Rammstein – „Zeit“


Künstler*in Rammstein

Rammstein Zeit Review Kritik

Das Foto für die Albumhülle hat Bryan Adams geschossen.

Album Zeit
Label Universal
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung

Seit Rammstein vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit dem Debütalbum Herzeleid die Bildfläche betraten, sind diese Fragen tausendfach diskutiert worden: Ist die in Berlin gegründete Band, die von DDR-Punk ebenso geprägt war wie von US-Metal und in Leipzig ihr erstes Konzert spielte, nun gefährlich oder amüsant? Plump oder clever? Empörend oder albern? Totalitär oder ironisch? Sexy oder widerlich? Spätestens, als es mit den Songs von Sehnsucht (1997) und Mutter (2001) internationalen Erfolg und Grammy-Nominierungen gab, war die Debatte auch im Feuilleton angekommen (das SZ-Magazin widmete ihnen 2012 ein ganzes Heft), in der New York Times und in der Musikwissenschaft.

Wenn heute das achte Studioalbum Zeit erscheint, kann man diese Diskussionen ermüdend finden (wie es sich für Sänger Till Lindemann, Keyboarder Flake Lorenz, Schlagzeuger Christoph Schneider, die Gitarristen Paul Landers und Richard Z. Kruspe sowie Bassist Oliver Riedel selbst wohl anfühlen muss). Man kann auch konstatieren, dass mit dem zunehmenden Erfolg von Rammstein auch die Akzeptanz gewachsen ist. Auftrittsverbote, Festnahmen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Zensurdebatten gibt es schon länger nicht mehr für diese Band, die gut 20 Millionen Tonträger verkauft und 2019 mit dem vorherigen Album in 14 Ländern die Spitze der Charts erreicht hat. Zur dazugehörigen Stadiontour kamen weltweit mehr als eine Million Besucher*innen, Weltstars wie Chris Martin, David Lynch und Steven Tyler zählen zu ihren Fans, Bryan Adams hat das Foto fürs Albumcover gemacht.

Bestimmt gibt es noch immer irgendwo Menschen, die Songs wie Dicke Titten (das passend zu seiner notgeilen Attitüde auch mit Blasmusik arbeitet) schockierend finden werden, die Texte wie in der Quasi-Powerballade Meine Tränen (über Missbrauch durch die eigene Mutter) zumindest kontrovers diskutieren wollen und bei Stücken wie Giftig anmerken müssen, dass dies ja bloß ein erschreckend stupider Mix aus Marschmusik und harten Gitarren ist. Sicher wird es zur Single Zick Zack, die mit Zeilen wie „Bauchfett in die Biotonne / der Penis sieht jetzt wieder Sonne“ den Fetisch für Schönheits-OPs ins Visier nimmt, wieder ein ordentlich blutiges Video geben, und vielleicht wird der eine oder andere Dorfpfarrer geschockt sein, wenn ein Mitglied der Gemeinde zu seiner Beerdingung tatsächlich Adieu spielen lassen wird, mit dem das Album endet. Aber alles in allem scheint sich die Welt an Rammstein gewöhnt zu haben.

Friedliche Koexistenz wäre für diese Band allerdings ungefähr das schlimmste denkbare Szenario. Egal, ob sie eine fachistoide Ästhetik reproduzieren, auf Videoclips mit Pornoszenen setzen oder sich mit der Kirche anlegen: Provokation ist sowohl das Lebenselixier für Rammstein als auch der Treibstoff für ihren Erfolg. Wenn es von Mai bis Oktober 2022 wieder auf Stadiontournee durch Europa und Nordamerika geht, will dort niemand eine brave Band sehen, und natürlich steckt darin für Rammstein die Gefahr, den Bogen zu überspannen oder sich in einer Eskalationsspirale totzulaufen.

Das neue Album, wie der Vorgänger von Olsen Involtini produziert, zeigt: Die Zeit spielt für Rammstein. Ihre Lust auf Polarisierung können sie am besten ausleben, wenn die Welt um sie herum gereizt statt tolerant reagiert. Je mehr Tabus und je mehr Leitsätze der Political Correctness es gibt, desto besser für sie, denn dann gibt es mehr, was sie auf bekannt brachiale Weise thematisieren und pulverisieren können. Weil sie dabei immer einen Schutzschirm von Künstlichkeit bewahren, bringen sie sich zudem in die bequeme Position, nie wirklich Stellung beziehen zu müssen. Sie können jede Fraktion vor den Kopf stoßen und müssen zugleich niemandem Rechenschaft ablegen. Rammstein leben von Ambiguität, die sie zugleich stets als Alibi nutzen können.

