Nein heißt Nein – Der Slutwalk in Leipzig


Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Hautenge, knallrote Jeans. Knappes schwarzes Top. Weste mit Leopardenmuster. Und ein Mützchen, das kokett ein bisschen schief über den roten Haaren sitzt. So sieht eine Schlampe aus, würde man wohl sagen, wenn man für die Kostüme in einer Daily Soap zuständig wäre. Das Erstaunliche: Der Mensch, der in diesem Outfit steckt, ist stolz darauf, Schlampe zu sein. Und er ist ein Mann. „Es passiert eigentlich nicht, dass mich jemand Schlampe nennt. Ich bin also nicht persönlich betroffen. Aber ich möchte einstehen für die Leute, die davon betroffen sind“, sagt der Mann mit der Leopardenweste, der gerne „Ginger“ genannt werden möchte. „Jeder soll sich kleiden, wie er will. Jeder soll leben und lieben, wie er will – deshalb bin ich heute hier.“

Hier bedeutet: beim Slutwalk in Leipzig. Rund 400 Teilnehmer sind zum Aufmarsch der Schlampen gekommen. Die pünktlichen unter ihnen wirken am Treffpunkt am Connewitzer Kreuz noch einigermaßen konventionell. Die extrovertierten von ihnen kommen, wie es sich für Schlampen gehört, ein bisschen zu spät und sorgen dann doch noch dafür, dass schon rein optisch keinerlei Gefahr besteht, diesen Protestzug mit der zeitgleich stattfindenden Demo gegen die Macht der Banken zu verwechseln.

Es gibt grell geschminkte Gesichter, Miniröcke und Netzstrümpfe – jeweils bei Männern und Frauen. „Ich liebe Sex, aber ich hasse Sexismus“, „Liebe, wen Du willst“ oder „Nein heißt Nein“ steht auf den Transparenten. Es geht um sexuelle Selbstbestimmung, gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt und vor allem gegen das Vorurteil, vergewaltigte Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich aufreizend kleiden.

Dieser Vorwurf stand am Anfang der Slutwalk-Bewegung. „Frauen sollten sich nicht wie ,Schlampen’ anziehen, wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden wollen“, hatte ein kanadischer Polizist bei einem Vortrag geraten. Am 3. April gingen deshalb 3000 Teilnehmer beim ersten Slutwalk der Welt in Toronto auf die Straße. Längst ist die Bewegung auch in Europa angekommen. In London, Paris, Amsterdam oder Stockholm gab es schon Slutwalks. Am 13. August fand die erste deutsche Auflage in Berlin statt.

Auch in Leipzig lassen sich neben Elementen der viel beschworenen neuen Protestkultur (derzeit 357 Mal „Gefällt mir“ bei Facebook, Live-Berichterstattung bei Twitter) auch die gute alte deutsche Bürokratie und Verkopftheit beobachten. Zu Beginn des Protestzugs werden die Auflagen des Ordnungsamts verlesen, dann hält jemand eine Rede, die eher einer Zusammenfassung aktueller Gender-Studien gleicht als einem Aufruf zum gesellschaftlichen Wandel.

In allen offiziellen Dokumenten zum Slutwalk in Leipzig, vom Flyer bis zur Homepage, wird natürlich feinsäuberlich darauf geachtet, dass hier auch mit Sprache nicht diskriminiert wird. „Die Demonstrant_innen des SlutWalk eignen sich den Begriff [Schlampe] daher an, um ihn zu dekonstruieren und gehen hierzu als solidarische Gemeinschaft auf die Straße“, heißt es etwa in der Pressemitteilung. Statt des legendären Binnen-I hat man also eine ganz neue Form der Terminologie gefunden. Demonstranten für die Männer, Demonstrantinnen für die Frauen und der Unterstrich für alles, was es dazwischen noch so gibt.

Zu derlei politischer Überkorrektheit kommt, erstaunlich für eine Veranstaltung, mit der man doch die Öffentlichkeit erreichen will, eine übertriebene Medien-Paranoia. Die Perspektive, dass Medien tendenziell im Lager des Feindes stehen und dass Journalisten einen im Zweifel lieber missverstehen (wollen) – das kennt man sonst eigentlich nur in der rechten Szene. Bittet man um ein Interview, wird zuerst misstrauisch gefragt, für welches Medium man denn zu berichten gedenke. Als zwei der Organisatorinnen ein paar Statements für ein Kamerateam abgeben, tarnen sie sich mit putzigen Masken.

