Madsen, Werk 2, Leipzig 1


Frühling im Herzen: So fühlt sich eine Show von Madsen an. Foto: Sony Music/Ingo Pertramer

Frühling im Herzen: So fühlt sich eine Show von Madsen an. Foto: Sony Music/Ingo Pertramer

Vorab: Ich habe mir ein T-Shirt gekauft. Ich mache das eigentlich nicht mehr. Das letzte Mal, als ich mir bei einem Konzert ein T-Shirt gekauft habe, war bei Oasis vor 13 Jahren und hatte zwei Gründe: Erstens war ich am Ende des Konzerts komplett durchgeschwitzt. Zweitens bestand damals ohnehin bereits die Hälfte meiner Garderobe aus Oasis-T-Shirts. Jetzt ist also eins von Madsen dazugekommen. Das bedeutet: Es hat mit sehr gut gefallen heute Abend im Werk 2 in Leipzig.

Es bedeutet noch etwas: Wer nach dem ersten Absatz dieses Textes ein bisschen mitgerechnet hat, wird richtig feststellen, dass ich eigentlich schon beim Erscheinen des famosen ersten Albums von Madsen zu alt war, um Madsen offiziell noch gut finden zu dürfen. Aber ich habe mich schon damals nicht darum gekümmert. Und ich tue es auch jetzt nicht. Stattdessen wird das Tragen dieses T-Shirts mein Beitrag zur längst überfälligen „Macht Madsen offiziell cool!“-Kampagne sein. Denn dass eine Band mit so großartigen Songs nicht schick sein soll, bloß weil sie in den Augen der offiziellen Stilpolizei vielleicht nicht kaputt genug ist, will mir nach wie vor nicht einleuchten.

Zunächst muss man sich zwar wundern: Mit Wo es beginnt haben Madsen zwar das bisher erfolgreichste Album ihrer Karriere hingelegt (Platz 2 in den deutschen Charts). Die Show in Leipzig beginnen sie aber mit alten Hits. Du schreibst Geschichte aus dem Jahr 2006 macht den Auftakt, gefolgt vom noch älteren Vielleicht. Traut die Band ihrem neuen Material etwa nicht über den Weg? Keineswegs: Wo es beginnt ist für Madsen der Beginn im zweiten Kapitel ihrer Laufbahn. Nach dem großspurigen Labyrinth (das die Band inzwischen selbst kritisch sieht und von dem an diesem Abend im Werk 2 nur zwei Songs zu hören sind) und dem verhängnisvollen Sturz beim Videodreh ist das neue Album für Madsen so etwas wie die Versöhnung mit dem Frühwerk.

Alte und neue Kracher greifen also in Leipzig mühelos ineinander, und als ersten neuen Song gibt es passend dazu auch den Titeltrack des aktuellen Albums zu hören. Auch wegen dieser wunderbaren Mischung ist es ein nahezu perfekter Rockabend: Es gibt im Publikum Menschen zwischen 14 und 40, aber es gibt am Ende der Show nur einen Gesichtsausdruck: glücklich. Vorne vor der Bühne kann man sich in die Wall Of Death wagen, hinten springen kleine Mädchen quietschvergnügt in die Höhe und schreien sich gegenseitig, wie zur ewigen Besiegelung ihrer Freundschaft, die Zeilen aus Die Perfektion ins Gesicht: „Du bist perfekt, makellos / Du bist besser als gut / Du bist perfekt, einfach groß / Ich wäre gern wie du.“ Der Text, eigentlich ironisch gemeint, bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

Nach wie vor sind Madsen im Konzert härter als sich irgendein „Madsen sind Mädchenmusik“-Hasser das vorstellen könnte (es sind tatsächlich sehr viele Mädchen im Publikum, aber das hat nur den Effekt, den es immer hat, wenn viele Mädchen im Publikum sind: die Stimmung ist besser). Das Quartett ist bestens gelaunt und experimentierfreudig. „Ich spiele jetzt jedes Konzert so, als ob es das letzte wäre“, hatte mir Sebastian vor der Show im Interview gesagt, und man muss ihm das abkaufen, wenn man ihn in Leipzig auf der Bühne sieht. Zur Gitarre greift er seit seiner Handverletzung nur noch ab und zu, dafür gibt es von ihm einen Rap (stilecht mit Baseballmütze), eine Erinnerung an die letzte Show im Werk 2 (damals mit reichlich Stromausfällen) und ein spontanes Cover von Icona Pops I Love It. Natürlich genießt der Sänger auch den Gastauftritt von Walter Schreifels (Ex-Rival Schools), dem Held seiner Jugend, in Love Is A Killer.

Johannes singt ungefähr zur Halbzeit der Show das wunderbar schräge Kommst du mit zu mir, und danach fangen die Fans tatsächlich an, ganz ungefragt den Refrain von Nachtbaden zu singen. Diese Hymne gibt es zwar erst am Ende des Zugabenteils, doch kein Mensch dürfte dazwischen irgendeine Sekunde lang enttäuscht gewesen sein. Lass die Musik an beschließt das reguläre Set, dann taucht Sebastian inmitten der Menge wieder auf, spielt Mit dem Moped nach Madrid nur mit der akustischen Gitarre und lässt sich dann auf den Händen der Fans zur Bühne tragen, wo es dann noch Baut wieder auf und das nach wie vor unfassbar geniale Nachtbaden gibt, gekrönt vom wilden Instrumentetauschen auf der Bühne.

Mit Mein Therapeut und ich (der Song stand eine Weile auf dem Band-internen Index, hatte mir Johannes im Interview verraten, mittlerweile mögen Madsen ihn aber wieder) gibt es im ausverkauften Werk 2 in Leipzig sogar noch eine Extra-Zugabe. Man kann kein besseres Schlusswort finden als das von Sebastian: „Vielen dank für diesen geilen Abend!“

Hier geht es zum Interview mit Madsen.

Madsen spielen Mit dem Moped nach Madrid im Werk 2 in Leipzig:


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