Ry X – „Unfurl“


Künstler Ry X

Ry X Unfurl Review Kritik

Minimalismus ist das prägende Prinzip für das zweite Album von Ry X.

Album Unfurl
Label Infectious
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

471.000 Menschen pendeln jeden Tag nach Los Angeles, hat der American Community Survey für den Zeitraum von 2006 bis 2010 ermittelt. Fast drei Viertel von ihnen fahren alleine im eigenen Auto. Entsprechend verbreitet und langwierig sind die Staus auf den wichtigsten Einfallstraßen. Im Durchschnitt sind diese Pendler 29,4 Minuten unterwegs, das sind vier Minuten mehr als beim Durchschnitt aller US-Pendler. In Los Angeles gibt hier auch überdurchschnittlich viele Pendler, die länger als eine Stunde bis zur Arbeit fahren.

Man glaubt sofort, dass Ry X, geboren als Ry Cuming in Australien, aber schon seit einer ganzen Weile in L.A. ansässig, keine Lust auf diesen Stress hat. Seine Musik klang schon auf dem 2016er Debütalbum Dawn nach maximaler Entspannung, nach „Kopf frei kriegen“, nach eigenen Prioritäten, bei denen Kategorien wie Effizienz oder Produktivität nicht sehr weit oben angesiedelt sind. Bei den Aufnahmen zu Unfurl wird er deshalb sicherlich besonders die Gelegenheit geschätzt haben, zu den 2,9 Prozent aller Menschen in Los Angeles zu gehören, die zu Fuß zur Arbeit gehen können. Die Platte entstand in einem alten Studio im Osten der Stadt auf analogem Equipment. Ry X genoss den Luxus „barfuß und voller Sand von zuhause direkt in diesen heiligen kleinen Ort zu laufen und dort etwas zu erschaffen“, sagt er.

Die Basis der Songs war auf Tour entstanden, nun ging es darum, sie für die Platte weiterzuentwickeln und die passende Form für den jeweiligen Inhalt zu finden. Das vorgegebene Grundprinzip passt zur altmodischen Technik und zur ursprünglichen Fortbewegungsmethode beim Arbeitsweg: Minimalismus. „Ich bin sehr einfach aufgewachsen, und in diese Welt zieht es mich immer wieder zurück“, sagt Ry X.

Ein Lied wie Bound zeigt das sehr deutlich. Der Song hat, wie etliche Stücke auf Unfurl, eine minimalistische Klavierfigur als Basis, und lässt eine große Sehnsucht nach Ursprünglichkeit erkennen. To Know erzeugt seine klasse Atmosphäre nicht nur durch das Hinzufügen von Elementen, sondern auch durch Hinwegnehmen. Bei YaYaYa zeigt schon der Titel, dass Gesang auf dieser Platte genauso gut für Lautmalerei eingesetzt werden kann wie zum Vermitteln von Inhalten, und dass selbst die Worte um ihre Semantik erleichtert werden können.

Natürlich ist auch Unfurl trotz dieses Ansatzes keine vollständig reduzierte Singer-Songwriter-Platte, auf der lediglich zur Schrammelgitarre gesungen wird. Ein so strenges Konzept würde auch gar nicht zur Arbeitsweise von Ry X passen. „Was mich inspiriert, verändert sich ständig. Ich will diesen Prozess deshalb möglichst offen halten, und es mir erlauben, neue Ideen, Klänge und Instrumentierungen auszuprobieren. Was mir dabei aber stets wichtig bleibt, ist ein Element von Rohheit und Ehrlichkeit in der Arbeit“, umschreibt er sein Credo.

Entsprechend vielfältig klingt sein zweites Album. Das Spektrum reicht vom instrumentalen Streicherstück Body (Ambient), das die Platte eröffnet und kurz vor Ende mit Sun (Ambient) noch ein Gegenstück findet, über das am Ende beinahe tanzbare The Water bis hin zu Foreign Tides, das vergleichsweise muskulös wird durch seinen Beat, vor allem aber durch die zweite Stimme im Refrain. Das Ergebnis könnte einer der beschaulichen Momente von The Police gewesen sein. Mallorca ist nicht nur besser als alles, was am Ballermann erklingt, sondern auch romantischer als die meisten Lieder, die auf Kuschelrock versammelt sind. Der elektronische Beat in Untold scheint eine Unwucht zu haben und lässt erahnen, wie William Fitzsimmons klingen würde, wenn man ihn zu digitalen Experimenten überreden könnte.

In manchen Passagen wird das Ausmaß an Entspanntheit zu groß, dann wünscht man sich beinahe, Ry X hätte auf dem Weg im Studio eben doch mal im Stau gestanden und sei mit einer ordentlichen Wut im Bauch ans Werk gegangen, die dann auch ihren Niederschlag in der Musik gefunden hätte. Bei aller Abwechslung fehlt Unfurl ein wenig Dynamik inmitten des Schönklangs. Einer der wenigen Überraschungsmomente ist Coven. Da steht eine ungewöhnliche Gitarre im Zentrum, deren stoisch-hypnotische Wirkung wird am Ende um reichlich Elektronik angereichert.

Dass solche Momente die Ausnahme bleiben, liegt auch daran, dass Arbeits- und Kompositionsweise hier recht offensichtlich sind, wie beispielsweise Body Sun verdeutlicht: Das Klavier ist der Ausgangspunkt, die Stimme sorgt für die Atmosphäre, die Streicher für die Majestät, der Beat für etwas Spannung. Im Falle von Body Sun kommen dazu ein paar Holzbläser, zudem wird darin das wichtigste textliche Leitmotiv erkennbar, das sich auch im ätherischen Hounds offenbart: Es geht um Grenzen, die durch unsere Körperlichkeit vorgegeben sind, und um die Frage, wie unsere Erfahrung wohl wäre, wäre sie nicht an unseren Körper gebunden. Diese Grundsätzlichkeit steht Ry X gut und verleiht Unfurl zudem die nötige Substanz, wie nicht zuletzt Fumbling Prayer als Schlusspunkt des Albums unterstreicht: Nicht nur Fluffigkeit lässt sich mit seiner Methode erzeugen, sondern auch Schwere.

Reduziert und trotzdem abwechslungsreich ist auch das Video zu Foreign Tides.

Homepage von Ry X.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.