Mudhoney – „Every Good Boy Deserves Fudge“


Künstler*in Mudhoney

Mudhoney Every Good Boy Deserves Fudge: Deluxe 30th Anniversary Edition Review Kritik

„Every Good Boy Deserves Fudge“ zeigt die Essenz von Mudhoney.

Album Every Good Boy Deserves Fudge: Deluxe 30th Anniversary Edition
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Es gibt wenige Fälle, in denen es schon reicht, den Bandnamen zu kennen, um den dazugehörigen Musikstil voll und ganz einordnen zu können. Mudhoney, 1988 in Seattle gegründet und bis heute aktiv, sind so einer. Der eine Teil ihres Sounds ist dreckig wie der Schlamm, er kommt aus Punk und Garagenrock. Der andere Teil ist süß wie Honig, er steht für die oft erstaunlich filigranen Melodien.

Großer (oder auch nur halbwegs solider) finanzieller Erfolg war der Band damit nicht vergönnt, trotzdem haben Mudhoney sich einen Status erarbeitet, der nun zur Wiederveröffentlichung von Every Good Boy Deserves Fudge führt, das sie vor 30 Jahren als ihr zweites Album nach der EP Superfuzz Bigmuff (1988) dem selbstbetitelten Debüt-Longplayer im Jahr darauf veröffentlicht hatten. Dass es nun eine Deluxe 30th Anniversary Edition dieser Platte gibt, hat viel mit einem Album zu tun, das ein Vierteljahr nach Every Good Boy Deserves Fudge erschien: Nevermind von Nirvana machte Grunge zur ganz großen Sache, pulverisierte praktisch die gesamte bis dahin erfolgreiche Rockmusik und zog etliche Acts aus Seattle mit ins Rampenlicht, so auch Mudhoney. Die damalige Besetzung aus Frontmann Mark Arm, Bassist Matt Lukin, Gitarrist Steve Turner und Schlagzeuger Dan Peters könnte die Krone als „Godfathers of Grunge“ mit genauso viel Recht für sich beanspruchen wie Nirvana, schreibt Martin C. Strong in seiner Great Rock Discography. Auch der Guardian hat Mudhoney im Bezug auf die Grunge-Ursprünge mal bezeichnet als „the band who arguably started the whole thing“.

Das Ringen um möglichen kommerziellen Appeal deutete sich in der Entstehungszeit des Albums bereits an. Es war die vorerst letzte Veröffentlichung der Band für Sub Pop, danach wechselten Mudhoney zum Warner-Records-Unterlabel Reprise – auch in der Hoffnung, dort mehr erreichen zu können als die rund 50.000 verkauften Exemplare und eine Top40-Platzierung in den UK-Albumcharts, die es für Every Good Boy Deserves Fudge immerhin gab.

Zudem experimentierte das Quartett zunächst mit einem etwas aufpolierten Sound. Die ersten Aufnahmen fanden in einem Studio mit 24-Spur-Mischpult statt, wurden dann aber von der Band verworfen. „Wir beschlossen, dass es uns nicht sonderlich gefiel“, sagt Steve Turner heute über die Ergebnisse dieses Versuchs. „Es klang für mich nicht richtig, es klang ein bisschen zu schick, zu sauber. Es fehlte der Schmutz.“ Dass fünf dieser Demo-Tracks (die in der Tat etwas arg klinisch klingen) auf der Deluxe 30th Anniversary Edition zu hören sind, gehört zu den historisch wertvollsten Aspekten dieser Wiederveröffentlichung. Zudem gibt es zwei weitere bisher unveröffentlichte Songs, Liner-Notes von Mudhoney-Biograph Keith Cameron und viel fürs Auge in Form von neuen Cover-Artworks, Archiv-Fotos und einem ausklappbaren Farb-Poster.

