Querbeat – „Radikal Positiv“


Künstler*in Querbeat

Querbeat Radikal Positiv Kritik Review

Querbeat sind „Radikal Positiv“ – auch zur Selbsterhaltung.

Album Radikal Positiv
Label Moshbeat Records
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Man versteht schnell, warum Querbeat gerne Radikal Positiv sein wollen. Musik zu machen, bereitet ihnen schlicht Spaß (sie wurden 2001 als Schüler-Cover-Band in Bonn gegründet), und ihre Musik zu hören, soll ebenfalls in erster Linie für Entertainment sorgen. Schließlich hat sich das 13-köpfige Kollektiv mit viel Energie und dem vergleichsweise ungewöhnlichen Einsatz von reichlich Blasinstrumenten einen Namen im Kölner Karneval gemacht.

Blöderweise waren die Zeiten zuletzt nicht sonderlich geeignet für bedingungslosen Optimismus. Trump und Klimakatastrophe, neue Rechte und Corona sind einfach nicht passend. Für Querbeat sind diese Randbedingungen nichts weniger als existenzbedrohend. Sie haben während der Pandemie für ihre Fans in privaten Zoom-Calls gleich zwölf Stunden am Stück live gespielt, und sie ahnen wohl sehr genau, dass mit den Möglichkeiten für Frohsinn vielleicht auch die Nachfrage nach ihrem „Brasspop“ und damit nach und nach ihre Karriere verschwinden würde.

Das ist ein bisschen das Problem an dieser selbst produzierten Platte. So sehr der Albumtitel zum Sound von Querbeat passt, so verkrampft wirkt die Beschwörung dieses Mottos hier manchmal. Früher wird alles besser eröffnet die Platte als Optimismus-Schlachtruf irgendwo zwischen Fettes Brot in ihrem Emanuela-Modus, Brachial-Dancehall und Ballermann. Das effektive Woiswaslos lebt von der guten Melodie im Refrain und der Lust auf Party nach Corona, gepaart mit der Erfahrung, dass man mittlerweile auch andere Möglichkeiten für Freizeitgestaltung gefunden hat und nun mitunter nur noch schwer aus dieser bequemeren Routine ausbrechen kann, so sehr man sich auch nach einer Nacht auf der Piste gesehnt haben mag.

Mit Allein, in dem man ein paar Elemente von Kraftklub oder auch Irie Révoltés erkennen kann, zeigt die Band, dass sie die richtige Haltung hat: Obwohl sie im Namen den Wortbestandteil „Quer“ hat und von ihren Fans gerne „Das Q“ genannt wird, was manche bei Telegram womöglich eher mit QAnon verbinden würden, sagt Sänger und Gitarrist Jojo Berger: „Da ist es schon über ein Jahr lang nicht möglich, Konzerte zu spielen (…) und dann kommen auch noch diese Spinner und ziehen diesen schönsten Buchstaben unseres Bandnamens so durch den Dreck! Meilenweit, himmelweit distanzieren wir uns von solchen Leuten. Wir stehen komplett auf der anderen Seite. mit Musik als Message und der Energie als Endboss.“

Fraglos finden sich auf Radikal Positiv auch originelle Ideen. Neu Köln gehört dazu, das im doppelten Sinne viel Lokalkolorit hat: Hier sind unzählige Orte aus Köln in den Text eingebaut, und sehr viele davon sind Lokale. Für Ortsfremde ist das allerdings nicht ganz so reizvoll. Das ambitionierte Kein für immer verzichtet auf einen Beat und setzt dafür auf verfremdete Bläser, was durchaus spannend wird – auch weil der Gesang hier mal Gefühl zulässt. Auch Karacho können Querbeat weiterhin: Bisschen Major Tom ist enorm wuchtig, was zu einem Song passt, der (auch) von der eigenen Gewichtszunahme handelt. In Ich schlaf nicht scheint sich plötzlich eine Schnittmenge aus König Boris und Max Giesinger zu ergeben.

Allerdings ist längst nicht alles erfreulich oder gelungen. Tanqueray will wohl das Ursprüngliche hochleben lassen, bleibt aber wirr. Du und deine Disko (Renate) handelt von dem Laden, in dem man immer wieder landet, obwohl er gar nichts Besonderes zu bieten hat – außer eben der Tatsache, dass er immer schon da war. Das ist eine schöne Idee für einen Song, die Umsetzung hätte aber viel liebevoller und individueller sein müssen. Ja propagiert Party, ohne ans Morgen zu denken, verströmt aber nicht die dafür nötige Ausgelassenheit und Kompromisslosigkeit.

Auch der Album-Abschluss Zu tun ist so ein Moment, in dem man die Attitüde der Platte längst über hat. Das Lied adressiert Menschen, die schon reichlich Alkohol intus haben, einen satten Rhythmus mögen, lieber Hedonismus vorgaukeln als echte Gefühle zulassen und beim Text im Zweifel nicht mehr so genau hinhören. Dieses Manko teilt Mexico City: Der Song ist nicht komplett schlecht, zeigt aber ebenfalls: Radikal Positiv, was auch hier mit wilder Entschlossenheit umgesetzt wird, heißt eben zwangsläufig auch: eindimensional. Wer immer nur die Botschaft „Komm, ich habe Bock, einen drauf zu machen“ verbreitet, ist nicht authentisch. Man hat den Verdacht, dass dieser permanente Wille zu Halligalli und Party etwas überdecken soll – und dass Querbeat womöglich interessantere Musik machen würden, sängen sie über dieses verdrängte „Etwas“ statt über permanenten Spaß.

Im Video zu Woiswaslos machen Querbeat die Tanzmariechen.

Website von Querbeat.

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