„Precious“ im Kino und moderner Ablasshandel


Ich komme gerade aus dem Kino. Habe mir „Precious“ angeschaut. Unbedingt sehenswert! Nicht nur weil es in kleinen Rollen eine ungeschminkte (und ziemlich überzeugende) Mariah Carey als Sozialarbeiterin und zudem einen juvenilen (und zimelich putzigen) Lenny Kravitz als Krankenschwester zu sehen gibt.

Es ist ein Film über eine schwarze Familie im Harlem der 1980er Jahre, die so mittellos ist, dass sie sich nicht einmal Träume und Hoffnung leisten kann. Die Oscar-nominierte Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe spielt die 16-jährige Precious, die von ihrer Mutter (die Oscar-prämierte Mo’Nique) permanent drangsaliert und von ihrem Vater regelmäßig vergewaltigt wird. Als sich eine engagierte Lehrerin (Paula Patton) ihrer annimmt, um ihr eine Perspektive zu verschaffen, muss Precious feststellen: „Diese Leute reden wie Fernsehsender, die ich nicht gucke.“ Bedrückend und beeindruckend, irgendwo zwischen „Dangerous Minds“ und „Palindrome“.

Spannend war aber noch etwas anderes, was die Frage aufwarf, ob sozialkritische Filme eine Art moderner Ablasshandel sind: Als ich aus dem Kino kam, stand genau vorm Eingang ein junger Mann, der eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte. Aber niemand (auch ich nicht) hatte Interesse daran. Das war natürlich fiese Realsatire: All die Menschen, die im Kino gerade vor Mitleid mit der Hauptfigur des Films zerflossen waren, wollten nun von Barmherzigkeit nichts mehr wissen. Der junge Mann war eben nicht schwarz, nicht schwanger – und vor allem nicht weit genug weg. Das Gutmenschentum bei den meisten von uns reicht wohl nur, um eine Kinokarte zu kaufen und für fiktive Anteilnahme. Nicht für echte Almosen und reale Hilfe.

Der Trailer zum Film:
httpv://www.youtube.com/watch?v=_h4HNuqu_58

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.