San Fermin – „San Fermin“


Künstler San Fermin

San Fermin Review Kritik

Schlaf ist ein wichtiges Thema auf dem ersten Album von San Fermin.

Album San Fermin
Label Downtown
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Have you found a place / that’s deeper than the corners of your mind / to settle down?“ So lautet die wichtigste Frage in Methuselah ungefähr zur Hälfte dieses Albums. Das Lied ist beschaulich, auch wenn die erwähnte Frage in seinem Verlauf mit zunehmendem Nachdruck gestellt wird. Die Antwort macht San Fermin recht deutlich: Für Ellis Ludwig-Leone, den Kopf hinter diesem Projekt, gibt es eindeutig keinen aufregenderen Platz als all die verwinkelten Stellen in seinem eigenen Geist. Er findet in diesen Ecken sehr viele Ideen und Überraschungen, die er mit einem Mix aus niedlichem Kammerpop, komplexem Rock und zeitgenössischer klassischer Musik nach außen trägt.

Der Mann aus Brooklyn hat Musik in Yale studiert und für Nico Muhly gearbeitet. Die Stücke für dieses Album hat er innerhalb von sechs Wochen geschrieben. Alle Texte und Arrangements standen schon fest, bevor er ins Studio ging, wo sich dann so etwas wie eine Kernbesetzung für San Fermin herausgebildet hat. Neben dem Mastermind gehören zur achtköpfigen Band auch Allen Tate und Rae Cassidy (Gesang), Eliza Bagg und Rebekah Durham (Gesang, Geige), John Brandon (Trompete), Stephen Chen (Saxofon), Tyler McDiarmid (Gitarre) und Mike Hanf (Schlagzeug). Als Sängerinnen sind auf der Platte zudem Jess Wolfe und Holly Laessig (Lucius) zu hören. „Für so viele Musiker zu komponieren, die ich vorher gar nicht kannte, hat dem Schreiben fast eine opernhafte Dimension verliehen“, sagt Ludwig-Leone.

Es verwundert bei diesen Eckdaten nicht, dass San Fermin ein Album-Album geworden ist. Es gibt musikalische Leitmotive ebenso wie thematische (Jugend, Nostalgie, Angst und unerwiderte Liebe). Immer wieder bauen Instrumentalstücke wie Lament For V G mit Streichern und wehmütiger Trompete oder At Sea, das vor allem aus Klavier-Wirrnis zu bestehen scheint, die Brücken zwischen den anderen Liedern. Die Texte beschreiben eher Stimmungen als dass sie Geschichten erzählen würden: „Oh darling, I’ve been so miserable I can’t describe“, heißt es in Oh Darling zu einer entsprechend feinfühligen Atmosphäre, ein Chor von Frauenstimmen singt in In Waiting immer wieder „I am waiting“, begleitet von Streichern, die anscheinend gerade zur Besinnung kommen.

Nicht nur in der Instrumentierung bietet San Fermin dabei eine erstaunlich große Klangpalette. Crueler Kind profitiert von einem prominenten Saxofon und beträchtlichem Groove. Torero könnte man sich von Calexico vorstellen, der Track enthält zudem einen Hinweis auf den Albumtitel („I hear them call my name / please take me to San Fermin“, heißt eine Zeile) und scheint als einzige Gewissheit die Tatsache „I’m young“ anzuerkennen. Bar beginnt mit schicken Bläsern, dann setzt ein sehr einfaches und umso wirkungsvolleres Klavier ein, bevor es wieder Opulenz gibt. Nicht nur wegen des Chorgesangs erscheinen Arcade Fire da als passende Referenz, auch deren Landsleute von Stars kann man hier nennen.

Sonsick erzählt zu einem angedeuteten HipHop-Beat davon, wie aus einer Begegnung, die sich auf verlockende Weise gefährlich anfühlt, die Vision einer trauten gemeinsamen Zukunft wird. „Es ist wie eine Panikattacke, die sich als Geburtstagsfeier verkleidet hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die intensivsten Momente oft solche sind, in denen zwei widerstreitende emotionale Welten in deinem Innern nebeneinander existieren, und zwar gleichzeitig und gleichberechtigt“, beschreibt Ludwig-Leone das Gefühl, dem er mit diesem Stück treffend Ausdruck verleiht. Ähnlich komplex wird Daedalus What We Lost: Melodieführung, Takt und Arrangement sind sehr ungewöhnlich, trotzdem hat das Lied einen durchaus unmittelbaren Appeal. Dieses Einnehmende entsteht durch die schiere Klasse der Komposition, aber auch durch die Emotionalität, die in diesem Bekenntnis über schwierige Kämpfe und in der schmerzhaften Mahnung an die Vergänglichkeit aller Dinge steckt.

Immer wieder ist Schlaf dabei ein wichtiges Motiv, auch gleich im ersten Lied des Albums. Rennaissance klingt sofort bedeutend, schon bevor die üppigen Streicher und der aufgewühlte Chor hinzukommen. Zwischendurch befindet sich der Erzähler auf der Bühne in einem Theater, das erscheint sehr passend für diesen Klang, der so weit weg vom drögen Alltag zu sein scheint. Das „Please don’t wake me up“, das zur zentralen Textzeile wird, macht zudem deutlich, dass auch der Traum als natürliche Umgebung für San Fermin gut vorstellbar wäre. The Count stellt später zu etwas elektronischen Sounds die Feststellung „I can’t fall asleep in your arms“ in den Mittelpunkt. Im beinahe instrumentalen True Love Asleep scheinen Cello und Glockenspiel gegen eine elektronische Attacke zu kämpfen, und eine einsame Stimme im Hintergrund bereits ihre Niederlage zu beweinen. „Tell me a story and I’ll put myself to sleep“, lautet das Versprechen in Casanova, das kein bisschen draufgängerisch klingt, aber trotzdem verführerisch.

Immer wieder kann man hören, wie viel Spaß die Beteiligten am Gesang haben, zugleich räumt Ludwig-Leone den Instrumenten immer genug Platz ein, um sie ebenfalls glänzen zu lassen. Diese Entschlossenheit, den Beweis kompositorischer Meisterschaft anzutreten und dabei dennoch eine stimmige Atmosphäre für jedes der Stücke und auch für das Album als Ganzes zu finden, angereichert um genug Melodien, Textzeilen oder Momente beträchtlicher Schönheit, um auch für den nicht akademisch interessierten Hörer genug Anknüpfungspunkte zu bieten, ist der größte Pluspunkt bei San Fermin.

Im Baumhaus spielt das Video zu Sonsick.

Website von San Fermin.

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