SIND – „Irgendwas mit Liebe“


Künstler SIND

SIND Irgendwas mit Liebe Review Kritik

In Berlin und Wien haben SIND ihr Debütalbum aufgenommen.

Album Irgendwas mit Liebe
Label RecordJet
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Man könnte jetzt meinen, dies sei das erste deutschsprachige Album, das voll und ganz der Generation Head Down entspringt. SIND aus Berlin liefern auf ihrem Debüt Irgendwas mit Liebe etliche Indizien dafür. Da gibt es Alpina Weiss, dessen Video die Berliner komplett auf dem iPhone gedreht haben, zu einem Lied, das vom ständigen Renovieren der Äußerlichkeiten als Ersatz für die dringend notwendige Renovierung des Selbst erzählt. Da ist Mi Wifi es su Wifi, das nicht nur im Titel das Bedürfnis von Always On widerspiegelt – eine Liebe wird darin mit Mobilfunkmetaphern zu Grabe getragen, sie ist erst 3G, zwischendurch gibt es noch einmal genug starke Balken, aber am Ende ist das Volumen aufgebraucht. In Deine Ruinen singt Sänger Arne mit einer Stimme in der Nähe von Tilman Rossmy und zu einem Song mit klasse Dramaturgie, er „ziehe gerne durch die Nacht mit dir / auf kaputten Displays / bis nachmittags halb vier.“ Und auf dem Cover von Irgendwas mit Liebe gibt es eine hellrosa Geschenkbox, in der dann aber keine Süßigkeiten stecken, auch kein Outfit und kein Autoschlüssel, sondern ein Laptop.

Die Entstehungsgeschichte der Band ist allerdings vollkommen analog. Sie ist sogar fast altmodisch, der Gegenentwurf zu Acts, die nach dem Prinzip „Einer sitzt im stillen Kämmerlein, denkt sich irgendwas aus und ballert das gleich ins Internet“ arbeiten, wie Arne das nennt. Er und seine Bandkollegen Hannes (Gitarre) und Max (Gitarre) gingen zusammen zur Schule. Das Berliner Kreativdorf Holzmarkt und der dortige Club Kater Blau wurden zur Keimzelle, als sie anfingen, zusammen Musik zu machen, dort kamen auch Schlagzeuger Ludwig und Bassist Mathias zur Band. Weiterhin genossen sie die Möglichkeit des Rumprobierens in der Homebase. „Für uns war das wie so eine Art Jugendclub“, sagt Arne über den Kater Blau. „Wir haben da Badminton gespielt, Partys gefeiert, alles auseinandergenommen – und es irgendwie geschafft, bis zum nächsten Morgen wieder top aufzuräumen.“ Hannes erinnert sich, SIND hätten anfangs „einfach drauflos gespielt. Das war zunächst nicht als Band konzipiert, sondern wir waren Freunde, die eben zufällig auch Musik miteinander gemacht haben.“

Anderthalb Jahre spielten SIND zusammen, bevor es im Januar 2014 das erste Konzert gab, dann führte der Weg nach und nach hinaus aus dem Kokon – nicht, weil sie nun einen Masterplan zur Weltkarriere hatten, sondern weil ihre Lieder einfach gut ankamen. Deine Magie war ein erster Achtungserfolg, danach gab es eine EP, nun das selbst finanzierte Debütalbum, produziert von Zebo Adam (Bilderbuch). „Wir hätten eigentlich erwartet, dass er viel mehr mit dem Kram rumwerkelt, mehr Sound reinbringt“, sagt Hannes. „Aber er hat uns ermutigt, die Sachen mehr oder weniger so zu belassen, wie wir sie geschrieben haben.“

Das war eine gute Idee. SIND zeigen auf Irgendwas mit Liebe nicht nur eine enorme Breite vielfältiger Einflüsse (sie selbst benennen The Whitest Boy Alive, Techno, die Foo Fighters, Zwölftonmusik, die Toten Hosen, Blues, Phoenix, Klassik, Jazz, diverse Bands der Hamburger Schule, Pink Floyd, Udo Lindenberg, die Beatles, amerikanischen und deutschen Rap sowie R&B), sondern auch, vor allem durch die sehr reizvollen Zitate in einigen Songs, einen beachtlichen Horizont, innerhalb von Popkultur und darüber hinaus. So setzt Danke Kim auf eine sehr prominente Smiths-Gitarre, der Album-Abschluss Wiener Liebeslieder spielt beispielsweise auf die auch von Udo Lindenberg schon öfter besungene Chicago Bar an und hat ein Gitarrensolo, das genau in dem Moment die Orientierung verliert, als dem Erzähler sein Herz bricht. So entsteht – passend zum Mix aus traditioneller Bandgeschichte und Digital-Native-Themen eine sehr zeitgemäße Rockmusik.