Andererseits: Über die eigene Sexualität in der Öffentlichkeit zu sprechen, sich als transsexuelle Hausfrau oder als schwuler Fußballfan vor aller Welt zu positionieren (oder sich auch bloß mit Opfern sexueller Diskriminierung zu solidarisieren) – das ist nach wie vor heikel. Insofern protestieren die Teilnehmer des Slutwalk auch dafür, irgendwann ihre eigene Vorsicht ablegen zu können. Seinen echten Namen will jedenfalls niemand nennen, und schon gar nicht möchte irgendjemand für die gesamte Bewegung sprechen. „Es gibt dazu ganz unterschiedliche Ansichten bei uns im Plenum“, das ist ein ebenso niedliches wie typisches Zitat – und man möchte den Machern etwas mehr von der Lockerheit wünschen, die von den Teilnehmern hier an den Tag gelegt wird. Höhepunkt der Strenge (oder eine Sicherheitsmaßnahme nach schlechten Erfahrungen bei anderen Slutwalks) ist wohl die eigens eingerichtete Awareness-Gruppe, die solche Teilnehmer aussortieren soll, die bloß da sind, um vielleicht ein paar nackte Brüste erspähen zu können oder sich wenigstens heimlich über die Kerle in Stöckelschuhen zu amüsieren.

Für allzu viel nackte Haut ist es an diesem sonnigen Oktobertag in Leipzig allerdings ohnehin zu kalt. „Es wird sicherlich die Standard-Gaffer geben, die aus dem Fenster gucken. Aber solange niemand belästigt wird, ist das kein Problem. Wir haben ja Lust uns zu zeigen, und wir zeigen uns ganz bewusst so“, sagt Die Wölfin, eine der Initiatorinnen des Leipziger Slutwalks. „Schlampe ist ein Begriff, der von außen kommt, den wir uns aber angeeignet haben. Er bedeutet für mich, dass man seine Sexualität selbst steuert und selbst darüber bestimmen kann“, sagt sie. In ihren Augen ist es kein Problem, wenn man Schlampe ist und gleichzeitig verheiratet, Bond-Girl oder Bundeskanzlerin. „Das ist bloß eine Frage der Definition. Wir wollen zeigen: Von sexueller Gewalt sind letztlich alle Menschen betroffen.“

Die Message kommt an: Als der Slutwalk dann nach mehr als einer Stunde tatsächlich mit dem Laufen in Richtung Innenstadt anfängt, trifft er bei den Passanten offensichtlich eher auf Sympathie und Amüsement denn auf Empörung oder Feindseligkeit. Es wird getanzt, eine fast komplett in pink gekleidete Samba-Truppe spielt ihre eigene Version des MC-Hammer-Hits U Can’t Touch This, aus den Lautsprechern des einzigen Begleitfahrzeugs erklingen Lieder von Madonna und Hole. Es ist ein seltsamer, aber sympathischer Mix aus Flashmob und Love Parade, Facebook-Party und Christopher Street Day, Aktivisten und Sympathisanten.

Auch Ginger, der über einen Flyer an der Uni vom Slutwalk erfahren und dann über Facebook weitere Freunde eingeladen hat, fühlt sich in diesem Umfeld sichtlich wohl und muss trotz seiner Leopardenweste keinen Moment befürchten, dass ihn hier jemand als Schlampe beleidigen könnte. Er hofft, dass sich der Begriff nach und nach wandeln wird – ebenso wie das Bewusstsein der Menschen. „Man braucht solche aggressiven Begriffe, um die Leute zu provozieren und sie auf ein Problem aufmerksam zu machen. Vor ein paar Jahren war ,schwul’ auch noch ein Schimpfwort. Das hat sich geändert. Vielleicht kann es mit ,Schlampe’ genauso sein.“

Eine Kurzversion dieses Artikels gibt es auch bei news.de – samt Fotostrecken zu Slutwalks weltweit und in Deutschland.

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