Schande


Film Schande

Schande Disgrace Filmkritik Rezension

David Lury (John Malkovich) drängt sich seiner Studentin Melanie (Antoinette Engel) auf.

Produktionsland Australien, Südafrika
Jahr 2008
Spielzeit 120 Minuten
Regie Steve Jacobs
Hauptdarsteller John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Antoinette Engel
Bewertung

Worum geht’s?

An der Uni in Kapstadt arbeitet David Lury als Literaturprofessor. Er gefällt sich als Freigeist auf den Spuren von Lord Byron. Das gilt, seit er geschieden ist, auch für sein Liebesleben. So stellt er seiner Studentin Melanie nach und beginnt eine Affäre mit ihr. Sie hat zwar offenkundig kein Vergnügen daran, wehrt sich aber auch nicht gegen die Avancen des Professors, bis ihre Eltern von der Geschichte erfahren und Lury sich vor seinen Vorgesetzten rechtfertigen soll. Er hat darauf keine Lust und schmeißt den Job stattdessen hin. Um Abstand zu gewinnen, besucht er seine erwachsene Tochter Lucy, die ganz alleine auf einer Farm lebt, seit sie von ihrer Freundin verlassen wurde. Er versucht, sich nützlich zu machen und tatsächlich nähern sich Vater und Tochter wieder an, bis ein Überfall auf die Farm am hellichten Tag alles verändert: Drei junge Schwarze rauben das Haus aus und zünden David bei lebendigem Leibe an, Lucy wird vergewaltigt. David will die Täter, die offensichtlich unmittelbar in der Nachbarschaft leben, zur Rechenschaft ziehen. Doch Lucy sieht wenig Sinn darin – und keiner von beiden weiß, wie er mit dem Trauma umgehen soll.

Das sagt shitesite:

Schon vor knapp zehn Jahren, als Schande seine Premiere auf dem Toronto International Film Festival feierte (und dort den International Critics Award gewann), war dies ein wichtiger Film. Die Geschichte, basierend auf einer Romanvorlage von J.M. Coetzee, nimmt rund um die Kernthemen Vergeltung und Erniedrigung viele gesellschaftliche Konflikte in Südafrika in den Blick. David Lury steht stellvertretend für eine Kaste und Generation, die den Kontakt zu den Entwicklungen im Land verloren hat. Er ist ein eitler Snob, gedanklich in der Welt des 19. Jahrhunderts schwelgend. Die Lebensführung seiner lesbischen Tochter, die als Selbstversorgerin sehr spartanisch auf dem Land lebt, versteht er ebenso wenig wie die Situation der von Gewalt umgebenen jungen Schwarzen im Land.

In Zeiten von #MeToo hat Schande noch einmal an Bedeutung gewonnen, denn Regisseur Steve Jacobs stellt hier sehr eindringlich die Frage nach unserer Interpretation von Männlichkeit und den Auswirkungen, die sie auf Gleichberechtigung und die Gesellschaft insgesamt hat. Das Maskuline (das gilt für den Literaturprofessor ebenso wie für die kriminellen Teenager) steht hier für Trieb, damit für Gewalt und damit für sehr nichts weniger als einen großen Teil der Probleme der Welt. Clever wird das, weil sich dieses Kräfteverhältnis nicht nur in der Beziehung des alternden Casanovas und der hilflosen Studentin äußert, sondern im Verlauf des Films verstärkt auch in der Beziehung zwischen Vater und Tochter deutlich wird. Beide scheinen nicht sonderlich viel vom Leben zu erwarten, doch sie nehmen dabei sehr unterschiedliche Perspektiven ein: Er ist ein stolzer Hedonist, sie ist bereit, sich zu bescheiden und zu vergeben. Schande gibt dabei mehr als einen indirekten Hinweis darauf, welche Strategie die sozial erfolgreichere ist, denn Lucy wird zur heimlichen Heldin dieser Geschichte.

Der Film zeichnet diese Entwicklung in einer eigentümlich nüchternen Atmosphäre nach, die das Geschehen umso wirkungsvoller macht. Nicht zuletzt stellt Schande damit auch die ganz grundsätzliche Frage nach unserer Natur, erneut vor allem am Beispiel von David Lury. Er verweigert sich zunächst demonstrativ allen konventionellen Moralvorstellungen, will sich keine Gewissensbisse erlauben und selbst als Angeklagter keine Reue zeigen. Doch als er selbst und seine Tochter zum Opfer werden, besteht er plötzlich doch auf Moral, auf Gerechtigkeit und Anstand. Vielleicht kann man das als Hoffnungsschimmer interpretieren: In uns stecken nicht nur Trieb, Begierde und Überlebenswillen, nicht nur das Tierische und Böse. Sondern auch Mitgefühl – selbst wenn es bei manchen erst eine Tragödie braucht, um es zum Leben zu erwecken.

Bestes Zitat:

„Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als klug zu sein.“

Der Trailer zum Film.

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