Mark Oliver Everett – „Things The Grandchildren Should Know“


Autor Mark Oliver Everett

Things The Grandchildren Should Know Mark Oliver Everett Kritik Rezension

Die Autobiographie von Mark Oliver Everett ist rührend, intelligent und voller Tragik.

Titel Things The Grandchildren Should Know
Verlag Abacus
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

Wäre dies ein Roman, würde man ihm vorwerfen, er sei unglaubwürdig. Kein Autor könnte einer einzigen Hauptperson auf halbwegs plausible Weise so viel Unglück zumuten. Aber Things The Grandchildren Should Know ist kein fiktionales Werk, sondern die Autobiographie von Mark Oliver Everett, unter dem Künstlernamen E bekannt als Sänger der Eels. Die Band, deren einzig festes Mitglied er selbst ist, hat mehrere Top10-Alben veröffentlicht, einen BRIT-Award gewonnen und etliche Gold- und Platin-Auszeichnungen erhalten. Dass dies alles geschehen ist, grenzt an ein Wunder angesichts all der Schicksalsschläge für den Musiker, die er im Buch nachzeichnet.

Sein Vater, seine Schwester, seine Cousine, seine Mutter, eine gute Freundin aus seiner Nachbarschaft in Los Angeles, einer seiner Roadies: Sie alle sterben im Verlauf dieses Buches oder versuchen, sich umzubringen. Auch dem Autor selbst ist der Gedanke an Selbstmord nich fremd. Einer der ersten Absätze geht so: „I figured driving off the bridge might be the best way to deal with the crushing, lost, and empty feeling of being me. (…) Later in life it would usually be a gun I imagined using on myself. (…) In more recent years I would think about pills most often. That dramatic stuff is for kids. I’m mature now.“ Aus dem Zitat sprechen viele der Qualitäten von Things The Grandchildren Should Know: eine sehr lakonische Perspektive, ein makabrer Humor, vor allem aber der Wille, sich aus jedem noch so stinkenden Sumpf wieder herauszuziehen. Genau das macht diese Geschichte zu „one of the most humane, funny and least egoistical books written by a musician“, wie die Sunday Tribune treffend bemerkt hat.

Die Widrigkeiten stehen schon ganz am Beginn von Everetts Leben. „My father was so uncommunicative that I thought of him the same way that I thought of the furniture“, schreibt der heute 54-Jährige beim Blick auf seine Kindheit. Der andere Elternteil kommt auch nicht gerade als Musterbeispiel daher: „She didn’t have a clue how to be a proper mom most of the time but she definitely loved the hell out of me in her own, crazy way“, heißt es da. Pete Townshend von The Who, der auch in der Danksagung erwähnt wird, erkennt im Klappentext auch in dieser Ausgangssituation das Motiv der Katharsis: „E’s story is a good example of the way an adverse life in childhood and adolscence shapes an artist, creates eccentricity and ultimately contributes to brilliance.“

Zu den erstaunlichsten Eigenschaften des Buches gehört, wie wenig es das Narrativ vom Erfolg als Heilmittel stützen will. Auch, als E ein veritabler Rockstar mit gut dotiertem Plattenvertrag, Tourneen um die ganze Welt und besten Beziehungen nach Hollywood ist, stellt sich keine Zufriedenheit ein, schon gar kein Glück. Missgeschicke, Katastrophen und Pech bleiben ihm erhalten. So wählt er (als jemand, der quasi permanent von unerwarteten Todesfällen umgeben zu sein scheint) ausgerechnet Fallschirmspringen als vorübergehendes Hobby, beweist ein sehr blödes Timing beim Tod von Lady Diana und einem Auftritt seiner Band bei Top Of The Pops oder der Idee, ausgerechnet kurz nach 9/11 einen langen Bart à la Taliban zu tragen, und schildert im Buch immer wieder sehr lange Abschnitte in seinem Leben ohne jegliche soziale Kontakte, in denen es nur ihn und seine Songs für ihn gibt. „I had no social life whatsoever, just work and record, work and record. Day in, day out. That’s all I did“, heißt es da beispielsweise.

