Schultze gets the blues


Film Schultze gets the blues

Schultze gets the blues Review Kritik

Schultze (Horst Krause) hat eine Reise in die USA gewonnen.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2003
Spielzeit 107 Minuten
Regie Michael Schorr
Hauptdarsteller Horst Krause, Harald Warmbrunn, Karl-Fred Müller
Bewertung

Worum geht’s?

Schultze hat als Bergmann im Kalibergbau im südlichen Sachsen-Anhalt gearbeitet, jetzt muss er in den Vorruhestand. Umso mehr Zeit hat er für sein Akkordeon, mit dem er eine kleine lokale Berühmtheit ist. Demnächst soll er beim Stadtjubiläum auftreten, dabei wird auch eine Reise in die amerikanische Partnerstadt verlost. Der mögliche Trip nach Texas erscheint Schultze seit Kurzem noch ein wenig reizvoller, denn im Radio hat er eine Musik entdeckt, die es ihm mächtig angetan hat und aus den amerikanischen Südstaaten kommt: Zydeco und Cajun. Er spielt sogar mit dem Gedanken, ein paar solcher Stücke beim Stadtfest zu spielen statt der traditionellen Polka. Nicht nur das zeigt, wie sehr er sich in seinem Leben nach Abwechslung sehnt.

Das sagt shitesite:

In den ersten 22 Sekunden dieses Filmes ist ein Windrad zu sehen, das sich einsam in einer unspektakulären Landschaft dreht. Dann kommt Schultze (dessen Namen wir da noch nicht kennen und dessen Vornamen wir bis zum Ende des Films nicht erfahren werden) gemächlich ins Bild geradelt. Zwei wichtige Eigenschaften von Schultze gets the blues werden in dieser ersten Einstellung bereits klar. Erstens: Als Schauplatz wurde hier ein Ort gewählt, an dem praktisch nichts passiert (und wenn, dann sehr langsam). Zweitens: Die Besonderheiten dieser Region nimmt Regisseur Michael Schorr in seinem ersten Spielfilm, der oft einen eher dokumentarischen Charakter hat, sehr ernst. Die Ereignislosigkeit ist dabei ein prägendes Element. Die Menschen sind spröde und übellaunig, man schimpft gerne und schweigt noch lieber. Langeweile herrscht hier für Schultze und seinen überschaubaren Freundes- und Bekanntenkreis auch längst schon, bevor sie in die unfreiwillige Rente verabschiedet werden. Als „Porträt einer Lebenslethargie“ hat der Spiegel dieses Werk deshalb treffend bezeichnet.

Gerade im Abstand von 15 Jahren wird in Schultze gets the blues aber noch mehr deutlich. Was sich hier rund um das Örtchen Teutschenthal abspielt, nennt man Strukturwandel. Die Menschen sind stolz auf ihre Traditionen (wie die Polka zum Stadtfest) und klammern sich umso mehr an sie, je mehr diese zu verschwinden drohen. Dieses konservative Element könnte man als typisch deutsch betrachten, die Salzkristall-Lampe, die Schultze zum Abschied aus dem Arbeitsleben geschenkt bekommt, könnte im Schwarzwald eine Kuckucksuhr, im Ruhrpott ein Miniatur-Hochofen  oder an der Küste ein Andenken an die Werft sein. Das Motto von „Das haben wir schon immer so gemacht“ wird in vielen Regionen der Bundesrepublik weiterhin gelebt. Auch der Versuch, aus diesem provinziellen Mief auszubrechen, ist wohl ein universelles Phänomen. Hier wird er deutlich durch kleine Träume von der großen Welt, die nicht nur Schultze mit seinem plötzlich erweiterten musikalischen Horizont offenbart, sondern auffällig viele Figuren: Es gibt beispielsweise einen Arzt als verhinderten Opernsänger, eine Kellnerin als Möchtegern-Flamenco-Tänzerin oder eine rüstige Rentnerin als Stammgast in der Spielbank.

Zugleich werden in Schultze gets the blues aber auch ostdeutsche Spezifika deutlich, die nicht als Analyse für den Aufstieg der AfD taugen (und natürlich auch nicht so gemeint sind), aber all jenen wertvolles Material liefern, die verstehen wollen, wie die Menschen in diesen Landstrichen ticken. Die plötzliche Leere nach dem Arbeitsleben wird hier noch viel bedrückender empfunden, weil einerseits die Erwerbstätigkeit im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat DDR der Lebensbereich war, in dem man nicht nur soziales Prestige gewinnen konnte, sondern mit dem das gesamte soziale Netzwerk verbunden war, von medizinischer Versorgung und Kinderbetreuung über Nachbarn und Freunde, die oft genug im selben Betrieb tätig waren. Andererseits tritt diese Leere durch das im Osten sehr häufig zum Beschäftigungsabbau genutzte Instrument des Vorruhestands in einer Lebensphase ein, in der die Menschen sich selbst längst noch nicht als reif für den Ruhestand betrachten. Das Ergebnis ist in vielen Fällen ein dramatisch gesunkenes Gefühl von Autonomie und Selbstwert.

Auch der Strukturwandel ist hier in besonders intensiver Weise ausgeprägt. Zum Verschwinden einer Industrietradition (hier: Kalibergbau) kommen Abwanderung und schwache Infrastruktur hinzu. Nicht zuletzt eine Enttäuschung, die aus dem uneingelösten Versprechen entsteht, für das hier die Szene vor dem Reisebüro steht: Als Schultze sich gerade den Traum von der Reise in die USA erfüllen will und durch ein paar Nebenjobs das nötige Geld zusammengespart hat, wird just in diesem Moment das Preisschild für die Reisebuchung überklebt und zeigt nun den doppelten Betrag an. Aus dem naiven „Dir wird die ganze Welt offen stehen“, das mit der Euphorie von friedlicher Revolution und Wiedervereinigung verbunden war, ist längst für viele Menschen die Erkenntnis geworden, dass dieser Satz durch ein „wenn du dir das leisten kannst“ eingeschränkt wird. Schultze gets the blues zeigt sehr einfühlsam, dass durch solche schmerzhaften Lernprozesse die Frustration von Menschen immer größer werden kann – ihre Träume aber nicht kleiner werden.

Bestes Zitat:

„Mach’n Balken oof!“

Der Trailer zum Film.

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