Mattiel – „Mattiel“


Künstler Mattiel

Mattiel Review Kritik

Wie man sieht: Mattiel hat Westernreiten gelernt.

Album Mattiel
Label Heavenly
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

„Distraction / she’s my reason to live“, singt Mattiel Brown im letzten Lied dieses Albums, das davon handelt, dass man nur aus Fehlern lernen kann. „Feeling lazy when I wake up“ heißt es etwas eher auf ihrem heute erscheinenden Debüt über einen dieser Tage, wenn nicht allzu viel zusammenzupassen scheint, begleitet von ein paar Latin-Anleihen und einer Santana-Gedächtnis-Gitarre.

Man könnte die Sängerin aus Atlanta bei solchen Zeilen womöglich für eine Slackerin halten. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit sein. Denn neben ihren immer weitere Kreise ziehenden Tätigkeiten als Mattiel ist sie auch als Designerin und Illustratorin bei MailChimp im Einsatz. „Es sind quasi zwei Vollzeitjobs: Designerin und Musikerin“, sagt sie. Dieser zweite Teil ihres Lebens zeigt sich etwa in der besonderen Ästhetik ihrer Videoclips. Mattiel sieht aber noch mehr Verbindungen zwischen den beiden Metiers: Viele Texte hat sie erst während der Aufnahmen geschrieben. „Da kann man wohl die größten Parallelen zwischen Desgin und Musik erkennen. Alles, was dich einschränkt – Zeit, Raum, Budget – treibt dich dazu an, so kreativ wie möglich zu sein mit den Mitteln, die du hast.“

Unterstützt wurde sie dabei von Randy Michael und Jonah Swilley, die zusammen nicht nur das Produzententeam InCrowd sind, sondern auch eine Band namens Black Linen gegründet hatten, kurz bevor sie Mattiel Brown trafen. „Wir haben festgestellt, dass wir beide die Beatles genauso lieben wie Jay-Z, Bob Dylan genauso wie die Arctic Monkeys„, sagt Swilley über die Phase, als die Idee für eine Zusammenarbeit aufkam. “Ich war davon ausgegangen, dass sie eine kleine, flüsternde Stimme haben würde. Und dann hat sie mich umgepustet“, erzählt Randy Michael. „Sie klingt, als würde die Cher aus den Sixties Lieder von Bob Dylan singen. Da wusste ich, dass sie perfekt zu den Sachen passen würde, die wir mit Black Linen gemacht hatten.“

In der Tat gibt es hier eine große Nähe zum Sound der späten Sechziger, neben Jefferson Airplane sind auch aktuellere Acts wie The Kills oder The Duke Spirit als Vergleiche naheliegend. Whites Of Their Eyes eröffnet das Album mit polternden Drums, schneidender Gitarre und dieser Stimme wie von einer Besessenen. Das klingt wie nichts weniger als die Quintessenz von Rock, der aus Rhythm’N’Blues erwachsen ist. Das folgende Send It On Over ist reduziert und unheimlich, nicht nur wegen der Orgel, sondern auch wegen der Zeile „You think nobody knows / but they know“. Just A Name hat einen großartig kraftvollen Bass, superbe Bläser, tollen Swing und wieder einen Gesang, bei dem das Herz offen liegt.

Count Your Blessings hat Mattiel nach einer Phase längerer Krankheit geschrieben. „Ich habe das wie eine Botschaft an mich selbst verfasst: Du wirst das überstehen! Es wird dir wieder gut gehen!“ Den Hautausschlag, der zu ihren Symptomen gehörte, hört man aus dem Song nicht heraus, sehr wohl aber das Fieber. Ebenso die Wut darüber, nicht aktiv sein zu können – ein Drang, der ihr in den Genen liegt, wie Mattiel glaubt, die auf dem Land in Georgia aufgewachsen ist. „Meine Mutter hat dort in den Neunzigern eine Farm gekauft. Sie hatte – und hat immer noch – Pferde, deshalb habe ich Westernreiten gelernt, als ich 6 oder 7 Jahre alt war. Wir hatten einen Gemüsegarten und Hühner. Meine Mutter hat auch Wolle und Eier vom Hof verkauft. Vorher hatte sie als Requisiteurin beim Film gearbeitet. Sie ist ein wirklich passionierter, kreativer Mensch. Meine Arbeitseinstellung habe ich definitiv von ihr geerbt.“

Die Mutter war auch musikalisch prägend, in ihrer Plattensammlung entdeckte Mattiel als Teenagerin die Werke von Donovan, Peter Paul and Mary oder Joan Baez, später gesellten sich Screamin’ Jay Hawkins, Andre 3000, Dylan, Marc Bolan, Sister Rosetta Tharpe und Jack White als wichtige Einflüsse hinzu. Dieses Spektrum wird in Silver Pillbox am deutlichsten: Der Pseudo-HipHop-Beat ist in diesem Moment ebenso schockierend wie die niedliche Klaviermelodie. Ganz am Beginn von Salty Words steht ein Bass, der sich dann aber verschüchtert zurückzuziehen scheint, als Orgel und Gesang einsetzen. Erst begleitet vom Schlagzeug traut er sich zurück – und das Ergebnis wirkt wie die Musik im Kopf von Clint Eastwood.

„Aus dem Nichts heraus etwas zu erschaffen – dieser Prozess haut mich immer noch einigermaßen um, und das gemeinsam mit anderen Leuten tun zu können, ist noch viel besser“, schwärmt Mattiel Brown über die kreative Arbeit mit ihren beiden Kompagnons. Diese Begeisterung ist ein zentrales Element für den sehr persönlichen Charakter dieser Platte. Cass Tech könnte ein Folksong à la Joan Baez sein, trauert dem ehemaligen College aber lieber mit einem sehr bestimmten Beat nach. Bye Bye würde sich wohl nicht gegen die Bezeichnung „Rockabilly“ wehren, vielleicht nicht einmal gegen das altmodische Kompliment, ein „Kracher“ zu sein. Man kann nicht nur in diesem Lied ein Feuer, Ungestüm und eine Unmittelbarkeit erkennen, wie sie auch Courtney Barnett versprüht.

Five And Tens nutzt eine Poker-Metapher für all die Bluffs und Lügen, die auch in anderen Lebensbereichen so gerne gepflegt werden. Das beste Lied dieses umwerfenden Debüts ist Baby Brother: Mattiel, Michael und Swilley erschaffen hier einen funky Girlgroup-Soul, der sofort eine große Leichtigkeit und Eleganz hat. Das ist verdammt unwiderstehlich.

Schickes Design gibt es natürlich im Video zu Count Your Blessings.

Website von Mattiel.

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