Man erfährt hier natürlich eine Menge über seine musikalische Sozialisation, die Entstehungsgeschichte vieler Eels-Platten oder das Leben auf Tour. Trotzdem sind dies höchst ungewöhnliche Rockstar-Memoiren – auch weil hier konsequent die Attitüde von „Ich habe es allen gezeigt“ oder „Ich habe meinen Ruhm verdient“ verweigert wird. Vielmehr beginnt Everett seine Autobiographie beinahe mit einer Entschuldigung für die Anmaßung, sein Leben nun in Buchform zu gießen. „This isn’t the story of a famous guy. It’s just the story of a guy (who occasionally finds himself in situations that resemble a famous guy’s life). There’s an inherent ME, I’M SO IMPORTANT about doing this that makes me uncomfortable. But I wouldn’t do it if I didn’t think it happened to be a peculiar story. I’m not so important.“

Der unprätentiöse Sound ist eine von zwei großen Stärken dieses Buchs. Things The Grandchildren Should Know behandelt zwar immer wieder große Dramen, aber der Ton bleibt sehr nüchtern und uneitel, sogar witzig („One of my favourite pastimes is wondering how much time could pass between the moment I die and when my body is found“, ist eine Stelle, die den Humor des Autors wunderbar illustriert). E entpuppt sich als ultimativer Kauz, als exzentrisch und wenig talentiert für Geselligkeit, gleichzeitig aber als Mensch, dessen Sorgen und Nöte total normal sind: Krankheit, Liebeskummer, Rückschläge.

Wie in seinen Songs, blickt er auch hier mit einem hohen Maß an Intelligenz und einem noch höheren Maß an Sensibilität auf diese Ereignisse – und widersteht dabei komplett der Versuchung des Selbstmitleids. Vielmehr liefert Things The Grandchildren Should Know, wohl auch für Everett selbst, eine genaue Analyse: Warum geht es mir schlecht? Wann geht es mir besonders schlecht? Wo kann ich meinen Blick ganz bewusst auf schöne und positive Momente richten, und wie sieht dann die Abwägung zwischen erfüllenden Erfahrungen und depressiven Phasen aus? Gerade diese Fähigkeit, sich zur Objektivität und Selbstreflexion zu zwingen, macht diese Autobiographie so rührend und erhellend (nicht nur im Blick auf seine eigene künstlerische und persönliche Entwicklung, sondern auch hinsichtlich des Musikgeschäfts).

Die zweite große Stärke ist die künstlerische Ernsthaftigkeit, die aus diesen knapp 250 Seiten spricht. Musik ist für Mark Oliver Everett nichts anderes gewesen als die einzige Chance auf Erlösung in seinem Leben, und er weiß das sehr genau. Als er diese Möglichkeit zum ersten Mal erkannt hat, sei dieser Moment „like magic“ gewesen, heißt es im Buch: „I could transcend the shitty situations around me and even turn them into something positive just by setting them to music.“ Gerade aus dieser Dankbarkeit erwächst bei Everett das sehr glaubhafte Bestehen auf künstlerischer Integrität. Er macht keine Kompromisse und zeigt gleich an mehreren Stellen, dass er dafür auch Karrierenachteile in Kauf genommen hat. Erfreulicherweise geht damit keinerlei Überhöhung von Indie-Attitüde einher, mit der sich andere Künstler seines Genres so gerne schmücken („The so-called ‚alternative‘ culture brought with it an ugly new reality: it wasn’t really an alternative at all. It was for sale just like anything else in the mall“, hat er erkannt). Der Grund dafür ist einzig und alleine der beinahe heilige Status, den Musik für ihn hat. Sie ist so wertvoll, weil sie ihn gerettet hat.

Bestes Zitat: „Luckily for me, I found a way to deal with myself and my family by treating it all like a constant and ongoing art project, for you all to enjoy.“

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