Peinlicher Kleinmut


Millionen Fußballfans in Deutschland sind außer sich. Nicht nur, dass wir wohl nicht Weltmeister werden. Wir dürfen noch nicht einmal dabei sein. Die Chancen, im komplizierten Losverfahren eine Eintrittskarte für eines der 64 Spiele bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer zu ergattern, sind denkbar schlecht. Viele bekommen nur Tickets für unattraktive Spiele am anderen Ende der Republik, die meisten Fans gehen komplett leer aus.

Die Empörung, dass nun eine fünfstellige Zahl von Freikarten an Politiker, hohe Beamte und Staatsgäste geht, die sich womöglich nicht einmal für Fußball interessieren, ist deshalb nicht verwunderlich. Dass die Zeitung, die sich gerne als Stimme des Manns auf der Straße versteht, dabei aus vollem Halse mitschreit, auch nicht.

Trotzdem muss man sich fragen, was das Theater soll. Niemand regt sich darüber auf, dass sechs Milliarden Euro aus öffentlichen Kassen für die WM ausgegeben werden. Kein Mensch findet es unangebracht, dass sich Fifa-Boss Sepp Blatter in der Münchner Arena extra einen Sitz genau auf Höhe der Mittellinie einbauen lässt. Und dass ohnehin nur ein Drittel aller Karten in den freien Verkauf geht, während sich Sponsoren, Journalisten und Verbandsvertreter den großen Teil des Kuchens teilen, wird als selbstverständlich akzeptiert.

Doch wenn nun 79 Politiker je zwei Karten umsonst erhalten – selbst im kleinsten WM-Stadion sind das gerade einmal 0,35 Prozent des zur Verfügung stehenden Kontingents – soll das ungerecht sein? Hatte wirklich jemand ernsthaft geglaubt, dass Berlins regierender Bürgermeister, dessen Kommune 46 Millionen Euro für das Olympiastadion ausgegeben hat, nun auch noch eine Eintrittskarte kauft? Der Papst bezahlt auch nicht für seine Polizeieskorte beim Weltjugendtag, und Dr. Motte braucht kein Ticket, um zu einer Love-Parade-Party zu kommen.

Der angebliche Skandal zeugt von erschreckendem Egoismus und peinlichem Kleinmut. Wenn beim erhofften großen Fußballfest nicht einmal die Repräsentanten der Gastgeber mit am Tisch sitzen dürfen, wenn man nicht einmal dem Staatsoberhaupt von Angola seinen Sitzplatz gönnt, der seine Mannschaft begleiten und anfeuern will, wie soll dann bloß „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sein?

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