Mega Bog – „Life, And Another“


Künstler Mega Bog

Mega Bog Life, And Another Review Kritik

„Life, And Another“ erwächst aus Talent und Verwirrung.

Album Life, And Another
Label Paradise Of Bachelors
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Als ich noch jung und, wie Thomas Mann das in seiner Novelle Gerächt einmal genannt hat, „von extremer Gimpelhaftigkeit“ war, hätte es einen zentralen Begriff in dieser Rezension gegeben. „Kunstkacke“ wäre wahrscheinlich das erste, letzte oder sogar einzige Wort dieses Textes gewesen. Ich hätte vielleicht wieder einmal darüber geschimpft, was Jazz für ein egozentrischer Ansatz ist, oder mich darüber ausgelassen, dass es anmaßend ist, ein paar Wochen Einsamkeit in einer kleinen Hütte in der Nähe des Rio Grande (dort ist der Kern von Life, And Another entstanden) für das schlimmste aller anzunehmenden Schicksale zu halten.

Mittlerweile ist das aber (zum Glück für Erin Birgy, die hinter Mega Bog steckt, und sicher auch zum Vorteil meines eigenen musikalischen Horizonts) anders. Wenn jemand Pop mutiger interpretiert als die Autotune-Fließband-Fraktion, wenn jemand einen Überbau für seine Musik und seine gesamte Ästhetik kreiert und es damit schafft, Lieder zu erschaffen, die vielleicht nicht zum unmittelbaren Mitsingen und Lostanzen einladen, aber durch ihre Eigenständigkeit interessant werden, dann ist das willkommen. Und genau solche Lieder kann man auf dieser morgen erscheinenden Platte reichlich finden.

Obsidian Lizard ist vielleicht das beste Beispiel für diese Frage der Perspektive: Man kann das „Bibidubei“ spinnert nennen, das Erin Birgy da singt, aber auch einzigartig. Auch Butterfly erweist sich als ein sehr typischer Moment für Mega Bog: Viel Rock-DNA trifft auf einen klassisch geprägten Gesang und eine Herangehensweise, die aus dem Jazz kommt. Der Titelsong Life, And Another zeigt, dass Lounge und Avantgarde durchaus vereinbar sind, Beagle In The Cloud wird durch seine Reduktion besonders intensiv, Bull Of Heaven macht seinem Titel hingegen mit einem entsprechend brachialen Sound alle Ehre.

Man kann hier Stücke finden wie das schwungvolle Weight Of The Earth, On Paper, das nach der Sammlung von Memoiren-Bändern des Künstlers David Wojnarowicz benannt ist (auch er hat oft über die Einsamkeit in den Wüsten des amerikanischen Südwestens geschrieben) und mit angedeuteten Latin-Rhythmen und atonalen Elementen zwischen Tanzbarkeit und Chaos schwankt, bis der Chor dem schrägen Gesamtbild die Krone aufsetzt. Dem stehen fast instrumentale Tracks wie Darmok oder Adorable gegenüber, die eher den Charakter einer Skizze oder eine Meditation haben. Der Album-Schlusspunkt Ameleon entwickelt sich von selbstvergessen zu einem ziemlich schillernden Stück Kammerpop, der lässige Opener Flower scheint ganz von selbst aus einem Nährboden voller Talent und Verwirrung zu wachsen.

Die meist sehr kryptischen Texte handeln nach eigenen Angaben der Künstlerin von Themen wie Achtsamkeit, Wut, Bindungstheorie und dialektischer Verhaltenstherapie, mit denen sich Birgy in der besagten Hütte ausgiebig beschäftigt hat. Dass Life, And Another trotzdem nicht das Werk einer Einsiedlerin geworden ist, unterstreichen zahlreiche Gastbeiträge, die etwa Andrew Dorset (Lake), James Krivchenia (Big Thief) und Meg Duffy (Hand Habits) beisteuern. Bezugspunkte für Mega Bog findet man in diesem Namedropping aber ebenso schwierig wie anderswo. Maybe You Died wirkt, als habe sie eine telepathische Verbindung zu Suzanne Vega hergestellt, das vergleichsweise kompakte Crumb Back könnte man für eine eine besonders wagemutige E-Street-Band halten, nicht nur wegen des prominenten Saxofons. Die seltsamen Stimmen in Station To Station lassen vage an ein Duett von Heather Nova mit Marianne Faithful denken, zugleich klingt diese Single, als wären wichtige Stücke davon herausgebrochen und genau dadurch habe sie ihren Reiz erhalten.

Das beste Lied der Platte ist Before A Black Tea: Der Titel klingt natürlich nach Manierismus und (das Wort muss dann doch noch mal kommen) nach Kunstkacke, aber der Song bietet viel Drive, Spannung und Abwechslung. Das sind Eigenschaften, die man gerne schätzen darf, und Mega Bog hat auch ein viel besseres Wort dafür: „Sci-Fi-Pop“.

Die Weite der Landschaft prägt auch das Video zu Station To Station.

Website von Mega Bog.

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