Die 15 Tracks des Original-Albums wurden damals schließlich in den vergleichsweise amateurhaften Egg Studios bei Conrad Uno aufgenommen, wo nur ein Acht-Spur-Bandgerät verfügbar war. „Mein Vorschlag war: Gehen wir doch einfach in die Egg Studios, nehmen dort einen Tag lang einen Haufen Punk-Cover auf und sehen, wie es klingt“, erinnert sich Turner. „Ich rief Conrad an und sagte: ‚Hier ist Steve von Mudhoney. Wir wollen bei dir reinschneien und mit dir aufnehmen.‘ Er fing an zu lachen und sagte nur: ‚Warum?!'“

Diese Spontaneität und die Orientierung an britischen Vorbildern, deren Singles damals auch schon Oldies waren, hört man der Platte auch heute noch an. Let It Slide lässt mit seiner Mischung aus Lärm, Schmutz, Chaos und Melodie wunderbar das Mudhoney-Prinzip erkennen. Im wilden Something So Clear scheint die gesamte Energie der Band in Wut gesteckt worden zu sein, Thorn klingt wie ein Panzer mit der Geschwindigkeit eines Formel-1-Wagens, Fuzzgun ’91 ist ein 113 Sekunden langes Instrumental-Inferno.

Auch die Zeitgenossen klingen in Every Good Boy Deserves Fudge an. Das etwas müde Broken Hands lässt erkennen, dass Kurt Cobain seinen gerne nöligen Gesang durchaus an Mark Arm orientiert hat. Die Pixies (und ihre Fans) dürften die Riff-Freude und den Hauch von Wahnsinn in Who You Drivin‘ Now? geliebt haben, für Pokin‘ Around kann es keine bessere Bezeichnung als „ADHS-Grunge“ geben.

Zugleich wagen Mudhoney hier auch recht erstaunliche Experimente. Gleich zweimal ist eine Orgel zu hören: Der Album-Auftakt Generation Genocide entpuppt sich dabei als Urgewalt, als hätten die Doors eine Zombie-Apokalypse überlebt. Der Schlusspunkt Check-Out Time setzt auf weniger Tempo, dafür mehr Atmosphäre, neben dem Tasteninstrument unter anderem mit einem fast nur geflüsterten Text. Die Drums in Good Enough sind fast Jazz, aber natürlich schreit hier alles Missbilligung statt Virtuosität, bis hin zur zentralen Zeile „One more time is good enogh for me.“ Move Out setzt auf akustische Gitarre und Mundharmonika und wirft den Gedanken auf: So könnte zeitgemäße Countrymusik vielleicht klingen, wenn sie nicht korrupt wäre.

Nicht zuletzt unterstreicht Every Good Boy Deserves Fudge, was den besonderen Charme von Mudhoney – damals wie heute – ausmacht: Die Härte und Wucht von Metal wird hier nicht mit dem dort üblichen Höher-Schneller-Weiter-Theater umgesetzt, sondern mit Slacker-Gestus und einer tiefen Melancholie, die man beispielsweise in Don’t Fade IV hören kann, das bedrohlich und zugleich tiefgründig wird. Die Zeile „Looking for a life in the back of your mind“ in Shoot The Moon ist zugleich gekränkt und arrogant angesichts der Tatsache, dass der größte Teil des Rests der Welt so sagenhaft dumm und ignorant ist. So wie Mark Arm in Into The Drink muss jemand klingen, der sein ganzes Leben lang nur betrogen und verarscht wurde und auch nicht mehr daran glauben möchte, dass sich daran noch (zum Beispiel, indem er seinen Frust mittels Musik abbaut) etwas ändern wird.

Und das Bonusmaterial der Deluxe 30th Anniversary Edition? Ist durchweg gut, mit einigen Highlights. March To Fuzz und Fuzzbuster erweisen sich als sehr unterhaltsame Instrumentals, fast in der Nähe des Surf-Rocks von Dick Dale. Die ursprüngliche Single-B-Seite Ounce Of Deception ist erstaunlich plakativ, der Alternate Take von Paperback Life entwickelt gar einen Hauch von Boogie, Flowers For Industry wird auf schmerzhafte Weise durchgeknallt. Overblown (aus dem Soundtrack zum Cameron-Crowe-Film Singles) führt sehr konsequent das weiter, was The Kinks und The Who in ihren härtesten Momenten in den Sechzigern erfunden haben, und unterstreicht auch noch einmal den Gedanken, der Grunge so wirkungsmächtig gemacht hat: Auch eine Verweigerung kann sich wie eine Attacke anfühlen.

Zu Ounce Of Deception ist zum Jubiläum ein neues Video entstanden.

Mudhoney bei Twitter.

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