Michael Schulte – „Wide Awake“


Künstler Michael Schulte

Michael Schulte Wide Awake Review Kritik

Über YouTube und Pro7 hat es Michael Schulte zum Debütalbum geschafft.

Album Wide Awake
Label Very Us
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Im Jahr, in dem Michael Schulte unser Land beim Eurovision Song Contest vertreten hat (und zwar ziemlich erfolgreich), lohnt es sich vielleicht, noch einmal einen Blick auf sein 2012er Debütalbum Wide Awake zu werfen. Es stammt aus dem Jahr, in dem der Norddeutsche Platz 3 bei The Voice Of Germany erreichte und mit Carry Me Home auch einen Top-10-Hit landete (der auf dem gut ein halbes Jahr später erscheinenden Album allerdings nicht vertreten ist). Schon hier zeigt er, sicher auch dank der Fähigkeiten von Produzent Olaf Opal und diverser angeheuerter Songwriter: Michael Schulte kann Pop auf internationalem Niveau.

Die entscheidende Schwäche von Wide Awake ist dabei zugleich eine Stärke. Wer beim damals 22-Jährigen ein Alleinstellungsmerkmal sucht, wird kläglich scheitern. Viele dieser Lieder hätten in Sound und Inhalt auch zu einer Armada anderer Popsänger gepasst. Besonders deutlich wird das in Higher, das etwas zu hörbar Schema F bedient und von der Stange kommt, auch dem übertrieben pathetischen Refrain von Marching Man hört man die Herkunft aus einer Hit-Werkstatt an.

Zugleich beweist Michael Schulte hier eine große Vielseitigkeit. Vielleicht ist das nicht allzu überraschend bei einem Künstler, der sich mit Coverversionen bei YouTube erste Aufmerksamkeit erarbeitet hat, damals reichte das Spektrum von Taylor Swift bis Radiohead, von Bruno Mars bis Scorpions, von Hurts bis Band of Horses, von Adele bis Bon Iver. Hier kann er nun auf Eighties-Rock machen (Army Of Hope), ebenso ein paar Indie-Zutaten einflechten (Run Away hätte zu Snow Patrol oder Embrace gepasst) oder mit Take Me As I Am einen (ganz alleine geschriebenen) erstaunlich rasanten Folksong im Stile von beispielsweise Jake Bugg oder George Ezra abliefern.

Das Genre, das am besten zu ihm passt und auf Wide Awake auch am häufigsten bedient wird, ist die Powerballade. Das starke Heard You Cyring zeigt das und gönnt sich am Ende eine Coldplay-Gitarre, auch in You Said You’d Grow Old With Me, in dem zuerst nur Stimme und Klavier zu hören sind, bevor sich daraus eine eindrucksvolle Ballade entwickelt, fühlt er sich hörbar wohl. „Craving“ heißt das zentrale Verb im Titelsong Wide Awake, denn es drückt bereits das ganze Gefühl dieses Lieds aus. Auch Beautiful Life, das einzige Lied der Platte, an dem Michael Schulte nicht zumindest mitgeschrieben hat, passt in diese Kategorie. Stattdessen stammt es aus der Feder von Rea Garvey, der bei der Danksagung im Album-Booklet eine besonders umfangreiche Erwähnung findet als Coach, Mentor und guter Freund. „Danke, dass du ein toller Typ mit einem großen Herzen bist, der genau in dem Moment in mein Leben trat, als ich das brauchte. Dass wir uns begegnet sind, ist in meinen Augen eine Fügung des Schicksals und auf jeden Fall das Beste, was mir jemals hätte passieren können“, schreibt der Sänger da. Auch dieses Lied setzt nur auf Gesang und Klavier, die Stimme von Michael Schulte ist aber stark und überzeugend genug, um dieses Arrangement zu tragen.

Auch die Begeisterung für Musik, die aus dem Booklet-Zitat oben spricht, ist ein Pluspunkt dieses in Berlin aufgenommenen Debüts. Es sei ein wahr gewordener „Kindheitstraum, ein Album herauszubringen. Es ist, als würde ich ein Stück meines Lebens, ein Stück von mir selbst veröffentlichen“, schwärmt Michael Schulte. Gelegentlich beweist Wide Awake sogar ein bisschen Mut zum Charakter: I’m Not Gonna Find You ist etwas ausgefallener im Arrangement als der übliche Radiopop, im entspannten I Never Said I Loved You kann man ein Banjo als überraschendes Element entdecken, das vielleicht Travis gut gefallen hätte, die beiden abschließenden Tracks, die Michael Schulte alleine geschrieben hat und nur mit akustischer Gitarre performt, beweisen sein Gespür für Melodie.

Auch wenn hier, wie etwa das im Refrain zu penetrante Jump Before We Fall zeigt, durchweg Kompetenz und unmittelbare Wirkung statt Originalität und Individualität ganz oben auf der Agenda stehen: Besser als „Germany: zero points“ ist das allemal.

Michael Schulte redet über die Entstehung von Wide Awake.

Michael Schulte bei Twitter.

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