Olli Schulz, Haus Auensee, Leipzig


Kein Rockstar-Gen: Olli Schulz macht im Haus Auensee trotzdem Spaß.

Kein Rockstar-Gen: Olli Schulz macht im Haus Auensee trotzdem Spaß.

Natürlich weiß Olli Schulz, wie Rock’n’Roll funktioniert. Er hat, wie er an diesem Abend im Haus Auensee erzählt, früher gerne Metal gehört und zudem eine ganze Weile als Roadie gearbeitet. Sein Konzert in Leipzig könnte trotzdem kaum weniger Rock’n’Roll sein: Die Musik ist leise genug, um sich während der Songs unterhalten zu können, an der Getränketheke bilden die Fans eine ordentliche Schlange, die Felle der Trommeln am Schlagzeug sind mit Handtüchern abgedämmt. Statt eines glamourösen Bühnenoutfits trägt Olli Schulz erst eine eher unvorteilhafte Kapuzenjacke und dann ein schlichtes weißes T-Shirt. Alles an diesem Abend macht deutlich: Er kann kein Rock’n’Roll. Und er weiß es.

„Mir fehlt so ein Rockstar-Gen“, sagt er zwischendurch, als er erklärt, warum er im Haus Auensee nicht ein paar klassische Gitarrenposen zeigt. Der Satz ist Teil seiner vielen herrlich mäandernden Ansagen, die auch diesmal wieder – trotz des sehr gelungenen aktuellen Albums Feelings aus der Asche, das vor allem zu Beginn des Konzerts den Großteil der Setlist prägt – oft spannender sind als seine Songs.

Er zitiert Lebensweisheiten seiner Oma, er zeigt peinliche Jugendfotos und erinnert sich an einen legendären Auftritt gemeinsam mit Gisbert zu Knyphausen im Biergarten der „Substanz“ vor ein paar Jahren. Schaut man dabei in die Gesichter seiner fünfköpfigen Band, erkennt man die mimische Entsprechung von „Wie zur Hölle ist er jetzt auf dieses Thema gekommen?“, genau wie im Leipziger Publikum. Fast muss man glauben: Olli Schulz benutzt ein Spezial-Mikrofon, das ihm bei Ansagen nach drei Minuten einen Stromschlag versetzt, als Signal, jetzt mal mit dem Reden aufzuhören und wieder mit dem Singen anzufangen.

Noch ein Gedankenexperiment drängt sich auf: Wenn man kein Deutsch versteht und keine Ahnung davon hat, dass Olli Schulz sich zunehmender Beliebtheit in Fernsehshows erfreut sowie eine enorm erfolgreiche Radiosendung hat, dann dürfte man sich die Augen reiben und fragen, was ein paar Tausend Fans bloß an diesem Typen finden. Die Stimme ist nicht besonders, der Look schon gar nicht, die Musik meist unspektakulär. Man könnte dann nichts von der Faszination Olli Schulz verstehen, die in exakt einer Eigenschaft steckt: leidenschaftliche Unbeholfenheit.

Es ist der Versuch, aufrecht und gütig durchs Leben zu gehen, von dem seine Lieder handeln, ebenso wie vom Scheitern dabei und Wiedervonvornebeginnen, ohne durch das Scheitern ein Arschloch zu werden. Das gilt für So muss es beginnen, das im Haus Auensee natürlich den Auftakt macht, ebenso wie für das wundervolle Phase oder für Ich dachte, du bist es, nach knapp 20 Minuten das erste Lied des Abends, das nicht vom neuen Album stammt (und zugleich das erste ist, bei dem in Leipzig hörbar mitgesungen wird).

Bei Wenn es gut ist kann man die ersten Inseln von Tanzenden im Publikum erkennen, nach knapp anderthalb Stunden fliegt bei Schrecklich schöne Welt das erste Bier in Richtung Bühne (ein Rock’n’Roll-Ritual, das sich der 41-Jährige sofort verbittet). Bei Spielerfrau fallen Luftballons von der Decke, zuvor gab es bereits Konfetti und Luftschlangen. Auch wegen der Zeichnung eines Kaspers, die den Bühnenhintergrund bildet, kann man meinen: Dies ist kein Rockkonzert, sondern ein Kindergeburtstag.

Ein Höhepunkt ist Human Of The Week, in dem dann doch ein bisschen Konzert-typisches Hin und Her mit den Fans praktiziert wird. Olli Schulz besingt darin eine kurze Phase, in der ihn seine beginnende Prominenz zu ersten Allüren und kleinen Anflügen von Arroganz geführt hatte, nachdem das Hamburger Abendblatt ihn zum „Mensch der Woche“ gekürt hatte. Das Lied und die dazugehörige Ansage zeigen, dass man sich auch über sein (früheres) Selbst fremdschämen kann – und längst hat der Hamburger da in Leipzig den Titel als „Mensch des Abends“ sicher in der Tasche. Als erste Zugabe gibt es Halt die Fresse krieg n Kind, den Abschluss der Show macht dann (besonders amüsant am Tag einer partiellen Sonnenfinsternis) Wenn die Sonne wieder scheint.

Das alles ist extrem sympathisch, macht extrem gute Laune und ist ein extrem einzigartiger Mix aus Selbstironie und Authentizität, aus Komischem und unter die Haut gehender (wie Funny van Dannen das einmal genannt hat) Herzscheiße. Nichts ist hier laut, sexy oder gefährlich. Aber das ist Absicht, und damit dann doch wieder cool. Es gibt einen Moment des Konzerts in Leipzig, der das perfekt auf den Punkt bringt: Als Olli Schulz bei Die Ankunft der Marsianer dann doch mal so richtig losrocken will, reißt er versehentlich das Kabel aus seiner Gitarre. „Das ist so typisch Olli Schulz“, stellt er schmunzelnd fest. Das stimmt.

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