Royal Trux – „White Stuff“


Künstler Royal Trux

White Stuff Royal Trux Review Kritik

„White Stuff“ erhält die ersten neuen Lieder von Royal Trux seit 19 Jahren.

Album White Stuff
Label Fat Possum Records
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

„In unserem ‚truxischen Universum‘, das wir uns als Teenager geschaffen haben, hat sich bis heute nichts verändert“, sagen Jennifer Herrema und Neil Hagerty über die Wiedervereinigung von Royal Trux. Die Band legt mit White Stuff das erste neue Studioalbum seit Pound For Pound vor, das im Jahr 2000 erschienen war, kurz bevor sie sich trennten. „Diese Band ist für immer in unseren Leben eingebrannt, ob wir nun ein Paar sind wie früher, oder getrennt leben wie heutzutage. Wir geben für die Band alles, was wir haben. Das ist kein ‚Hobby‘, das sind wir. Wir haben keine Angst, wir bereuen nichts, und wir sind dankbar, dass uns das Universum für unsere eigenwillige Dynamik belohnt.“

Man könnte dieses Zitat als Beleg für eine Versöhnung nehmen, doch das geht wohl zu weit, worauf nicht zuletzt der Hinweis auf die „eigenwillige Dynamik“ hindeutet. Man darf nicht vergessen: Jennifer (Gesang, Moog, Gitarre) und Neil (Gesang, Gitarren) hatten in der Phase, als es Royal Trux nicht gab, so gut wie kein Wort miteinander geredet. Dass sie seit 2015 wieder gemeinsame Konzerte spielen und 2017 auch das Live-Album Platinum Tips + Ice Cream herausbrachten, hat ebenso mit juristischen Gründen zu tun wie mit der wieder erwachten Lust auf gemeinsame Kreativität. Dass das ‚truxische Universum‘ weiterhin kein Ponyhof ist, zeigen auch zwei weitere Indizien: Die einzelnen Tonspuren und Klangelemente für White Stuff haben sich die beiden Musiker per E-Mail geschickt statt zusammen im Studio zu arbeiten, zuletzt schien es so, als würden sie sich mitten in einem Interview wieder auflösen.

Das ist natürlich nicht nur spektakulär und tausendmal spannender als die Professionalität der meisten anderen Bands. Vor allem aber ist es die Quintessenz dieses Duos: Royal Trux standen schon immer für Chaos, auf ihren Platten, in ihren Konzerten und jenseits davon. Das gilt auch auf ihrem elften Studio-Album, wie schon der Titelsong als Auftakt zeigt. In White Stuff wird anscheinend pro Takt ein anderes Jahrzehnt der Rockgeschichte heraufbeschworen, bis man sich halbwegs auf einen etwas prolligen Spät-Achtziger-Hardrock-Sound einigt. “This is the way it’s supposed to be”, singt Neil Hagerty, und das ist ebenso zutreffend wie falsch. Normale Rockmusik macht man natürlich auf keinen Fall auf diese Weise, für Royal-Trux-Songs ist dieses Durcheinander zwischen den urtümlichsten Zutaten von Rock und Lust auf Avantgarde natürlich genau richtig.

Schon seit ihrem Debütalbum 1988 haben sie rund um einen Kern aus Noise-Rock so unterschiedliche Genres wie Weltmusik, Punk, Jazz, Electronica und Southern Rock versammelt. Wie das gut 30 Jahre später klingt, illustriert etwa Purple Audacity #1: Aus dem Spiel mit Klischees wird ein einmaliges, sogar unverwechselbares Ganzes. Every Day Swan scheint Jack White auf Abwege zu schicken, Suburban Junkie Lady klingt, als würden Ween eine Lenny-Kravitz-Persiflage abliefern – ein bisschen befremdlich, aber durchaus cool. Das spinnerte Purple Audacity #2 wird vom Groove getragen, Under Ice könnte ein Hit sein, wäre es nicht so absichtlich widerborstig, das Riff von Whopper Dave würde auch im Classic-Rock-Radio nicht auffallen, Hagerty versucht hier indes am härtesten, sich in Axl Rose zu verwandeln.

„Dieses nächste Kapitel von Royal Trux ist unser Schicksal. Wir haben nicht forciert, dass wir wieder gemeinsam Musik machen, es ist einfach passiert. Wir wollen etwas erschaffen, das nur im Hier und Jetzt gilt und zu keinem Punkt in die Vergangenheit schaut“, sagt Jennifer Herrema. Am deutlichsten lässt Get Used To This diesen Worten auch Taten folgen: Der Track klingt extrem aktuell, bei weitem nicht nur durch den Rap von Kool Keith, und wird zum Höhepunkt der Platte. Auch im direkt folgenden Sic Em Slow findet sich Sprechgesang, diesmal aus dem eigenen Mund, dazu gesellen sich allerdings auch noch Funk, Glam, Sleaze und Psychedelia.

Year Of The Dog ist (trotz der Effekte auf dem Gesang) vergleichsweise straight und wohl der beste Zugang für alle Nachgeborenen, die wissen wollen, was es wohl mit dieser legendären Band auf sich hat. Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Wichtigste am Appeal von Royal Trux ist nicht die Musik, sondern die Attitüde. Bloß über die Songs auf White Stuff neue Fans zu gewinnen oder den eigenen Status zu erneuern, dürfte kaum gelingen. Aber als höchst unkonventionelle Außenseiter, die ein Leben lang die Botschaft „Scheiß drauf“ hochgehalten haben, ist die Rückkehr von Royal Trux natürlich höchst willkommen. Den Grund dafür zeigt Shoes And Tags von allen neuen Liedern am deutlichsten: Das ist extrem eigenständig, und zwar nicht durch den Mix an Einflüssen, sondern durch die Radikalität, mit der sie vermengt werden.

Chaos regiert auch im Video zu White Stuff.

Royal Trux bei Facebook.

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