Nuhr die Ruhe 1


Nuhr die Ruhe Review Kritik

Im Salzburger Festspielhaus wurde „Nuhr die Ruhe“ aufgezeichnet.

Es gibt ja eine treffliche Diskussion darüber, ob Dieter Nuhr nun Kabarett macht oder Comedy. Nur die Ruhe, im Februar 2011 für eine Fernsehausstrahlung aufgezeichnet und dann auch auf DVD veröffentlicht, legt eine recht eindeutige Antwort nahe: Nuhr ist intelligenter als viele der Clowns, die mit dem „Comedy“-Label vor allem das deutsche Privatfernsehen und dessen Zuschauer heimsuchen. Aber die zentralen Elemente des Kabaretts finden man in diesem Programm nicht.

Der einstige Lehramtsstudent ist kein Hofnarr, der den Mächtigen den Spiegel vorhält. Viel eher macht er seine Witze darüber, dass die Mächtigen auch ganz ohne sein Zutun leicht als lächerlich zu erkennen sind, das Volk sich aber dennoch weitgehend klaglos von ihnen regieren lässt. Nuhr die Ruhe bietet auch nicht die Ventilfunktion, die man dem Kabarett sonst so häufig attestieren kann. Er will nicht aufrütteln, wie das bei so vielen seiner Kollegen ist, denen man Zorn, Frust oder die Sehnsucht nach einer richtigen Revolution anmerkt. Im Gegenteil: Er hat keine Lust auf Hysterie. Er ist nicht im Widerstand gegen das System. Das würde auch etwas seltsam wirken bei einer bis dahin sehr erfolgreichen Karriere und einem durchaus stilvoll inszenierten Auftritt im altehrwürdigen Salzburger Festspielhaus, der hier zu sehen ist. Man merkt Nuhr während seines Auftritts an, wie stolz er darauf ist, dort auf der Bühne stehen zu dürfen. „Was für ein würdevoller Ort der Kultur! Ich war auf einem Klo, das schon Karajan benutzt hat“, schreibt er denn auch in den Liner Notes zur DVD.

Man kann diesen Stolz, ebenso wie das Propagieren von mehr Gelassenheit und den Hinweis darauf, dass es uns bei aller Neigung zum Wehklagen eigentlich ganz gut geht, wohl durchaus als ein konservatives Element interpretieren. Die Entsprechung der Weigerung, alles immer lauter und schneller auf die Spitze zu treiben, in seiner Performance ist (neben Zoten, gelegentlichen Albernheiten und absurden Übersteigerungen, aus denen er auch gerne seine Gags generiert) der auffällige Einsatz von Pausen, Schweigen und dem vermeintlich versonnenen In-Sich-Hineinlächeln, das manchmal wie eine Marotte wirkt.

Dass Dieter Nuhr 2004 – im Gründungsjahr von Facebook – seine erste eigene DVD veröffentlichte, passt wunderbar zu dieser Diagnose und hat seinen Aufstieg in die höchste deutsche Spaßmacher-Liga wohl beflügelt. Wenn es etwas gibt, gegen das er sich am ehesten stellt, dann sind es die Empörungsdynamiken, die vor allem durch die sozialen Netzwerke so erheblich beschleunigt werden. Den Auswirkungen in Form von Hektik, Kulturpessimismus, Panikmache, Jammern oder außer Rand und Band geratener Rhetorik (bei politisch Überkorrekten ebenso wie bei politischen Krawallmachern) stellt er eine ordentliche Portion Fatalismus gegenüber, vor allem aber den vermeintlich gesunden Menschenverstand. Dieses „Man muss das alles nicht mitmachen, früher hat die Welt auch funktioniert, und am Ende sind wir sowieso alle tot“ ist sein Mantra, das sich in den gut 100 Minuten dieses Programms (auf der DVD ergänzt um 23 Minuten mit sehr überflüssigem und unlustigem Bonusmaterial) problemlos auf Politik, Klima, Wirtschaft, Medien oder Zwischenmenschliches übertragen lässt.

Der Appell zu Autonomie, Reflexion und Selbstverantwortung, der darin steckt, ist lobenswert. Zwei Dinge machen den Humor des Mannes, der in den beiden Jahren vor Nuhr die Ruhe jeweils den Deutschen Comedy-Preis als bester Komiker erhalten hatte, aber fragwürdig. Zum einen nimmt die Attitüde von „Das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ den oft durchaus treffenden Analysen von Dieter Nuhr ihr kritisches Potenzial. Er fordert sein Publikum eher zum Innehalten und Erdulden auf als zur Veränderung. Das mag aus einer privilegierten Position heraus funktionieren, leugnet bei Themen wie Klimawandel oder sozialer Ungleichheit aber die Verantwortung für die Betroffenen.

Zum anderen setzt dieser Humor eine Norm und macht alle, die davon abweichen, zur Zielscheibe. Es gibt in Nuhr die Ruhe etliche Witze auf Kosten von Minderheiten: Man sollte lieber nicht alt, weiblich oder religiös sein, wenn man hier nicht in die Schusslinie geraten möchte. Was diese Norm umfasst und was außerhalb davon steht, definiert Dieter Nuhr dabei offensichtlich ganz alleine, mitunter willkürlich. Auch deshalb wirken seine Spitzen manchmal eitel. Dass er echtes Fehlverhalten, politisches Versagen oder empörende Widersprüche dabei oft genauso ins Visier nimmt wie Dinge, die für ihm aus purer Bequemlichkeit einfach nicht passen, ist nicht nur ägerlich, sondern gefährlich. Denn tatsächliche gesellschaftliche Missstände werden dadurch eher marginalisiert als attackiert.


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