Der Auftakt Wir kommen irgendwann an beweist das bestens. Das Lied erzählt von der Anfangsphase von SIND, als klar war, dass sie diese Sache mit der Band durchziehen wollten, aber keineswegs klar war, ob das irgendeine Aussicht auf Erfolg haben würde. Sänger Arne spricht im Text seine Mutter an, mit vielen Fragen und Zweifeln wie „Ich weiß nicht, wer das kaufen soll“ oder „Wie finanziert sich das?“, für das Ende dieser Geschichte artikuliert er die Hoffnung „Bin bald zurück / mit den Platinplatten in der Hand“, für die Zwischenzeit bis dahin gibt es den Refrain „Weiß nicht wie, auch nicht wo oder wann / doch glaub mir, wir komm’ irgendwann an.“

So allein blickt auf eine Freundschaft zwischen Junge und Mädchen, in der vielleicht das Potenzial für mehr steckt, aber keiner von beiden ist sicher, ob es schlau ist, die Antwort darauf zu ergründen und dieses „Vielleicht“ zu entschlüsseln. Auch Betty Ford ist ein Lied über eine misslungene, aber intensive Bindung: „Baby, du bist meine Betty Ford / und dein Schoß mein Lieblingsort“, lautet das vergiftete Kompliment an die Frau, die in Momenten größter Einsamkeit und größter Trunkenheit immer wieder zum Trost und zur Zuflucht wird, verbunden mit einer sehr genau gespürten Portion an Selbstbetrug und Inkonsequenz. Gold, Teer und Tränen, das wunderbar aufs Album der Hansen Band gepasst hätte, thematisiert eine Erinnerung; es bleibt zwar vage, woran, aber es erscheint sicher, dass dieser Lebensabschnitt vorbei ist.

Ähnlich wie Leoniden oder I Am Jerry nehmen sich SIND das Recht heraus, ihre Jugend zu zelebrieren, ohne dabei naiv zu wirken. Die Vergänglichkeit ist erkannt, ebenso die potenzielle Bedrohlichkeit der Zukunft, aber das Ziel ist immer wieder, sie durch Lebensfreude und Zuversicht zu übertrumpfen, auch wenn die bloß flüchtig sind. „Scheiß auf die Leute / scheiß auf 27 / wir leben heute“, heißt es in Wahre Helden. Der Song zeigt den Zusammenhalt, der ein enorm wichtiges Element bei SIND ist und sich auch aus der Verunsicherung durch alles außerhalb dieser Gemeinschaft speist. Das spiegelt sich auch in der Band-Dynamik wider, die das Quartett gewählt hat, wie Mathias berichtet: „Alle müssen einverstanden sein, das macht die Sachen am Ende gut, auch wenn es manchmal anstrengend ist.“ Auch der Traum, der einmal das Maximalziel von SIND war, bestätigt die Bedeutung des Vertrauten und des Miteinanders: „Ich hatte immer diese Vision im Kopf, mit all unseren Freunden zu einem Festival zu fahren, wo alle umsonst trinken können, weil wir auf der Bühne stehen“, erzählt Arne.

Der Titelsong Irgendwas mit Liebe ist der beste auf dieser sehr guten Platte. „Hallo, der Herr Narzisst! / wieso denn heut‘ so angepisst? / das kommt davon / wenn man vergisst / wer einen noch liebte / und wer nicht“, heißt eine der Strophen. So könnten Selig vielleicht klingen, wenn sie 20 Jahre jünger wären, denn das Lied hat Drive, Leidenschaft und sogar Poesie. Sieht aus, als könne es sehr bald heißen: Diese Jungs SIND groß.

Für Smartphone-Freunde hier nochmal das Video zu Alpina Weiss.

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