Durchgelesen: Miranda July – „Zehn Wahrheiten“


Multitalent Miranda July wird auch als Autorin Furore machen.

Autor Miranda July
Titel Zehn Wahrheiten
Verlag Diogenes
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Glauben kann man das kaum: Miranda July sieht auf dem Einband aus wie ein schreckhaftes Häschen im Scheinwerferlicht eines nahenden Trucks. Auch als 34-Jährige wirkt sie noch wie ein verhuschter Teenager, dem es schwer genug fällt, morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen und dem jeder Regentropfen und jedes laute Wort das Herz bricht.

Doch die junge Frau ist offensichtlich nicht nur ein Workaholic von durchaus robuster Konstitution, sondern auch ein künstlerischer Tausendsassa. Ihre Performance- und Videowerke waren schon im Londoner Institute of Contemporary Art und im Guggenheim-Museum zu sehen. Der Spielfilm Ich und du und alle, die wir kennen, in dem sie die Hauptrolle spielte und auch Drehbuch und Regie beisteuerte, wurde vor drei Jahren in Cannes als bestes Debüt ausgezeichnet. Und jetzt schreibt sie auch noch Bücher. Und auch die werden Furore machen.

Zehn Wahrheiten ist eine Sammlung von 16 Kurzgeschichten, die nicht nur amüsant, rührend und gespickt mit erstaunlicher Poesie sind. July versteht es auch, die stilistische Raffinesse, die in ihren Stories ohne Zweifel steckt, ganz organisch und unangestrengt wirken zu lassen. Es wird gebangt und getrauert, geträumt und gestritten.

Kaum zu fassen, mit welch unbarmherzigem Scharfsinn und spielerischer Leichtigkeit hier die (Un-)Tiefen von Familienleben, Sexualität und Erwachsenwerden ausgelotet werden, wie viele Spleens sich in einem Protagonisten vereinen lassen, welch bizarre Wendungen die Handlung auf meist nur wenigen Seiten zu nehmen vermag. Doch nichts davon wirkt abstrus oder überzeichnet: Miranda Julys Geschichten entspringen einer anscheinend nicht zu bändigenden Fantasie – und stehen doch mitten im Leben.

Beste Stelle: „Es kommt einem gar nicht wirklich vor, als würde man fahren, wenn man nicht weiß, wohin man eigentlich fährt. Es sollte beim Auto die Möglichkeit geben, auf der Stelle zu fahren, so was wie Wassertreten. Oder wenigstens ein Licht zwischen den Bremsleuchten, das man anmachen kann, um zu signalisieren, dass man kein Ziel hat. Ich kam mir vor, als würde ich die anderen Fahrer für dumm verkaufen, und wollte einfach mein Gewissen erleichtern.“

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