Prag, Werk 2, Leipzig


Prag in Leipzig. Diese naheliegende und dennoch verwirrende Bildunterschrift musste sein.

Prag in Leipzig. Diese naheliegende und dennoch verwirrende Bildunterschrift musste sein.

Das letzte Mal, als ich so nah an Nora Tschirner dran war, da war sie noch Schauspielerin. So richtig, mit Theater und allem drum und dran. Das Stück hieß Trainspotting, ich saß im Frankfurter Mousonturm und wusste am Ende der Vorstellung nicht, ob die Tatsache, dass Nora Tschirner kein einziges Wort gesprochen, sondern die meiste Zeit als leichtbekleidete Leiche in einem Türrahmen gehangen hatte, nun eine Enttäuschung oder doch eher besonders cool gewesen war.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wie ein Stalker klinge: Damals war es mir ziemlich wichtig, so nah wie möglich an Nora Tschirner dran zu sein. Es war wie bei Victor Hugo: „Das erste Anzeichen wirklicher Liebe ist bei einem jungen Mann Schüchternheit, bei einem jungen Mädchen Kühnheit“, hat der einmal gesagt. Mit anderen Worten: Ich war jung und verzweifelt, sie war schön, schlau und besonders. Sie hatte eine Weile auf MTV geglänzt und dann auch noch in Soloalbum gespielt, wo ich auch ohne diese Tatsache ohnehin immer die männliche Hauptrolle für mich beansprucht hätte.

Inzwischen hat sich meine Begeisterung gelegt. Vor allem in letzter Zeit. Das hat nichts mit Til Schweiger zu tun. Sondern vielmehr damit, dass die öffentlichen Auftritte von Nora Tschirner meiner Meinung nach immer mehr eine Figur und immer weniger eine Person zeigten. Das ist aus ihrer Sicht sehr verständlich: Der Rückzug in die Rolle als ebenso kokettes wie schlagfertiges Fräulein macht den Umgang mit dem medialen Staubsauger ein bisschen einfacher. Man bleibt im Geschäft, ohne allzu viel von sich preiszugeben. Auch wenn das auf Kosten des ungestümen, authentischen Zaubers früherer Zeiten geht.

An diesem Abend in Leipzig steckt Nora Tschirner auch eine ganze Weile in dieser Rolle fest. Sie ist derart schwanger, dass ich plötzlich staune, wie oft die Menschen auf der Bühne während so einer Show im Profil zu sehen sind, und wie ungewohnt es ist, wenn dieses Profil plötzlich eine Kugel in der Mitte zeigt (zuletzt war mir das bei Eddie Argos von Art Brut aufgefallen, und man muss natürlich erwähnen, dass es bei Mademoiselle Tschirner deutlich attraktiver aussieht). Sie übernimmt die meisten Ansagen, aber es dauert, bis diese wirklich charmant wirken. Der Wendepunkt hat mit Eurodance zu tun, doch dazu später.

Zuerst: Die Musik. Jaja, ich habe bis hierhin bereits 363 Wörter geschrieben, ohne eine Silbe über die Band jenseits von Nora zu verlieren. Dabei stehen im Werk 2 zehn Musiker auf der Bühne, sieben davon tragen eine Krawatte. Während eines fünfminütigen Instrumentals kommen die Mitglieder von Prag nach und nach auf die Bühne, Zeit ist dann der erste Song, gleich darauf gibt es mit Sie haben es ja so gewollt ein neues Lied (irgendwo zwischen den Pipettes und Superpunk, was ein ziemlich erstaunlicher Ort ist), danach das umjubelte Sophie Marceau, in dem Nora zu Beginn die größte Mundharmonika der Welt spielt.

Charmant, echt und in den besten Momenten spontan: Prag haben nichts von einem vanity project.

Charmant, echt und in den besten Momenten spontan: Prag haben nichts von einem vanity project.

Es ist der Auftakt zu einem sehr schönen Konzert. Das Werk 2 in Leipzig ist sehr gut gefüllt, doch das ideale Publikum für Prag an diesem (und wohl jedem anderen) Abend wäre nur eine einzige Person: Quentin Tarantino. Fast alle Lieder klingen arschcool, zeitlos und ein wenig flotter als auf dem Album Premiere. Ein Höhepunkt ist Drehbuch, danach gibt es das zauberhafte Bis einer geht und im Anschluss die aktuelle Single Einfach. Die meisten Lieder von Prag klingen Live ein bisschen weniger nach Chanson und Kunstlied, dafür ein bisschen mehr noch opulentem Pop à la Get Well Soon oder wie die Sachen, die Danger Mouse für Rome gebastelt hat. Im Konzert wird erst recht deutlich: Diese Lieder sind genauso gekonnt, aufwendig und vor allem romantisch wie Hollywood.

Passend dazu wird Nora Tschirner gegen Ende des Konzerts wieder zur Schauspielerin. Argumente tausendfach performt sie auf Wunsch des Publikums als Gollum. Wenig später kommt die Zugabe mit Einkauf, dem neuen Song Kein Abschied und Wenn schon Sterben, einer Coverversion von Barbara (demande ton père).

Den entscheidenden Anteil am Gelingen dieses Abends hat aber gerade nicht der Showcharakter, sondern das genaue Gegenteil davon: Prag sind ganz offensichtlich kein vanity project, sondern eine echte Band mit Chemie, Lust und Spaß. Wenn sie mit spürbarer Vorfeude vom nächsten Album sprechen, einigermaßen ungeschickt versuchen, dem Publikum in Leipzig ihre Tourtraditionen zu erklären, oder über die Profilneurosen der Triangel philosophieren (man muss dabei gewesen sein, um das zu verstehen), dann wird diese Erkenntnis unbestreitbar. Am deutlichsten strahlt das Bandgefüge am bereits erwähnten Wendepunkt der Show: Aus einem kurzen Witz von Nora Tschirner wird die Vorstellung der Band anhand von Ace-Of-Base-Kenntnissen (ich sage ja: man muss dabei gewesen sein…). Ein paar Minuten lang regiert da auf der Bühne einfach die Wärme, Spontaneität und Freude am Miteinander. Alles davon ist höchst charmant – und nichts davon ist gespielt.

Prag spielen Vögel live in Leipzig:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.