Simon Beckett – „Die Chemie des Todes“


Autor*in Simon Beckett

Simon Beckett Die Chemie des Todes Review Rezension

„Die Chemie des Todes“ ist Auftakt einer Reihe um David Hunter.

Titel Die Chemie des Todes
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung

Als „die Wiedergeburt des Thrillers“ wurde das Debüt von Simon Beckett vermarktet. In der Tat erreichte Die Chemie des Todes dann auch Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und verkaufte weltweit mehr als 1 Million Exemplare. Mit etwas Abstand lässt sich sagen: Das lag wohl mindestens so sehr an der Marketingkampagne wie an der Qualität dieses Thrillers, der gut gemacht, aber nicht herausragend ist.

Der Ich-Erzähler ist David Hunter, Mitte 30, forensicher Anthropologe. Nach einem Schicksalsschlag, dessen Hintergründe zunächst unklar bleiben, hat er in London all seinen Besitz verkauft und alle Verbindungen abgebrochen, um eine Vertretungsstelle als Arzt auf dem Land anzunehmen. „Ich war vor einem Ort und vor Menschen geflohen, deren Nähe mir nun zu schmerzhaft war“, heißt es zu Beginn, und im Dorf Manham in der Grafschaft Norfolk hofft Hunter, neu anfangen zu können: „Umgeben von Wäldern, Sümpfen und schlecht entwässertem Marschland war das Dorf in jeder Hinsicht tiefste Provinz. Abgesehen von gelegentlichen Hobby-Ornithologen blieb es sich selbst überlassen und versank wie ein asozialer alter Mann immer tiefer in seiner Isolation.“

Die erhoffte Ruhe wird gestört, als in der Nähe die Leiche einer Frau gefunden wird. Sie ist so stark verwest, dass sie zunächst nicht identifiziert werden kann, auch zum Täter gibt es keinerlei Spur. Inspektor Mackenzie, der die Ermittlungen vor Ort leitet, bittet Hunter um Hilfe, als er von dessen beruflichem Hintergrund erfährt: Der vermeintliche Dorfarzt war viele Jahre lang ein berühmter Rechtsmediziner, der in Krisenregionen im Einsatz war, wo er Massengräber besichtigte, ein Speziallabor des FBI besucht hat und die englische Polizei in wichtigen Fällen beraten hat. Hunters Spezialgebiet ist Die Chemie des Todes, also das Begutachten von Leichen, wobei er beispielsweise aus Würmern und Fliegen an den toten Körpern wertvolle Rückschlüsse auf die Todesumstände ziehen kann. Genau das ist gefragt bei der seltsam drapierten Leiche, der Schwanenflügel in die Schulterblätter gesteckt wurden. Doch Hunter hat mit seinem alten Job abgeschlossen und verweigert zunächst die Zusammenarbeit. Erst als ihm klar wird, dass er sich dadurch womöglich verdächtig macht, willigt er ein.

Recht schnell kann er die tote Frau als Sally Palmer identifizieren, eine Bewohnerin von Manham. Nach und nach kommt er bei der Arbeit am Tatort und im Labor auch wieder auf den Geschmack. „Was mit dem menschlichen Körper geschah, nachdem das Leben aus ihm gewichen war, war kein großes Geheimnis für mich. Ich war vertraut mit jeder Form der Verwesung und konnte ihr Fortschreiten abhängig vom Wetter, dem Boden und der Jahreszeit bestimmen. Grauenhaft, ja, aber notwendig. Und aus der Bestimmung des Wann, Wie und Wer zog ich die Befriedigung eines Zauberers.“

Als es weitere Opfer gibt, hat David Hunter mehr als genug zu tun, zugleich geht im Dorf die Angst um. „Eine solche Sache holt das Schlimmste aus jedem heraus. Manham ist ein kleiner Ort. Und kleine Orte erzeugen kleine Geister“, muss der Arzt erfahren, und als Nicht-Einheimischer richten sich Skepsis und Argwohn auch gegen ihn selbst. Der Täter erschwert indes geschickt die Ermittlungsarbeiten, zugleich beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, weil klar wird, dass er seine Opfer stets erst mehrere Tage gefangen hält und foltert – für die verschwundenen Frauen besteht also vielleicht noch die Chance auf Rettung.

Die Handlung ist damit recht konventionell, Simon Beckett versteht es aber geschickt, seinem Buch und seiner Hauptfigur einen eigenen Charakter zu geben, schließlich soll David Hunter, der schlecht träumt und schlafwandelt, ein paar Geheimnisse aus seiner Vergangenheit für sich behält und sich natürlich auch in die hübsche Dorflehrerin Jenny verliebt, als Zugpferd für eine ganze Romanserie aufgebaut werden. Dass Die Chemie des Todes nicht mit einem Knalleffekt beginnt, sondern sich bei der Vorstellung des Ich-Erzählers und der Hinwendung zur Mordserie viel Zeit lässt, ist einer der Stärken des Buchs, ebenso die Tatsache, dass Hunter keineswegs den Helden oder Retter spielen will, sondern zum Ermittler wider Willen wird. Auch dessen Profession ist natürlich reizvoll: Der Tod klingt für uns alle nach dem Ende aller Dinge, aber seine Arbeit fängt eben damit erst an.

Auch die Dynamiken der Hexenjagd, die in Manham losbricht, als klar wird, dass der Täter aus dem Dorf kommen muss und bis zu seiner Ergreifung alle Frauen des Ortes in Lebensgefahr sind, zeichnet er gekonnt, auch wenn er dabei in seinen moralischen Urteilen („Abgesehen von den Gräueltaten, die sie begangen haben, ist das Erschreckendste an unseren Ungeheuern des wirklichen Lebens, wie normal sie erscheinen.“) etwas zu explizit und plump wird. Ebenso ist die Figur des Pfarrers Scarsdale, der sich als oberster Moralhüter des Dorfs zur treibenden Kraft der Empörungswelle aufspielt, eher eine Karikatur und bei weitem nicht so lebendig wie andere Protagonisten des Romans.

Eine Schwäche von Die Chemie des Todes ist auch, dass sich bei aufmerksamer Lektüre recht früh etliche Hinweise auf den Täter finden. Dass dieser außerdem über weite Strecken des Buches strategisch perfekt vorgeht, um sich und seine Motive am Ende dann doch völlig ohne Not zu offenbaren, ist indes wenig glaubhaft. Insgesamt liefert Simon Beckett aber einen gelungenen Thriller, indem er die Formel „CSI meets Der Landarzt“ mit ein paar naturwissenschaftlichen Schmankerln und grundsolider Spannung kombiniert.

Bestes Zitat: „Diese ganzen vergangenen Leben, von denen wir nichts wissen. Und jeder glaubt, sein eigenes ist das allerwichtigste, so wie wir.“

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