegt, nichts finden, was ihm einen Kick verpasst – und erst recht nichts, woraus sich so etwas wie ein Sinn herstellen ließe.

Schon die Songtitel lassen daran keinen Zweifel: Alles ist egal eröffnet die Platte und fügt dann, nachdem Drummer Daniel Roesberg sich ordentlich ausgetobt hat, an diese Feststellung immerhin noch den Appendix „solange das Gefühl stimmt, solange es dich mitnimmt“ an. „Wir haben uns festgefahren / und bestenfalls kopieren wir uns selbst“, heißt es gleich danach in Festgefahren. Ein Fiebertraum wird ebenso besungen wie Rausch/Zwang. Sänger Simon Meier, der mit Roesberg und Bassist Jan Heidebrecht vor vier Jahren das Debüt Sturzflug und 2016 die EP Misere veröffentlich und dafür Vergleiche beispielsweise mit Muff Potter geerntet hat, bekennt zu No-Wave-Anleihen, er sei „ein abgefucktes Nervenbündel“, an anderer Stelle darf ein ganzer Chor singen „Leck mich doch am Arsch mit deiner Leichtigkeit“, als er mit einem Mix aus Trotz, Reue und Verwirrung auf eine kaputte Beziehung blickt.

Entsprechend dauerhaft steht er auf Schwerkraft unter Strom. Warum Lygo gelegentlich als „intellektueller Deutschpunk“ bezeichnet werden, erschließt sich indes nicht immer. Erstens sind die Texte vor lauter Feuereifer teils kaum zu verstehen. Zweitens sind sie schlicht (auch wenn man davon ausgehen kann: Lygo wissen darum, denn Schlichtheit ist wichtig, wenn man so direkt sein will wie dieses Trio). Das, was diese Band aufregt, wird thematisiert, aber (jenseits der Tatsache, dass sie ein Lied darüber machen) nicht konfrontiert. Es gibt keine Analyse und erst recht keine Lösungen. Stattdessen ist Schwerkraft eine Bestandsaufnahme, nicht nur von persönlichen Ängsten und Zweifeln, sondern auch von reichlich Scheiße, die in der Welt abläuft.

„Woher kommt die Wut? (…) Gründe gibt’s genug“, ist in Gründe ein gutes Beispiel für diese Methode. Schraubgezwinge führt vor, wie flach und oberflächlich unser Leben ist, wenn man sich einmal klar macht, wie schnell es vorbei sein kann. „Stell dir vor, nicht der Schnee fällt nach unten / sondern langsam fliegt alles in die Luft“, heißt in Lautlos das stärkste Bild auf Schwerkraft, in Lippen blau hingegen erfinden Lygo, hoffentlich mit eine Prise Ironie, eine maximal anspruchslose Version von Romantik, wenn es als Folge einer Begegnung heißt: „Was dann passiert, ist zwischenmenschlich so viel mehr als mittelmäßig.“ Vergessen stellt mit dem Blick auf unseren Umgang mit Zeit („Jeder hat seine Weise, vor sich und seiner Zeit zu fliehen“) das zweite wichtige Leitmotiv der Platte in den Fokus, Flughafen schließlich wird zu einem sehr treffenden Abschluss für Schwerkraft, denn Lygo attestieren auch hier: Wir haben zwar reichlich technischen Fortschritt, aber dafür erodieren unsere Werte, unser Miteinander und unsere Orientierung.

Bei den 85 Sekunden des Videos zu Nervenbündel ist vorne und hinten sogar noch Schweigen dabei.

Lygo bei Tumblr.

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