Durchgelesen: John Updike – „Landleben“ 2


„Landleben“ kreist um die Lasten (und Laster) des Alters.

Autor John Updike
Titel Landleben
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Am 18. März wird John Updike 74 Jahre alt. Auf den ersten Blick könnte man seinen neuen Roman „Landleben“ für eine verkappte Autobiographie halten. Schließlich ist der Protagonist auch schon längst in dem Alter, in dem selbst Franz Müntefering den Rentenbezug erlaubt. Schließlich schildert er die Lasten (und Laster) des Alters, die Freuden und Frustmomente des Ruhestands. Und schließlich blickt er vor allem zurück.

Doch nichts da. „Landleben“ begleitet zwar den Computerpionier Owen Mackenzie durch sein gesamtes Leben. Aber in ihm das Alter Ego des Pulitzerpreisträgers („Hasenherz“, „Die Hexen von Eastwick“) zu sehen, griffe viel zu kurz.

Stattdessen geht es in dieser Geschichte fast immer um: Sex. Dieses Geheimnis, zugleich anziehend und abstoßend, begegnet dem kleinen Owen in Form eines Graffitis – und lässt ihn nie mehr los. So wird hier fleißig durch die Seiten kopuliert: im Auto und im Freien, als frisch Vermählter und als Ehebrecher, auf Dienstreisen und Schreibtischen.

Dabei bleibt die zentrale Figur erstaunlich leidenschaftslos, und schnell wird klar: Es sind nicht Trieb oder Langeweile, die hier zum Motor mutieren. Der Informatiker Owen Mackenzie nähert sich dem Thema eher wissenschaftlich, er sucht eigentlich bloß die Lösung zur Formel „Mann+Frau“. Irgendwann kommt ihm in den Sinn, „dass manche Frauen Sex machten, weil sie genau das gut konnten, so wie er gut Programme für gehaltsabrechnungen und Rentenpläne schreiben konnte. Sie waren dazu programmiert, es war nichts Geheimnisvolles daran. Warum hatte er je geglaubt, dass es ein Geheimnis gebe?“ Entsprechend nüchtern sind auch die Sexszenen von „Landleben“, selten erotisch oder gar explizit.

Es ging dem Altmeister auch gar nicht so sehr um Leidenschaft oder gar einen netten kleinen Skandal. Das macht das zweite dominierende Thema deutlich: die Kleinstadt. „In den Jahren, in denen Owen in Middle Falls gelebt hatte, war die Stadt für ihn durch die Lage der Häuser von Frauen, an denen er interessiert war, kartographiert. In dem einen Haus wohnte eine Frau, mit der er geschlafen hatte, in einem anderen wohnte eine Frau, von der er sich in seinen Phantasien vorstellte, dass er mit ihr schlief, und die Häuser dazwischen waren weiße, unbewohnte, leere Stellen, so wie sie Gegenden im Inneren Afrikas, in Arabia Deserta und in der Südsee auf Karten verzeichnet waren. Wenn Owen durch Middle Falls fuhr oder ging, hatte er das glückliche Gefühl, sich orientieren zu können, das Gefühl, dass seine Position irgendwie kartographisch verzeichnet war, dass es etwas gab, wo er hingehörte. Immer seltener gab es in Amerika Orte, wo man hingehörte, immer öfter war es ein Irgendwo, eines nach dem anderen, an nummerierten Highways aufgereiht. Auch die, die am Highway wohnen, wissen nicht immer seine Nummer.“

Beginnend in den 1930er Jahren und bis in die Zweit nach 9/11 reichend, erlebt Owen in diesem Mikrokosmos seine erotischen Eskapaden, heimlich gelockt oder skeptisch beäugt von den Nachbarn.

Updike gelingt es wunderbar, die ewigen Gesetze dieses Miteinanders aufzuspüren. Und so ist „Landleben“ etwas, das es in einem Land ohne Kultur und ohne Geschichte eigentlich gar nicht geben kann: eine amerikanische Kulturgeschichte.

Beste Stelle: „Es gibt, so hat Owen es sich zurechtgelegt, zwei beweiskräftige Argumente für die Wahrheiten der christlichen Religion: erstens unser Wunsch, ewig zu leben, wie ermüdend die tatsächliche Erfahrung ewigen Bewusstseins auch sein mag, und zweitens unser Gefühl, dass etwas nicht stimmt – dass es in der Welt einen Fehler, ein Versäumnis gegeben hat und die Dinge nicht ganz so sind, wie sie sein sollten. Wir haben das Gefühl, für eine bessere Welt gemacht zu sein, und es ist unser Fehler, dass dies nicht das Paradies ist.“


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