Durchgelesen: Jonathan Safran Foer – „Extrem laut und unglaublich nah“ 1


„Extrem laut und unglaublich nah“. Und groß. Und erhebend.

Autor Jonathan Safran Foer
Titel Extrem laut und unglaublich nah
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung *****

Schon wieder ein Geständnis: Das hoch gelobte „Alles ist erleuchtet“ habe ich ignoriert, weil alles, was so hoch gelobt wird, den kritischen Geist eher skeptisch als neugierig macht. Doch dies war ein Fehler. Ein Fehler, den es schleunigst auszulöschen gilt.

Allerdings auch ein Fehler, der sein Gutes hatte. Denn dank der Unkenntnis des Debütromans von Jonathan Safran Foer wird die Lektüre des Nachfolgers wohl zu einem noch größeren, erhebenderen, augenöffnenden Ereignis.

Was der Mann, Jahrgang 1977, hier mit Sprache, Erzählstrukturen und Typographie anstellt, verdient nur ein Wort: Meisterwerk. Dass er sich mit diesen Mitteln auch noch eines Themas annimmt, das denkbar gefährlich ist, weil es schon weitaus gestandenere Autoren zu vorschnellen Schuldzuweisungen, unerträglicher Gefühlsduselei oder unreflektiertem Patriotismus verführt hat, ist noch erstaunlicher.

Doch gerade, weil es hier um einen Jungen geht, der bei den Anschlägen des 11. September seinen Vater verloren hat, wird „Extrem laut und unglaublich nah“ ein nicht nur sehr guter, sondern epochaler Roman. Hier steckt so viel Wissen und Weisheit, so viel Gutes und Güte drin, dass es kaum zu fassen ist.

Eine überbordende, kindliche Phantasie, die sich in ebenso zahllosen wie einleuchtenden Bildern spiegelt (nur eines von tausend Beispielen: „Ich war erstaunt über meine Ehrlichkeit, sie wanderte durch meinen Arm nach unten und kam zum Stift heraus“), wird gepaart mit den omipräsenten Fragen nach den großen Themen unserer Zeit. Internet, Reizüberflutung, Wertewandel: All das stellt Foer zur Debatte, ohne es jemals auszuformulieren. Und durch den geschickten Kunstgriff, mehrere Generationen der Familie des kleinen Oskar einzubeziehen, tappt er auch nie in die Betroffenheitsfalle, sondern stellt mit seinen unfassbar eindringlichen Schilderung der Bombennacht von Dresden auch die Frage: Was ist Terror?

Dieses Buch ist schlau und wichtig ohne Maß. Doch in erster Linie ist es noch etwas anderes: rührend. Es ist eine Liebeserklärung an New York, an das ganze Leben. Gerade, weil hier der Tod, die Bedrohung, die Sterblichkeit über allem schweben (gipfelnd in dem famosen Satz „Am meisten bedaure ich, so fest an die Zukunft geglaubt zu haben.“), wird der Moment, die Fantasie, das Glück umso wertvoller. Eine Erkenntnis, die so schön ist, dass man das Bedürfnis verspürt, dem Autor persönlich dafür danken zu müssen. Und sei es nur, indem man jetzt endlich auch „Alles ist erleuchtet“ kauft.

Beste Stelle: „Ich denke und denke und denke, ich habe mich eine Million Mal aus dem Glück hinausgedacht, aber nicht einmal hinein.“


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