Zwei Beispiele auf Zeit zeigen das besonders deutlich, und sie spielen mit Themen, die bestens bekannt aus dem Rammstein-Katalog sind, nämlich Rassismus und Körperkult. Die Frage „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ wird in Angst genutzt, um nicht nur kindliche Urängste zu besingen und tief verankerte Fremdenfeindlichkeit. Das Lied zeigt auch, wie diese Angst inszeniert und injiziert wird, um nicht nur einzelne Menschen zu manipulieren, sondern die Gesellschaft. Im zweiten Beispiel steht die Abkürzung OK im Songtitel für „ohne Kondom“, der Liedtext zählt dann zu einem Punk-Riff diverse Redewendungen auf, die man – wenn man den nötigen Pennäler-Humor mitbringen sollte – als sexuell aufgeladen lesen kann wie „jemanden festnageln“ oder „man steckt nicht drin“.

Dieser Fall zeigt auch zugleich, dass die eingangs erwähnte Debatte vielleicht doch noch nicht so erledigt ist, wie es scheinen könnte. Denn aus der Tatsache, dass die Zeit heute eine andere als in der Herzeleid-Ära und auch eine andere als noch 2019 beim unbetitelten Vorgänger ist, erwächst eine Verantwortung – und die elf neuen Lieder lassen Zweifel, ob sich die sechs Musiker dieser veränderten Umstände bewusst sind. Hört man Songs wie die oben benannten, drängt sich natürlich der Verdacht auf, Rammstein hätten der Fraktion „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „Liebe Moralpolizei, reg dich mal nicht so auf“ und „Das wird alles falsch interpretiert und ist in Wirklichkeit ganz harmlos gemeint“ mit den Weg bereitet.

Sie inszenieren sich auch hier wieder als missverstandene Außenseiter, die auf Konventionen scheißen – und es spielt für sie dabei keine Rolle, ob diese Konventionen spießig und überholt sind oder wichtige Grundprinzipien eines respektvollen Zusammenlebens. In Armee der Tristen betrachten sie entweder den Trost, den eine Gemeinschaft solchen traurigen Einzelgängern spenden kann, oder amüsieren sich klammheimlich über Leute, die sich jedes bisschen Spaß und Freude selbst verweigern und dann noch darüber jammern, wie öde ihr Leben ist. In Schwarz stellen sie sich in eine Reihe mit den Menschen der Nacht, mit „Trinkern, Huren und Verschwörern“. In Lügen, dem musikalisch mutigsten Track der Platte, gibt Lindemann in der Strophe wieder den finsteren Märchenonkel, der selbst weiß, dass er über keinerlei Fähigkeit zum bürgerlichen Leben verfügt.

Es ist klar, dass Rammstein längst innerhalb ihrer eigenen Koordinaten funktionieren und dass auch Zeit natürlich Kunst, Inszenierung und eben erneut bewusste Provokation ist. Trotzdem kommt man an ein paar wunden Punkten dieser Musik nicht vorbei in Zeiten, in denen im Ukraine-Krieg diskutiert wird, wer nun die wirklichen Nazis sind, in denen unter dem Vorwand vermeintlich übers Ziel hinausschießender Genderdebatten vielerorts Frauen- und Minderheitenrechte zurückgedrängt werden sollen, und in denen im öffentlichen Diskurs die Verbindlichkeit schwindet von Aussagen und der Bereitschaft, für sie auch Verantwortung zu übernehmen. Gewissheiten schwinden, Risiken steigen, es ist gefährlicher geworden, mit dem Feuer zu spielen. Darf man in diesen Tagen so platt sein? So mehrdeutig bei emotional so stark aufgeladenen Themen? Darf man die Tür so weit offen lassen für das womöglich mutwillige Missverstehen derer, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben möchte? Rammstein hätten kunstlerisch nichts zu verlieren, wenn sie all diese Fragen für sich mit „Nein“ beantwortet hätten. Dass sie das auf Zeit nicht getan haben, macht sie zumindest angreifbar.

Das Video zu Zick Zack ist dann doch nicht so blutig.

Website von Rammstein.

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