Nicht blenden lassen


Der Aufschwung kommt an. Die vielbeschworene Behauptung scheint auf den Lehrstellenmarkt tatsächlich zuzutreffen. Es gibt weniger unversorgte Bewerber, mehr Ausbildungsverträge und mehr Betriebe, die Lehrlinge einstellen. Das ist erfreulich. Denn nicht zuletzt die Debatte um die Jugendkriminalität in Deutschland hat gezeigt, welch schlimme Folgen es haben kann, wenn junge Menschen keine Perspektive haben.

Dass es neuerdings mehr Angebote als Schulabgänger gibt, lässt sich aber auch noch anders interpretieren: Es wird für Unternehmen immer schwieriger, geeignete Lehrlinge für die offenen Stellen zu finden. Ob der kleine Handwerksmeister um die Ecke, der Personalchef einer großen Firma oder Lehrer mit langjähriger Erfahrung: Alle klagen über sinkendes Niveau, was Wissen und Willen der Schulabgänger angeht.

In einem Land, in dem jedes Kind mindestens neun Jahre lang die Schulbank drücken muss, kann es nicht angehen, dass Berufsanfänger nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können sowie Disziplin und selbstverständliche soziale Routinen auch erst noch lernen müssen. Darauf deuten die Zahlen aber hin: Zwei Drittel der Schulabgänger, die an einer Einstiegsqualifizierung teilnehmen, finden danach auch einen Ausbildungsplatz. Ohne diese Schnupperlehre waren sie dazu aber nicht in der Lage. Bei ihnen hat die Schule versagt – aber nicht nur die Schule, sondern auch Kindergarten, Elternhaus und Freundeskreis.

Dass sich Deutschland solche Nachlässigkeit nicht leisten kann, beweist der immer gravierender werdende Fachkräftemangel. Auch das Beispiel Nokia zeigt: Das Land braucht gut qualifizierte Menschen für anspruchsvolle Jobs, wenn es im globalen Wettbewerb um Arbeitsplätze konkurrenzfähig sein will.

Die Wirtschaft, insbesondere der Mittelstand, der sich in der Statistik erneut als tragende Säule des Lehrstellenmarkts erweist, hat dies erkannt. 53.600 neue Ausbildungsbetriebe wurden im vergangenen Jahr gewonnen. Die Unternehmen werden ihrer Verantwortung zunehmend gerecht. Statt sich von den guten Zahlen blenden zu lassen, muss die Politik nun nachziehen – und zwar dringend. Betriebe bestrafen zu wollen, die keine Lehrlinge ausbilden, ist der falsche Weg. Viel eher muss ein Bildungssystem her, dass genug geeignete Bewerber auf den Markt bringt und die jungen Menschen, die für volle Klassen, gestresste Lehrer und unfähige Eltern selbst am wenigsten können, nicht um die Chancen ihrer Zukunft beraubt. Dafür ist kein neuer Ausbildungspakt nötig, sondern eine stärkere und gezieltere Investition in Bildung – vom Kindergarten bis zur Hochschule.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.