Pudeldame – „Kinder ohne Freunde“


Künstler Pudeldame

Pudeldame Kinder ohne Freunde Review Kritik

Mutig und manchmal auf Distanz sind Pudeldame auf „Kinder ohne Freunde“.

Album Kinder ohne Freunde
Label Bauturm
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Man sagt Pudeln eine ausgeprägte Lebhaftigkeit und eine (für Hunde-Verhältnisse) erstaunliche Intelligenz zu. Beides trifft eindeutig auch auf Jonas Nay (Gesang, Keyboards), David Grabowski (Gitarre, Gesang), Nico Bauckholt (Bass) und Jon Ander Klein (Schlagzeug, Gesang) zu, die als Pudeldame mit Kinder ohne Freunde ihr Debütalbum vorlegen. Bei der Band aus Lübeck kommt noch eine weitere sehr ausgeprägte Eigenschaft hinzu: Selbstvertrauen. Gleich 6 der hier versammelten 14 Stücke haben sie vorab als Singles ausgekoppelt, und so etwas wie ein ästhetisches Manifest haben sie ebenfalls bereits formuliert. „Unser Anspruch an diese Band ist, dass sie die Erwartungen bricht“, sagt David Grabowksi. „Pop bedeutet für uns permanentes Hinterfragen.“

Man kann das für blasiert halten und noch ein bisschen skeptischer werden, wenn man weiß, dass die vier Bandmitglieder allesamt an der Musikhochschule Pop oder Jazz studiert haben, das Rampenlicht auch als Hausband bei Late Night Alter auf ZDFneo und im Falle von Sänger Jonas Nay auch als Schauspieler (er ist Hauptdarsteller der gefeierten Deutschland-Serie) kennen. Die gute Nachricht ist aber: Pudeldame werden diesem Anspruch durchaus gerecht. Kinder ohne Freunde ist leicht und unverkrampft wie man das selten findet im Pop hierzulande, das Quartett (drei davon sind Schulfreunde) setzt viele sehr angenehme und zeitgemäße Sounds ein, wird dabei aber niemals plump. Vieles auf dieser Platte ist clever, innovativ und versiert wie beispielsweise Leoniden, aber ohne deren Willen, alle zu euphorisieren.

„Pudeldame ist dort, wo die Leute seltsame Dinge tun“, sagt Jonas Nay. „Und Pudeldame sorgt dafür, dass Bewegung in die Sache kommt.“ Das bezieht sich sowohl auf den sehr ausgeprägten Groove und Funk in Songs wie dem womöglich Drogen-induzierten Hotelzimmer oder dem bewusst plakativen Schön als auch auf die textliche Ebene. Die Lyrics für Pudeldame schreibt Jonas Nay oft zusammen mit seinem Hamburger Schauspielerkollegen David Schütte und sie verstärken den Effekt, den man auch in der Musik erkennen kann: Alles ist eingängig, bewahrt sich aber auch einen Rest von Distanz. Ein Song wie Herz bricht zeigt das gut, das Stück ist so etwas wie Blue Eyed Soul mit einem löchrigen Schutzschirm aus Ironie. Auch den Album-Auftakt Berlin Midde kann man hier gut als Beispiel nennen. Das Lied kommentiert den Mix aus Posen, oberflächlichen Kontakten, hässlich verkleideter Unsicherheit, schlecht kaschierter Durchschnittlichkeit und noch schlechter kaschierter Bürgerlichkeit, die man in der Hauptstadt so oft finden kann, zu einem Sound, der tropische Elemente ebenso integriert wie House.

Auch Motototo thematisiert die Inszenierung, in diesem Fall den Blick, der sich lieber auf den Körper (und dabei bevorzugt den Hintern) richtet als auf das Gesicht (und damit womöglich auf eine Identität), und der auch genau in diese Richtung gelenkt werden soll. Revolution beschreibt eine leider noch immer aktuelle Interpretation von Männlichkeit und zeigt, was an ihr so empörend ist, dass man sich dagegen auflehnen sollte. 2006 Love feiert das Jahr des Sommermärchens zu einem Sound, der eher wie 1986 klingt. Egalität könnte hingegen der NDW-Ära stammen, zugleich kann man hier Vorbilder erkennen, die durchaus ins Jahr 2006 gepasst hätten, etwa Frittenbude oder Hund am Strand. Sehr clever wird hier gezeigt, wie fahrlässig sich Ignoranz auswirken kann („Ich brauch keine Ahnung / ich hab meine Meinung“) inklusive der impliziten Warnung: Wer nicht informiert ist, wird eben verarscht.

Diva ist erst geheimnisvoll und wird dann zu Prog-Rock, beides passt wohl bei diesem Songtitel, Sécurité lässt die Beziehungsmodelle „Klammern“ und „laissez-faire“ aufeinandertreffen und hat den vielleicht besten Text aller Songs auf Kinder ohne Freunde. Zeilen wie „Du warst für sie da / und sie nur to go“ zeigen das und sind zugleich klug, locker, sensibel und niemals belehrend. Plastik zitiert kurz Aquas Barbie Girl, was schön zur Betrachtung von Oberflächlichkeit (wie sie uns nervt und wie gerne wir uns doch in ihre Bequemlichkeit flüchten) passt, die in diesem Track steckt. Zampano schließt die Platte mit einem Lied aus der Perspektive eines maximalen Arschlochs auf einer Party ab, das am Ende wohl über sich selbst lacht, ohne es zu merken.

Premium ist ein Highlight, denn der Song hat den unmittelbarsten Effekt von allen hier versammelten Liedern und zeigt viele der Stärken von Pudeldame. Das Können an den Instrumenten ist dabei am ehesten vernachlässigbar – viel mehr kann man hier Witz, Abenteuerlust und Eigenständigkeit hervorheben. Die Prognose „Aus diesen Jungs wird nichts“, die man im Titelsong Kinder ohne Freunde finden kann, haben Pudeldame mit diesem Debüt jedenfalls schon widerlegt. „Bei unserer Musik muss etwas mit meinen Muskeln passieren. Es muss eine körperliche Reaktion geben. Wir wollen unserer Hörer*innen nicht betroffen machen, sondern sie in Bewegung bringen“, sagt Jonas Nay. Das funktioniert hier praktisch immer. Für ein ultimatives Pop-Hochfest sind die Lübecker trotzdem ein wenig zu besonders: Für Pop im herkömmlichen Sinne sind ihre Songs oft zu verklausuliert und mitunter auch zu elitär.

Ironie oder nicht? Auch das Video zu Motototo lässt das reizvoll in der Schwebe.

Website von Pudeldame.

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