Odeville – „Rom“


Künstler Odeville

Odevill Rom Review Kritik

Zwei Jahre lang haben Odeville an „Rom“ gearbeitet.

Album Rom
Label Panda Panda
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Nach dem 11. September 2001 gab es dieses Phänomen: Viele Musiker waren geschockt und hatten das Bedürfnis, ihre Empörung, Angst oder Erschütterung in Liedform zum Ausdruck zu bringen, von Bruce Springsteen über Neil Young bis hin zu den Beastie Boys. Nicht wenige davon dürften diese Idee mittlerweile bereuen, denn die Ergebnisse waren selten sonderlich gut. 9/11 hat gelehrt: In einem Moment existenzieller Betroffenheit ist es vielleicht klüger, etwas Zeit ins Land gehen zu lassen, bis man aus dieser Erfahrung einen Song macht. Erst dann kann man die eigenen Gefühle einordnen, den Kontext erkennen, eine geeignete Form finden.

Vielleicht ist es dieser Effekt, der zum Problem für Rom wird, das heute erscheinende sechste Album von Odeville aus Hamburg. Der Moment der Erschütterung war hier der Tod des Vaters von Sänger Hauke Horeis. Nach dieser Schock-Nachricht hat er viele der schon fertig eingesungenen Texte noch einmal überarbeitet. „Viele der Texte waren einfach zu nett, sie waren letztlich belanglos. Und so fing ich an, Texte für meinen Vater zu schreiben, die aufrichtig und unverblümt sind“, sagt er.

Etlichen Liedern der Platte, die wie der Vorgänger Phoenix mit Produzent Arne Neurand (Donots, Revolverheld) in Hannover aufgenommen wurde, hört man dieses Thema an, allerdings steigert das nur einen Effekt, den man auch jenseits davon auf Rom finden kann: Horeis und seine Mitstreiter David Bergert (Gitarre), Sascha Goothard (Schlagzeug), Tim Sinclair (Bass) und Martin Dörr (Keyboards) fügen reichlich Elemente zusammen, die nicht recht zusammen passen wollen. Sie beweisen eine enorme Bandbreite („Wenn man bei uns genau hinhört, kann man bald in jedem Song andere Inspirationsquellen finden“, sagt Horeis) und haben unverkennbar lobenswerte Überzeugungen, doch was dem Album insgesamt abgeht, ist Charakter.

Odeville werfen Kraftausdrücke und Poesie zusammen, harte Töne und putzige Harmonies, aber so sehr man der 2006 gegründeten Band gelegentlich ihre Ursprünge in Emo, Screamo und Post-Hardcore anhört (als frühe Vorbilder benennen sie beispielsweise Brand New, Tool, Dredg und die Blood Brothers), so sind doch auch Kitsch und Pomp hier nie weit entfernt.

Am deutlichsten wird das in Die Verlangsamung der Zeit, einem der besten Momente von Rom. Der Song wird packend, auch das Bekenntnis „Wir wollen hier keine Herzen, sondern Zähne verlieren“ ist natürlich ein guter Einfall, obgleich die einzelnen Zutaten nicht zusammenzugehören scheinen. Einen ähnlichen Effekt gibt es in Kreisverkehr. „Fick dich ins Knie mit deiner Melancholie“, heißt einer der Slogans darin, danach entwickelt sich ein Sound irgendwo zwischen den Beatsteaks und einer Light-Variante von Kraftklub. „Das ist mein Bullshit-Barometer, das in deinem Rachen steckt“, singt Hauke Horeis darin, und genau dieses Bullshit-Barometer hätte man ihm hier an einigen Stellen dringend gewünscht.

Es hätte vielleicht die missglückten Metaphern von Funkenwalzer verhindern können, das arg pathetische Rom, das schlimme Herr der Gezeiten, das zu einem Offbeat einen völlig kruden Text packt, der auch zu Unheilig passen würde, begleitet von Musik, die zwischendurch mal an PUR denken lässt, mal an die Scorpions, oder Arnim, das zugleich wütend, elegant, hymnisch und verspielt sein möchte – man erkennt schnell, dass es Menschen mit deutlich mehr Talent gebraucht hätte, um all das unter einen Hut zu bringen. Selbstüberschätzung und die etwas penetrante Entschlossenheit, ihre Musik unbedingt auch als Kunst (durchaus auch im Feuilleton-Sinne) zu begreifen, schimmern auch sonst bei Odeville durch.

Auch deshalb gehen selbst die Lieder nicht unter die Haut, in denen Hauke Horeis den Tod seines Vaters thematisiert. Die Perspektive ist dabei fast immer gleich: Er äußert den Wunsch, er hätte einen besseren Abschied nehmen können, etwa in Halb vier, das Verletzlichkeit und Spannung zu vereinen versucht. Auch der Album-Auftakt Königreich hat diese Haltung. „Fick dich Vergessen, fick dich Distanz“, sind die ersten Zeilen, und dann wird klar, dass diese Wut verursacht ist durch den Tod von jemandem geht, mit dem man sich nicht mehr versöhnen konnte (oder wollte). Jetzt ist es zu spät und es entsteht doch so etwas wie Milde und Bedauern. Auch den Rausschmeißer 70000 Meilen kann man sich als Szene am Totenbett vorstellen: Herbeigesehnt wird noch ein bisschen Lebenszeit für die Gelegenheit, sich auszusprechen, Harmonie herzustellen und dann möglicherweise gemeinsam den irdischen Zwängen zu entfliehen.

Am rundesten sind auf Rom (vier von fünf Mitgliedern von Odeville hatten innerhalb der zwei Jahre, die sie an der Platte gearbeitet hatten, übrigens ein Burn Out) deshalb die Lieder, die inhaltlich ganz woanders verortet sind. Bitte ja bitte gleich kritisiert unter anderem mit der Zeile „Ich kann gar nicht so viel kotzen wie die fressen können“ den Turbokapitalismus mit seinem Größer-Schneller-Weiter-Wahn. 8mm wirkt wie ein Souvenir aus einem sehr seligen Badeurlaub, auch Wunderwerk ist wohl eine Erinnerung an Zweisamkeit am Strand, inklusive der schönen Zeile „Wir heben den Moment aus den Angeln der Zeit.“ Per Schwarzfahren mit Hintergrund lässt Horeis offensichtlich eine schlimme Jugend in der Provinz hinter sich und findet dabei geistesverwandte Komplizen, in Gute Nacht bekennt er, ein bockiges, verängstigtes, wütendes Kind gewesen zu sein – und so, wie er hier mit seinen Eindrücken von der Welt umgeht, ist er das vielleicht noch immer.

Im Video zu Bitte ja bitte gleich ist auch die Kopfbedeckung bei den Beatsteaks entlehnt.

Bis zum Advent gibt es einige Konzerte von Odeville.

29.11.2018 – Oldenburg, Amadeus
30.11.2018 – Leer, JUZ
01.12.2018 – Berlin, Privatclub
02.12.2018 – Hannover, LUX
04.12.2018 – Köln, YUCA
20.12.2018 – Hamburg, Knust

Website von Odeville.

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