Nordic Giants – „Amplify Human Vibration“


Künstler Nordic Giants

Amplify Human Vibration Nordic Giants Kritik Rezension

Einen selbst produzierten Kurzfilm begleitet „Amplify Human Vibration“.

Album Amplify Human Vibration
Label Aloud Music
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Nordic Giants? Das stimmt nicht. Die beiden Musiker hinter dieser Band nennen sich zwar Rôka und Löki, aber so viel immerhin weiß man über sie: Sie sind keine Skandinavier, sondern kommen aus England. Zweites Album? Das stimmt auch nicht wirklich. Vielmehr handelt es sich bei Amplify Human Vibration um den Soundtrack zum gleichnamigen Dokumentarfilm, den das Duo selbst produziert und per Crowdfunding finanziert hat. Verstärkung von menschlichen Schwingungen? Auch davon kann nur mit Einschränkungen die Rede sein. Nordic Giants lieben es gerne auch mal dezent. Das Schlagzeug bedient alle Facetten zwischen treibend und bombastisch, das Klavier zwischen zurückhaltend und hymnisch.

Menschlich soll es allerdings unbedingt zugehen. „Unser Ziel ist ein Kurzfilm, der die schönen Seiten der Menschheit aufzeigt und erklärt, welche Dinge die Menschen im Leben antreiben“, sagen Nordic Giants, die sich bei Konzerten oft hinter Masken verstecken oder zu Licht-Projektionen im dichten Nebel spielen. „All diejenigen, die uns bisher noch nicht live gesehen haben, brauchen keine Angst zu haben: Es wird zwar keine einfache Angelegenheit, aber dafür eine nachdenklich machende Erforschung der menschlichen Seele“, beteuern Rôka und Löki.

Cineastisch ist ihr Post-Rock-Sound in jedem Fall auch dann, wenn man sich die Verbindung zum Kurzfilm wegdenkt. First Light Of Dawn klingt sphärisch und majestätisch – auf das Bild mit dem Sonnenaufgang kann man gut auch kommen, ohne den Titel des Stücks zu kennen. Das leicht säuselnde Reawake erzählt vom Leben nach dem Tod und dem ewigen Kreislauf. Der Album-Abschluss Autonomous besteht lange Zeit nur aus einer Orgel, wenn nach fast 5 Minuten dann Streicher dazu kommen, kann man sicher sein, dass Vangelis irgendwo ein Lächeln übers Gesicht huscht.

Immortal Elements erklärt sehr gut das Prinzip von Amplify Human Vibration. Die Stimme des 2015 verstorbenen John Trudell ist zu hören, der einer der prominentesten Vorkämpfer für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner war. Er belehrt uns, „dass wir eine Erweiterung dieser wunderschönen Erde sind und noch leistungsfähiger sein könnten, wenn wir alle zusammen halten und an einem Strang ziehen würden“, erklären Nordic Giants. Dieses Motiv von Energie des Individuums, aber mehr noch von der Kraft der Gemeinschaft, findet sich immer wieder und wird besonders gerne in quasi-philosophischer Beweisführung heraufbeschworen.

Dystopia, dessen Sound recht früh kraftvoll wird im Stile des Finales vieler Coldplay-Lieder oder von Sigur Ros, wenn die sich mal so richtig austoben wollen, deutet an, dass Dystopien auch beflügeln und als Schreckgespenst und Mahnung durchaus positiv auf die Gegenwart einwirken können. Taxonomy Of Illusion, der erste Track auf Amplify Human Vibration, fasst die Botschaft des Albums vielleicht am besten zusammen. Auch hier gibt es einen Vortrag, fast eine Predigt, über unsere Kurzsichtigkeit beim Blick auf unsere Kultur. Am Ende steht ein Tipp, wie man sich in die Lage versetzen kann, Bullshit zu erkennen. Damit klingen die Nordic Giants zwar manchmal etwas esoterisch, sind aber letztlich sehr nahe an Kants Aufforderung, uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

So sieht das aus, wenn die Nordic Giants live spielen.

Website der Nordic Giants.

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